Haltestelle Kunstpark

Einmal Clint Eastwood ist ja schon ein Vergnügen. Aber innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Mal den verbitterten Revolverhelden im Kino zu sehen, ist natürlich als kinematographisches Erlebnis kaum zu übertreffen. Gestern in „High Plains Drifter“ von 1973 – heute sein neuer Film „Gran Torino“. Einmal der wahrscheinlich teuflischste Western seiner Laufbahn überhaupt – dann sein neues anrührendes Drama über einen Kriegsveteranen im Vorortstress. In „High Plains Drifters“ gibt Eastwood den einsamen Rächer, der nicht nur die Unsympathischen mit flinkem Finger aus dem Weg räumt, sondern gleich auch ein ganzes Dorf für eine einstige Feigheit bestraft. Dabei vergewaltigt er Frauen (die das dann hinterher aber doch ganz toll finden) und zeigt sich auch sonst recht raubeinig. Wie ähnlich heute sein „Gran Torino“: Eastwood ebenfalls als ziemlich mieser, ausländerfeindlicher alter Sack, der die Probleme grundsätzlich mit der Waffe löst. Beerdigungen gibt’s in beiden Filmen einige und auch sonst ist das amerikanisches Rache-und-Opfer-Kino in Reinkultur. Von Eastwood mit aller Konsequenz inszeniert, und vielleicht deshalb so stark. Die kleine asiatische Freundin von Walt Kowalski antwortet ihm in „Gran Torino“, als er sie verwundert fragt, warum sie ihn denn bloß sympathisch fände, ganz einfach: „Du bist Amerikaner.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das einzige, was Kowalski noch etwas bedeutet, ist sein alter Ford Gran Torino. Der ist Baujahr 1972, hat also das gleiche Entstehungsdatum wie Eastwoods „High Plains Drifters“. So schließt sich der Kreis. Wie zuletzt schon erwähnt, gibt’s bis Mitte Juni im Filmmuseum noch viele andere Eastwood-Filme zu sehen. Hier noch Kowalski mit Karre und Knarre (interessant: die beiden stärksten Symbolen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krise) und mit dem Titelsong zu “Gran Torino”, von Eisenstimme Eastwood persönlich vorgetragen.

Ein kurzer Programm-Hinweis, bevor das Schlimmste passiert und noch mehr Filmperlen ungesehen bleiben. The Good, the Bad and the Ugly ist zum Beispiel schon durch, verloren, ach herrjeh, und so müssen wir Verdammten dieser Erde wieder Jahre warten, um dieses Meisterwerk endlich im Kino zu sehen.
Also: Das Münchner Filmmuseum zeigt derzeit eine Clint Eastwood-Retrospektive. Die Reihe dauert zwar noch bis zum 24. Juni, doch heute Abend gibt es um 21 Uhr The Beguiled (Betrogen) von Don Siegel und als Vorfilm Eastwoods erste nominelle Regiearbeit The Beguiled: The Storyteller zu sehen, ein 12-minütiges Promo Reel über die Dreharbeiten. Morgen um 21 Uhr wird Play Misty for Me (Sadistico) von 1971 gezeigt, der erste Spielfilm in der Regie von Clint Eastwood.

Das Programm zu Clintessenz – Retrospektive Clint Eastwood gibt es beim Filmmuseum zum Downloaden.

Als Künstler: diese elende Mühe, wahrgenommen zu werden.

Die gute und zeitgemässe Abhilfe gegen die Unsichtbarkeit bieten Online-Galerien wie diese und jene, die vermehren sich wie die Karnickel zur Zeit. Heute begeistert mich die Lumobox-Galerie, welche ihr Geschäftsmodell stärker als die Konkurrenz auf die Kundenwünsche abzielt. Hier kann man die Kunst nach Farben sortiert durchblättern und sich schliesslich eine Wohnzimmer-Vorschau generieren lassen!
Das ist die Zukunft! Leider für hunderttausend Werke im immer gleichen bünzligen Laminat-Ledersofa-Zierbaum-Ambiente, da fühl ich mich dann doch nicht als Teil der Zielgruppe.

Und durchaus verwandt folgende Anzeige vom Kunsthaus Mensing, die mir eben zugesandt wurde. Durchlesen lohnt!
veraufer

Zum Glück werd ich jetzt a) erstmal nicht Künstler und b) hab einen Job ganz woanders.

Die Berlinale war dieses Jahr für mich geprägt von Extremen. Auf der einen Seite die beeindruckende 70mm-Retrospektive: neben dem DDR-Kostüm-Opus „Goya“ und dem Marlon-Brando-Spaß „Die Meuterei auf der Bounty“ hab‘ ich noch „Lawrence von Arabien“ gesehen. Fast eine Reihe nach hinten gedrückt hat mich im International aber John Fords letzter Western „Cheyenne Autumn“. Es war zwar keine restaurierte Kopie und sie hatte schwedischen Untertiteln, oder waren es norwegische? Aber die Farben und die Schärfe des Monument Valley waren als echte 70mm-Projektion wirklich unglaublich. Und selbstredend ist auch ein mittelmäßiger Western von John Ford besser als fast alle neuen Filme.

