Haltestelle Bücherei

Man wirft das ja leicht mal jemandem vor, wenn er seine User dazu benutzt, Werbung zu machen, also: den content zu generaten, für den eigentlich derjenige, der daran verdient, sorgen müsste. Nur: “Tubuk” kann man das einfach nicht vorwerfen. Weil “Tubuk” eben auf der richtigen Seite steht.
So lange nun reden alle schon vom “Long Tail”, dass man sich ehrlich fragen muss, wieso “Tubuk” nicht schon längst erfunden wurde. Egal, jetzt gibt es den wählerischen Onlinevertrieb mit integrierter Social Community ja endlich: “Tubuk” verkauft “nicht jedes Buch”, wie der Slogan frech wie stolz behauptet. “Wir vertreiben”, heißt es da (zugegeben: etwas hip-pathetisch),

ganz bewusst junge, innovative Bücher abseits des Massenbetriebs, abseits der gehypten Bestsellerlisten. Bücher mit Anspruch an inhaltliche und ästhetische Qualität. Bücher, die es schwer haben, in die Thalia-, Weltbild- und Hugendubel-Filialen zu gelangen, die aber trotzdem ihren Weg zum Leser finden sollten. Weil sie intelligent sind, weil sie schön sind und weil sie begeistern.

Bereits angeschlossen haben sich dem Portal, das der Schwarzerfreitag-Verleger Andreas Freitag ins Leben rief, die Verlage kookbooks, bilger, blumenbar, Luftschacht, Lilienfeld, orange-press und so weiter und so weiter. Wie gesagt: “Tubuk” steht eben auf der richtigen Seite. Und hübsch wie übersichtlich aufgemacht ist´s auch noch:
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Über Jonathan Littells Roman “Die Wohlgesinnten” weiß ich beinahe alles, was man wissen muss. So weiß ich, dass es ein perverses Buch ist, geschrieben von einem Idioten, der zwar recherchiert hat, aber nicht schreiben kann, der den großen Tabubruch unternommen hat, ein Buch über den Holocaust aus der Täterperspektive zu schreiben, aber letzten Endes darin absolut gescheitert ist. Er hat nur Pornografie zustande gebracht, wo Reflexion angebracht gewesen wäre. Und überhaupt hat hat er wahrscheinlich, neben aller moralischen Verwerflichkeit, das schlechteste Buch der letzten tausend Jahre geschrieben, dieser perverse Kitschbruder, der einer noch perverseren Rassenideologie anhängen muss. Ich weiß das, weil ich bis zum Veröffentlichungstag des Buches am vergangenen Samstag eine Menge Rezensionen gelesen oder Berichte dazu im Fernsehen gesehen habe. Das Buch selbst kenne ich nicht. Wie auch?

Ich weiß aus diesen Rezensionen auch, dass man dieses Buch keinesfalls lesen darf. Es könnte beschädigen. Ich weiß das zum Beispiel von Iris Radisch aus der ZEIT. Auf eine Frage habe sie – “Pardon, chers amis français” – keine Antwort gefunden: “”Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rasseideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten um Himmels willen dennoch lesen?” In Frankreich wurde das Buch als Riesenwurf gefeiert. Weiterhin weiß ich mittlerweile auch, dass man sich schämen müsste, das Buch jetzt, wo es möglich wäre, zu kaufen und zu lesen. Schließlich wird mir seit Wochen von einigen Zeitungen gleich mehrfach in jeweils seitenlangen Artikeln einhellig eingeprügelt, meine Finger von dem Buch zu lassen. Falls man dann an dem Buch bei allem Überfluss auch noch irgendeinen Aspekt wirklich diskussionswürdig fände und wenigstens einen Hauch Restmoral im Leib hätte, dann müsste man sich vorsichtshalber einweisen lassen. Natürlich übertreibe ich, doch wann hat man das letzte Mal eine so einhellige, mit moralischem Furor vorgetragene Abneigung gegen ein Buch mitbekommen? Was vor allem deshalb komisch ist, weil man nach dem ersten Totalverriss jeden weiteren beinahe mitsprechen konnte. Bizarr wirkt das dann in den kurzen Fernsehberichten, die in den News-Magazinen ja nicht fehlen dürfen. Nach dem Motto: neues Buch über NS-Zeit -> von ahnungslosem Deppen Anfang 30 –> pervers, außerdem KEIN Deutscher! –> Wer das liest, ist blöd. Fertig ist die Buchbesprechung, moralisch stromlinienförmig, mehr geht halt nicht im Fernsehen.

