Haltestelle Sportplatz

Chile, Gruppe H

von Ben Strack-Zimmermann

Das magersüchtigste Land der Welt hat sich nach zwei Weltmeisterschaften Pause mal wieder qualifiziert – und das wirklich überzeugend! Während der Qualifikation zur letzten WM hat man eingesehen, dass es die alten Recken nicht mehr bringen und zunehmend auf junge Spieler gesetzt, wofür man nun den gerechten Lohn ernten konnte. Man nahm in den letzten drei Jahren immer mehr Fahrt auf und qualifizierte sich früh und stilvoll, noch dazu mit wunderbarem Offensivfußball. In den Fußballzeitschriften werden sie seitdem noch ziemlich schmählich ignoriert, für den Schreiber dieser Zeilen sind sie neben der Elfenbeinküste der mit Abstand interessanteste Außenseiter. Coach Bielsa hat durch die gelungene Qualifikation schnell Monumentalstatus erreicht, was er auch verdient hat. Kaum eine andere Mannschaft wagt es derzeit, so risikoreich zu spielen. Natürlich läuft man so auch gerne mal ins offene Messer, aber insgesamt ist es schon beeindruckend, was die Chilenen da mittlerweile so auf dem grünen Rasen zelebrieren. Legendär auch das Auftreten von Bielsa in Pressekonferenzen, die die einzige Möglichkeit sind, ihn zu befragen, da er normalerweise keine Exklusivinterviews gibt. Kommt es dann zu taktischen Fragen, doziert er gerne auch mal drei bis vier Stunden lang. Kein Wunder, kommt er doch aus einer Politikerfamilie, wo anscheinend gerne mal geredet wird. Wir haben da also eine junge, ungestüme Mannschaft, auf die man sich einfach nur freuen kann. Entweder wird sie die Konkurrenz ganz schön aufmischen oder mit fliegenden Fahnen untergehen.
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Paraguay, Gruppe F

von Ben Strack-Zimmermann

Eingezwängt zwischen den Fußballgiganten Brasilien und Argentinien hatte der immer etwas rückständige Agrarstaat Paraguay eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder unfair spielen oder ein Spiel weitestgehend verhindern. Da die verhassten Uruguayer die Nische der Unfairness nach dem Krieg immer besser bedienten, hat man sich irgendwann in den 50ern für Option B entschieden. Man spielte ehrlichen Fußball der Marke VfL Bochum ohne Sturmambitionen, erfand den dritten Ausputzer sowie die 5-er Reihe im defensiven Mittelfeld und verlegte den Nationalfeiertag auf das jeweils letzte Datum, an dem ein 0:0 gegen Brasilianer oder Argentinier gelungen war. Dann aber, in der Fußballneuzeit, geschah etwas Schreckliches: Man begann unabsichtlich fähige Spielaufbauer, dribbelstarke Stürmer und letztendlich sogar Kandidaten für die lange Zeit in Paraguay verbotene Zone, die Außenbahnen, zu produzieren. Dies hatte zutiefst traumatische Konsequenzen für die Fans aus dem Binnenstaat, der ansonsten so öde ist, dass sich nicht einmal der Weltspiegel dorthin verirrt, um einen nasebohrenden Viehzüchter mit ausladendem Schnurrbart ein Mikrofon unter die Nase zu halten – man muss sich seitdem Gedanken über Taktik machen. Bisher ist das Ergebnis eher enttäuschend. Bei der letzten WM trat man mit einer eigentlich interessanten Mannschaft an, die aber soviel Angst vor den eigenen Fähigkeiten hatte, dass sie letztendlich in einer Art Totenstarre auf dem Rasen agierte. Die Qualifikation war danach zunächst sehr souverän, man marschierte selbstbewusst vorneweg, um dann wiederum zu erschrecken und über die Ziellinie zur Qualifikation eher unbeholfen zu taumeln. Die letzten Auftritte haben eigentlich nur klargemacht, dass man immer noch keinen blassen Schimmer hat, wie man in dieser seltsamen Fußballneuzeit so agieren soll.
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Deutschland, Gruppe D