Auf der anderen Seite gab es diese vielen ganz kleinen Momente. Natürlich Andre Bujalskis feiner „Beeswax“, wo Bujalski wie schon bei „Mutual Appreciation“ Freunde von ihm beim alltäglichen Konversationswahnsinn auf 16mm filmt. Diesmal als Gerichtsthriller ohne Thrill, wie er beim Q&A danach zugab. Wieder geht es um Beziehungen und Unbeziehungen und all die sprachlichen Vermittlungsversuche, mit viel Witz und Fingerspitzengefühl. Auch die Asiaten haben mich wieder schwer beeindruckt. Etwa das stimmungsvolle koreanischen Road-Movie “My dearest Enemy” von Lee Yoon-Ki, bei dem ein Ex-Pärchen durch Seoul kurvt, damit der Mann Geld für seine Ex-Freundin auftreiben kann. Den stärksten Film fand ich „Claustrophobia“ von Ivy Ho.

claustrophobia

Eine Geschichte von einer Handvoll Menschen, die zusammen in einem engen Büro in Hongkong eingepfercht arbeiten, in einem engen Aufzug und einem engen Auto nach Hause fahren. Es geht um das alltägliche Leben in Hongkong also, erklärte die Regisseurin und nennt es auch ein Road-Movie. Wie beim koreanischen Film am Tag zuvor aber nur in einer Stadt. Der Film beginnt mit einer Autofahrt der Gruppe bei der sich zwei Personen anfangen zu streiten. Dann gibt’s einen plötzlichen Sprung in die Vergangenheit und wenig später weiter in die Vergangenheit… Der Film ist rückwärts erzählt, schafft aber das Außergewöhnliche, dass es einem wie eine normale Filmstruktur vorkommt. Langsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die mit dem Anfang ihren Höhepunkt findet. Sehr stark. Das Drehbuch hat Frau Ho übrigens für Herrn To, genau: Johnny To, geschrieben. Nachdem er ein Jahr nix daraus gemacht hat, hat sie’s zurückgekauft und selbst verfilmt.

Diesmal hab’ ich nicht wie letztes Jahr mit “Tropa De Elite” den Gewinnerfilm (“La Teta Asustada”) gesehen. Obwohl ich es mit dem etwas zu naiven “Mammoth” von Lukas Moodysson und dem gradlinig berührenden “London River” von Rachid Bouchareb durchaus versucht habe. Bei letzterem hat immerhin Sotigui Kouyaté den Preis als bester Schauspieler gewonnen. Aber irgendwie gewinnen bei der Berlinale ja immer fast alle Filme irgendwas.

pynchon_gegen_den_tagGerade habe ich „Gegen den Tag“ zu Ende gelesen. Auch ich hab‘ mir bis auf einen Urlaub, in dem ich die ersten dreihundert Seiten gelesen habe, keine Auszeit für das Buch gegönnt. Da muss ich Max Recht geben, die Zeit der aufopferungsvollen Buchverschlingprojekte scheint endgültig vorbei. Also hat’s halt neun Monate gedauert. In kleinen Happen, meist in S- oder U-Bahn, oder Bus. War nicht das einzige Buch in dieser Zeit. Aber da es mein erster Pynchon war, und er ja von Anfang an Spaß macht, wollte ich einfach nicht aufgeben. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es ist zu Beginn ein Abenteuerbuch und bleibt es bis zum Schluss. Und ich kann nicht behaupten, dass ich die Mehrzahl aller technischen, philosophischen oder naturwissenschaftlichen Anspielungen verstanden habe, oder dass ich immer wusste, was für eine Figur da mal wieder etwas erlebte, geschweige denn wo sie war und mit wem sie gerade umherzog. Aber allein der (fantastisch übersetzte) Humor hat mich wirklich immer wieder von einer Seite zu nächsten gebracht. Und wenn fünf Seiten vor Schluss, wo man längst die schweren erzählerischen und inhaltlichen Geschütze erwartet, folgender Song erklingt, dann bin ich nichts anderes als begeistert:

Wir sind Vegetarier …
Kein Wenn, kein Und, kein Aber,
Unschuldige Agrarier,
Echte Naturliebhaber.

Gulasch ist verboten,
Ebenso Hax’ vom Schwein,
Wir essen lieber Schoten
Und lassen Fleisch Fleisch sein.

Hände weg von Châteaubriand,
Auch kein Tatar auf Toast,
Fleischesser sind voll Unverstand,
Vegetarier sind getrost.

Wir sind Vegetarier,
Argentinien kann uns mal,
Keine Larifarier,
Unser Wille ist wie Stahl.
Gauchos schleudern Flüche,
Ihre Kühe woll’n wir nicht,
In uns’rer Gemüseküche
Ist Fleischlosigkeit uns Pflicht.

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    • Verstand in Gefahr?!: Die Gruppe E verspricht durchaus spannend zu werden....
    • maxl: wunderschön. und so kurz. danke
    • slu: Ganz ehrlich: eigentlich ein Skandal, dass die Algerier dabei sind und...
    • Ben: Na das freut mich aber doch sehr. Willkommen im Reich der hängenden...
    • huso: o die haben gefickt oder was in denn bett hahaha gute geschichte
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