Ich will keine Lanze für dieses Buch brechen. Keinesfalls. Ich kenne es nicht und schon die Idee dazu erscheint mir fragwürdig. Und selbstverständlich soll und darf jeder Kritiker seine Meinung so deutlich sagen, wie es ihm nötig erscheint. In diesem Fall finde ich es nur komisch, dass das schon Wochen vor Erscheinen des Buches angefangen hat. “Wir haben den ersten Artikel und bevor ihr den ersten habt, haben wir schon den zweiten, der das Buch noch schlimmer findet. Und zur Not machen wir auch noch einen dritten dazu und außerdem haben wir auch noch einen Romancier am Start, der das Buch auch schon kennt.” Seltsame Zweischneidigkeit: Das Buch ekelhaft sensationsheischend finden, aber dann schon Wochen vorher eine Sensation daraus machen, die Schraube weiter drehen, bis überall nur noch Gift und Galle gespuckt wird und jeder, der wollte, schon schlimmste Grausamkeiten in Zitatform als Beleg für den Kitsch des Buches gelesen hat. Man nennt das Ganze dann wohl Debatte, die zu dem Zeitpunkt für beendet erklärt scheint, an dem das Buch auf dem Markt ist.

Einen lesenswerten Artikel zum Thema hat Klaus Theweleit unter dem Titel “Die jüdischen Zwillinge” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am vergangenen Sonntag geschrieben. Überhaupt: Im Reading Room der FAZ kann man noch kräftig über dieses Buch diskutieren, Meinungen von wichtigen Menschen lesen und so weiter. Was wahrscheinlich daran liegt, dass die FAZ seit Anfang Februar den Roman exklusiv vorabdruckt. Daraus sollte man schon etwas machen. Und nochmals überhaupt: Bei der FAZ findet man das Buch gar nicht ganz so schlecht.

Dune_Avalon_Hill Zwar sind die Sechzigerjahre längst vorbei, da aber derzeit anscheinend jeder Mensch, auch wenn ihm nur das Verdienst zufällt, damals studiert zu haben, seine nichtige Meinung dazu öffentlich kundtun muss, habe auch ich etwas zu sagen, ohne damals schon studiert, geschweige denn überhaupt gelebt zu haben: Endlich ist mein Nachbau von Avalon Hills legendärem, längst vergriffenem Brettspiel Dune aus dem Jahre 1979 fertig. Mit den Sechzigern hat das nur insofern etwas zu tun, weil es auf Frank Herberts Science-Fiction-Epos Der Wüstenplanet basiert, das wohl ein sogenanntes Kultbuch der 68er gewesen sein soll. Kann das mal jemand demnächst öffentlich bestätigen? Ein guter Roman ist es allemal, auch wenn ich irgendwann im vierten Band zu lesen aufgehört habe.

Eine Heidenarbeit, dieses Brettspiel, meine Güte! Das ging nicht so einfach wie Twilight Struggle (Bastelstunden-Bericht hier). Ganz schön viel Geschnipsel und Laminieren. Aber nette Menschen haben im Dune-Eintrag auf boardgamegeek.com sämtliche Materialien, die es braucht, bereitgestellt, man muss sich nur das Richtige zusammensuchen. Hilfreich war da auch noch ein Podcast über Dune eines Menschen, der auf seinem Blog Print and Play Spiele bespricht, die man sich basteln kann und darf.

Natürlich geht es um die Vorherrschaft auf dem Wüstenplaneten. Bis zu sechs Parteien kämpfen um die “Melange”, um das Spice, das auf dem Planeten wächst und den Antrieb der Raumschiffe ermöglicht. The spice must flow, heißt es, sonst geht alles kaputt. Mir erscheint besonders interessant, dass jede Partei unterschiedliche Fähigkeiten mitbringt und deshalb jeweils vollkommen eigene Spielstrategien verfolgen muss. Die Spieler müssen Regionen des Planeten besetzen, dort das Spice abbauen und hoffen, dass weder Wüstensturm noch Riesen-Sandwürmer ihre Truppen vernichten und die Ernteerträge wegpusten bzw. aufessen. Unter gewissen Bedingungen dürfen Allianzen geschmiedet werden, am oder abseits des Spieltisches, an die es sich zu halten gilt, bis wieder ein sogenannter Nexus eintritt und neu verhandelt werden darf. Das Spiel scheint mir eine äußerst spannende Mischung zu bieten aus Strategie, Taktik und Diplomatie. Bin sehr gespannt auf die erste Proberunde. Die User-Besprechungen auf boardgamegeek sind größtenteils schwer begeistert und außerdem hat sich eine meiner Lieblingskapellen Giant Sand ursprünglich nach diesen Riesen-Sandwürmern benannt, bis irgendwann der -worms am Ende des Bandnamens wegfiel. Scheint ein Wahnsinnspiel zu sein. Muss ich bald man wieder David Lynchs Verfilmung anschauen. So zur Einstimmung. Zu Ende lesen werde ich diesen Schinken in diesem Leben nicht mehr. Bin ja kein 68er.