von Ben Strack-Zimmermann

“Nun steh ich da, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor”. Ungefähr so einen Eindruck hinterließ die deutsche Mannschaft beim (ziemlich) neutralen Betrachter in den letzten zwei Jahren, einschließlich der seltsamen Europameisterschaft. Ja, diese Mannschaft kann spielen. Sie tut es auch in 60 Prozent aller Spiele, sie lässt es aber auch gerne mal sein. Ja, sie hat einige Einzelkönner, die man international fürchtet. Aber wie ist die Form von Klose und Podolski? Und gibt es auch mal eine Abwehrformation, bei der man nicht mindestens dreimal im Spiel “Oh Jemineh!” ausrufen muss? Würfelt der Schweinsteiger vor dem Spiel aus, wie gut er heute ist? Wie verkraftet der junge Torwart das alles? Wäre ein echtes defensives Mittelfeld nicht doch eine sinnvolle Anschaffung? Oder, einfach gefragt: Wie gut ist diese deutsche Mannschaft wirklich? Die Qualifikation war überwiegend überzeugend. Andererseits dürfte eine finnische Mannschaft natürlich niemals so gut aussehen wie in den beiden Spielen gegen die Deutschen. Nun ist natürlich wahrlich nicht alles schwarz. Im Gegensatz zu den dunklen Jahren 1998-2004 hat man einen Haufen spielstarke Spieler an das Team herangeführt. Auch deutsche Tugenden dürfen dem Multikulti-Haufen durchaus unterstellt werden. Man sieht gegen große Teams auch viel öfter gut aus als noch vor ein paar Jahren. Doch man hat halt auch einen nach missglückten Vertragsverhandlungen angeschlagenen Trainer, herumeiernde Team-Manager und Präsidenten, und generell nicht mehr die “Lustig, lustig, Trallalalala”-Stimmung wie noch vor vier Jahren. Und so gehen die Deutschen diesmal als mysteriöse Sphinx ins WM-Rennen, als enigmatisch wabernde kosmische Unschärfe – so oder wenigstens so ähnlich würde es wohl Andreas Brehme ausdrücken.
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Australien, Gruppe D

von Ben Strack-Zimmermann

Australien hat nach der erfolgreichen WM 2006 den Kontinentalverband gewechselt und ist durch die asiatische Qualifikation ziemlich locker durchmarschiert. Alle asiatischen Teams tun sich enorm schwer mit den physisch unglaublich starken Australiern – kein Wunder, da rennen teilweise wirklich unfassbare Boliden über den Platz. Das filigrane Spiel liegt den Aussies nicht, stattdessen hat man wohl vor, international gerühmten Tretern wie den Uruguayos oder den Serben den Rang abzulaufen. Man spielt immer mindestens sehr hart, oft auch gerne einfach nur noch brutal – schottische Abwehrkunst trifft auf mediterranes Fairnessverständnis, um es mal höflich auszudrücken. Man hat zwar einige vorzügliche Ballbehandler in den eigenen Reihen. Trotzdem gibt es nicht viel Chi-Chi. Geradlinig wird nach vorne gespielt, um jeden Angström Rasen gekämpft. Fans von stumpfem britischen Fußball aus dem Mesozoikum dieser Sportart kommen dabei genauso auf ihre Kosten wie Fans von stumpfen britischen Barschlägereien. Australien ist ganz sicher keine Mannschaft, gegen die man gerne spielen will, da auch ein Sieg im Normalfall richtig wehtut. Die unglaubliche Moral und der fast schon legendäre Kampfgeist der Australier machen sie mittlerweile zu einer der am schnellsten aufstrebenden Fußballnationen im Weltfußball. Trotz starker Konkurrenz in der Vorrundengruppe hat man die zweite Runde fest im Visier.

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Ghana, Gruppe D

von Ben Strack-Zimmermann

Spät hat sich eines der wichtigsten Fußballländer Afrikas erst bei einer Weltmeisterschaft präsentieren dürfen. Dafür war die Premiere in Deutschland gleich vielversprechend, konnte man doch die zweite Runde erreichen und dabei die arrivierten Tschechen demütigen. Vier Jahre später scheint man mindestens genauso gefährlich zu sein. War die Qualifikation in der ersten Gruppenphase noch recht holprig, so schaffte Ghana es dann doch, sich zu steigern und sich unterm Strich ziemlich mühelos zu qualifizieren. Das Team ist gut eingespielt und über die letzten Jahre organisch gewachsen. Man spielt für afrikanische Verhältnisse äußerst diszipliniert. Hinten solide, im Mittelfeld absolut brillant, nur vorne fehlen halt sichere Verwerter, aber auch da hat man qualitativ wenigstens in der Breite zugelegt. Beim Afrikacup trat man mit wenigen Stars fast schon mit einem B-Kader an und konnte trotzdem einen starken zweiten Platz erreichen. Die Gruppengegner sollten also gewarnt sein. Die schier endlosen Reserven in der fußballbegeisterten ghanaischen Jugend lassen für die nächsten Jahre noch Großes erwarten, aber eigentlich will man dieses Mal schon so richtig durchstarten und die Welt noch etwas mehr beeindrucken.


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