Haltestelle Bücherei

Nachdem “Gegen den Tag” in den Feuilletons gerade gefeiert wird, möchte ich jetzt auch kurz meinen ganz persönlichen Senf zu dem Thema “postmoderner Roman” abgeben. Seien wir doch mal ehrlich: Am praktischsten an diesen Wälzern ist doch, dass man sie aufklappen kann, wo man will. Die kleine Nachtlektüre ähnelt dann dem TV-Konsum. Sie wird ein unterhaltsames Zappen.
Schon bei den Tausend Plateaus von Deleuze/Guattari – die ich jetzt hier mitnichten als postmodernen Roman hinstellen will (oder vielleicht doch?) – fand ich immer prima, dass man auf jede Ebene steigen konnte, ohne auch nur im entferntesten der Chronologie zu folgen. Ob diese Lektüre dann zu einem umfassenden Wissen über den Inhalt oder den Plot führt, kann ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Auf jeden Fall gibt es Erkenntnisfunken.

Ich habe mich beeilt, wie ihr vielleicht bemerkt, und bin nun auch schon auf Seite 87. Das einzige, was mir zu dem Stil (bis jetzt) einfällt, ist: bizarre (französisch ausgesprochen).

Ich bin mir nicht so sicher, ob ich dieses altmodische Idiom wirklich mag. Du hast schon recht, Karl, ein paar Sätze sind recht putzig (mein Lieblingsdialog ist natürlich: “Mein Pop fehlt mir mächtig.”
“Das muss furchtbar hart für dich sein, Chick. Ich glaube, an meinem erinnere ich mich noch nicht einmal.”

Ansonsten muss ich aufpassen, dass ich den Text nicht zu maniriert finde und – viel schlimmer – bald wie Alfred Kerr denke, der sinngemäß gesagt hat: Romane lesen nur Menschen, in deren Leben nichts passiert. Oder war es Alfred Polgar? Egal.

Komm kaum zum Lesen leider, aber Kapitelchen um Kapitelchen geniesse ich zunehmend. Die grosse Sympathie des Herrn Pynchon für seine Figuren mit den wundersamen Namen!

Und die hübschen Dialoge…

“Sie sind Künstlerin, Miss McAdoo?”
“Ich gebe den Tanz von Lava-Lava, der Vulkangöttin”, erwiderte sie.
“Ich bin ein grosser Bewunderer der dortigen Musik”, sagte Miles, “insbesondere der Ukulele.”

Dieser Sommer wird ein Pynchon-Sommer auf zweitens-magazin. Soeben ist “Gegen den Tag” auf Deutsch erschienen.

Am Sonntag habe ich angefangen zu lesen. Die Bedingungen waren perfekt, wie ich finde. Ich saß im Biergarten am Chinesischen Turm. Das Wetter war wunderbar, eine Russenmaß stand vor mir, die Blasmusik spielte und die Bayernfans tranken sich warm für das Spitzenspiel gegen den VfB Stuttgart. Weit bin ich noch nicht gekommen, aber nach wenigen Seiten hat mich schon wieder dieses seltsame Pynchon-Reisefieber ergriffen. Wie wird die Welt danach aussehen?

Wir werden in den nächsten Wochen, vielleicht auch Monaten, versuchen, dieses zu Buch lesen und (hoffentlich) regelmäßig hier auf zweitens-magazin über unseren Lesetrip schreiben: Anmerkungen, Gedanken, vielleicht auch nur ein paar Sätze als Zitat, wenn sie uns besonders gut gefallen. Der Spaß daran ist das Wichtigste. Und wenn es nur bei dieser – zugegebenermaßen etwas großspurigen – Absichtserklärung bleiben sollte – auch egal! Nebenbei: Gemeinsam ein Buch lesen – wann hat man das zuletzt getan? Man sollte es zumindest mal wieder versuchen. Vielleicht hat ja auch der eine oder andere Leser dieses Blogs Lust dazu.

“Es wirken mit: Anarchisten, Ballonfahrer, Spieler, Industriekapitäne, Drogenenthusiasten, Unschuldige und Dekadente, Mathematiker, verrückte Wissenschaftler, Schamanen, Psychotiker, Zauberkünstler, Spione, Detektive, Abenteuerinnen und Auftragskiller” – so Pynchon selbst.

Was könnte man noch mehr wollen?

Bald werde ich einen mir lästigen und peinlichen Rechtschreibfehler endgültig aus meinem Gedächtnis löschen können. Derzeit komme ich tatsächlich manchmal beim wichtigen deutschen Wort „Fußball“ durcheinander und muss dann schleunigst die Backspace-Taste drücken. Mir passiert es immer wieder, dass ich Fussball Fußball im ersten Versuch mit Doppel-s schreibe. Woher ich diesen Fehler habe, weiß ich auch. Ich habe vor längerer Zeit das schöne und an dieser Stelle sehr empfohlene Buch „Goooal!!! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fussballs“ der beiden Schweizer Wissenschaftler Fabian Brändle und Christian Koller gelesen und mir anscheinend unbewußt unbewusst deren Schreibweise eingeprägt. Dieses Buch ist im Züricher Orell Füssli-Verlag erschienen und die Schweizer kennen ja den lustigsten aller deutschen Buchstaben gar nicht. (Legendär: der Schweizer Humor. Hihihi.) Gemein ist nur, dass man Fußball in Majuskeln dann doch wieder FUSSBALL schreiben muss.

Bald aber nicht mehr. Vergangenen Freitag wurde nun der Buchstabe LATIN CAPITAL SHARP S FOR GERMAN in die Unicode-Tabelle 5.1 aufgenommen. Er hat die Position U+1E9E bekommen und wer mag, der kann sich dafür auch schon Tastaturtreiber herunterladen, die allerdings derzeit noch nicht allzu viel praktischen Nutzen bringen, weil bisher nur wenige Schriftarten das große Eszett kennen.

Rein typografisch habe ich dazu eigentlich gar keine Meinung und es ist ja auch eine Ausnahme, dass ich für diesen Eintrag mein Pages aufgemacht habe, um die Anführungszeichen zumindest an die richtigen Stellen unten und oben ins Blog kopieren zu können. (Nebenbei: Weiß jemand, wie man WordPress sagt, dass es das automatisch richtig macht? Mich nervt das.) Sinn und Unsinn, wie, was, warum – das diskutieren genug andere Menschen, zum Beispiel hier im fontblog. Formstudien, Glyphenvergleiche und Zeug und viele Infos mehr finden sich hier auf signographie.de oder hier unter typografie.info

Ich schreibe einfach ein paar Mal zum Spaß (und für die Zukunft) das Wort FUẞBALL, FUẞBALL. FUẞBALL. Noch kann man es nicht vernünftig lesen, weil der Hexadezimal-Code ẞ für das große Ezett noch nicht richtig dargestellt wird. Falls jemand irgendwann aus der Zukunft zurücksurft zu diesem Post mit einem topmodernen Browser, der die neuesten Zeichen beherrscht, dann kann er es hoffentlich richtig lesen.

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