rollins.jpg … ist tatsächlich ein Witzbold, was man ja überall lesen kann, aber ich musste es erst mit eigenen Augen sehen, ich ungläubiger Thomas, ich. Das letzte Mal habe ich den Herrn vor Jahren mit seiner Rollins Band gesehen und da kam er mir alles andere als witzig vor, eher ein wenig wahnsinnig. Ein wenig getrieben ist der Mann aber wohl wirklich: Drei Stunden am Stück hat er gestern Abend in der Münchner Muffathalle geredet, keine Pause, einmal ein Schluck Wasser, ansonsten Vollgas! Notizen braucht er für seine Auftritte keine, die Geschichten sprudeln einfach, als Hauptdarsteller immer er selbst: Besuch in Pakistan, Filmdreh, Van-Halen-Konzert, als Tourist im Iran, Kontaktprobleme, Präsident Bush, Kunstgalerien, usw. Ein einzig langer Monolog, höchst eloquent und polemisch, prima getimed, immer auf den Punkt und dabei so dermaßen komisch und kurzweilig, dass mir die drei Stunden Stehen nichts (naja, fast nichts) ausgemacht haben. Ein wenig Angst hatte ich vorher, dass man mit plumpen Bush-Polemiken zugeschüttet würde, doch die paar wenigen Minuten, die Rollins spottete über “seinen Präsidenten”, wie er immer wieder betonte, waren beinahe schon elegant. Es ging um Bushs geringe Fähigkeiten, sich vernünftig zu artikulieren, was natürlich gefundenes Fressen ist für Sprachmaschine Rollins. Ansonsten macht er sich besonders gerne selbst zum Affen, hampelt herum und spielt mit Vorliebe Situationen, in denen das Zugehen auf andere Menschen überhaupt nicht klappt: “Hi, I’m Henry” und dann Panik-Geschwafel. Das ist wirklich wunderbare Kick-Ass-Stand-Up-Comedy. Geh ich das nächste Mal wieder hin.

Wer mag, kann sich ja auf YouTube ein paar Sachen anschauen, zum Beispiel rasend Komisches über Dating-Probleme aus einer früheren Show. Oder aus seiner Fernseh-Show, keine Comedy, sondern ein politischer Rant zum Thema Internet und Zensur, aber weil er ja Recht hat, der Henry. (Nur so nebenbei: Wie hieß so etwas denn früher? Heute liest man nur noch “Rant”.)

„Ich bin nicht mehr Norbert, auch nicht Ncc … Nun bin ich der Fremdling meiner selbst, der Trost sucht, wo es ihn nicht gibt: bei Bier und Wein, General Pappenheimer muß es sein.“ Schreibt Norbert Conrad Kaser mit noch nicht ganz 20 Jahren, im März 1967, dem Jahr seines „eintritts in die literatur“. Der Aufenthalt dort währt nicht lange: Elf Jahre später, im August 1978, stirbt Kaser an einem Lungenödem, der Folge einer Leberzirrhose. Dazwischen: der Wunsch, Mönch zu werden, Dorflehrer-Dasein, Arbeitslosigkeit, Reisen, Aushilfsjobs, Austritt aus der katholischen Kirche, Eintritt in die KPI, Aufenthalte in Krankenhäusern und Nervenheilanstalten – General Pappenheimer war eigentlich immer dabei, „mein gewissen lebt vor offener kaefigtuer“, schreibt er 1975 in einem Brief. Er war eben ein Dichter: einer, dem Heimat und große weite Welt gleichermaßen Angst und lieben machten; der sich selbst nie ganz zu kennen wagte und doch wusste, dass „Wahrheit ganz einfach das ist, dass man Dinge aufdeckt, die gar nicht aufzudecken sind.“ Auch der von Raoul Schrott zusammengestellte Kaser-Band „Elementar“ (beim Haymon-Verlag, der auch die Gesamtausgabe gemacht hat) lässt einen nicht schlau aus Kaser werden, doch immerhin ein paar gewichtige Ahnungen von ihm bekommen. Darin – in rein chronologischer Ordnung – Briefe, Prosastücke, Essays, Interviews, seine poetisch böszüngigen „stadtstiche“ und natürlich viele Gedichte, auch sein letztes natürlich: „ich krieg ein kind/ein kind krieg ich/mit rebenrotem kopf/mit biergelben fueßen/mit traminer goldnen haendchen/&glaesernem leib/wie klarer schnaps//zu allem lust/&und auch zu nichts//ein kind krieg ich/es schreiet nie/lallet sanft/ewig sind/die windeln von dem kind/feucht & naß//ich bin ein faß“
Was jetzt vielleicht einen falschen Eindruck macht: Kaser – oder besser: n.c.kaser, der immer klein geschrieben hat und weder Trennstriche noch Umlaute kennen wollte – Kaser also hat nicht nur übers Trinken geschrieben. Am besten man höre selbst – denn das klingt natürlich auch nach dem Südtirol, wo Kaser herkam und von dem er nie wegkam: „der kannibale“ (direkt zur Audiodatei) etwa oder „venedigs nachmittag“ (direkt zur Audiodatei) oder was anderes.

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