Haltestelle Sportplatz

Serbien, Gruppe D

von Ben Strack-Zimmermann

Pleiten, Pech und Pannen begleiteten Restjugoslawien im letzten Jahrzehnt. Erst mit dem Zurückschmelzen auf ein Restserbien scheint man mal wieder eine Mannschaft beisammen zu haben, die etwas taugt. So hat man eine beachtlich starke Qualifikation gespielt, aufbauend auf einer sicheren Defensive und angereichert mit den für die Region typischen technischen Fertigkeiten. Der böse Bube Europas, das Land, in dem zwielichtige Staatsmänner auf wunderbare Weise zu bärtigen Heilern mutieren, guckt also mal wieder bei einer Weltmeisterschaft vorbei. Zumindest zu Hause ist man sich sicher, dass man die zweite Runde problemlos erreichen wird. Eine Meinung, mit der sie weltweit durchaus alleine dastehen dürften, aber man will ja nicht so sein: Grenzenlose Selbstüberschätzung kann ja auch für den neutralen Beobachter spannend – oder zumindest komisch sein. Fußballerisch bewegt man sich zwischen den altbekannten Balkanpolen, soll heißen: Technische Brillanz und überragender Spielwitz gehen gerne Hand in Hand mit überhartem Spiel und einem seltsamen Phlegma. Das Geheimrezept für den neuerlichen Aufschwung ist wohl der neue Coach Radomir Antic, womit Serbien hier ganz im Trend liegt, wechseln doch die meistbegehrten Trainer seit ein paar Jahren immer mehr vom Clubfußball zu den Nationalmannschaften. Antic war seit langem der Lieblingskandidat des serbischen Fußballverbands (ein sogar für Fußballverbände äußerst zwielichtiger Haufen). Er hat sofort voll eingeschlagen. Serbien spielt zum ersten Mal seit Jahren disziplinierten Fußball, hat taktisch einen Riesensprung gemacht. Einen ganzen Schwung an neuen Namen wurde nach oben gespült. Bleibt abzuwarten, ob sich das alles auch auszahlt oder ob man bei dieser WM ähnlich konfus auftritt wie vor vier Jahren.
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Nigeria, Gruppe B

von Ben Strack-Zimmermann

Nigerias Nationalelf hat nach dem erstmaligen Betreten der Weltfußballbühne 1994 eine klare Richtung eingeschlagen. War man damals noch richtig stark, so muss man die nächsten beiden Auftritte wohl mit “gut” und “schwach” bewerten. 2006 war man dann gar nicht mehr dabei, es ging also stramm nach unten. Diesmal hat man sich in letzter Sekunde hochdramatisch zur WM gezittert, hinterlässt den neutralen Beobachter aber weitgehend ratlos. Talentierte Ballbehandler hat man ja immer en Masse, wahrscheinlich stellt Nigeria weltweit nach Brasilien die meisten Legionäre, aber den wenigsten Trainern gelang es zuletzt, aus dieser Masse auch nur irgendwas zusammenzustöpseln, was nach Mannschaft aussieht. So wie das Land sich generell darstellt, so ist derzeit auch der Fußball – zerrissen, von Funktionären erstickt, einfallslos, öd und brach. Und richten soll es am Ende der liebe Gott – Nigeria ist das Land mit den wenigsten Ungläubigen weltweit. Trainer war bei der der ersten Version dieses Artikels noch Shaibu Amodu, aber das musste man fast schon traditionellerweise wieder mal ein halbes Jahr vor Turnierbeginn ändern. 2002 hat man den Trainer kurz nach dem Afrikacup rausgeworfen – wahrscheinlich einfach nur um der Welt zu beweisen, dass man in Funktionärskreisen jederzeit bereit ist, alle Erwartungen in Hinsicht auf die Unfähigkeit der Entscheidungsträger in diesem bedauernswerten Quatschland zu erfüllen. Amodu hat sich das müde Gekicke unter seinem Vorgänger angeguckt und dann einfach kapituliert: Er ließ unterm Strich interessanterweise gar keine Taktik spielen. Die meisten Spieler sind angewiesen, stur und einfallslos zu verteidigen. Das Zusammenspiel ist komplett willkürlich. Wenn man Chancen kreieren will, dann tut man dies so wie Wales ungefähr 1908. Auf gut Deutsch drischt man den Ball planlos vor und hofft, dass irgendjemand schnell genug ist. Da bekanntermaßen alle Nigerianer fantastische Athleten und gazellengleich schnell sind, klappt das sogar. Man ist gar nicht so erfolglos, wie man sein müsste. Kompletter Horror, dass man dieses Gestümper in Südafrika ertragen muss! Dank einer sehr lösbaren Gruppenauslosung ist sogar etwas drin für Nigeria. Beim Finden eines Nachfolgers für Aimodu tat man sich schwer. Die Namen Hiddink und van Gaal wurden genannt, was immerhin zeigt, dass man auch in der Disziplin Größenwahn mit den ganz Großen mithalten kann.

 Trainer wurde dann Lars Lagerback.
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Argentinien, Gruppe B

von Ben Strack-Zimmermann

Nachdem man seit 1994 zu Turnieren als Mitfavorit anreist, um dann jedes mal (auf immerhin spielerisch hohem Niveau) zu versagen, ist diesmal alles etwas anders. Nachdem die Qualifikation unter Alfio Basile auf Messers Kippe stand und dieser entnervt zurückgetreten war, hatten die Verbandsoberen die lustige Idee Diego Maradona ans Ruder zu lassen, auf das dieser das argentinische Kreuzfahrtschiff wieder in ruhigere Gewässer manövrieren sollte. Der Auftakt war ganz nett, doch dann gingen Pleiten, Pech und Pannen erst so richtig los. Maradona reaktivierte jeden Spieler für die Nationalmannschaft der noch lauffähig war, schmiss jedes junge Talent ins Feuer, probierte jede Taktik aus, und so hat inzwischen jeder männliche Argentinier zwischen 18 und 39 ein Länderspiel auf seinem Konto, und taktisch ist man nach kompletter Verwirrung zu einem absoluten Bauern-4-4-2 zurückgekehrt. Die Qualifikation schaffte man dennoch nur um Haaresbreite, in der Nachspielzeit in Uruguay, und in der Stunde seines Triumphes zeigte uns Maradona dann noch seine Schokoladenseite, als er die versammelte Journaille dazu aufrief, ihm sein von Kokain verätztes Gemächt zu lutschen. Aber auch danach hielt Maradona sein Heimatland in Atem, probierte obskure Spieler in aussagekräftigen Begegnungen mit Costa Rica und Jamaika aus und reaktivierte die nächste Tranche Altstars beim überraschenden Sieg gegen eine ziemlich desolate deutsche Nationalmannschaft. Und irgendwie scheint man tatsächlich einigermaßen auf Kurs zu sein, mit welcher Mannschaft weiß man zwar nicht wirklich, aber dank freundlicher Auslosung kann man sich vielleicht sogar den Luxus erlauben, sich erst beim Turnier selber einzuspielen. Auf der anderen Seite sollte man aber auch die Möglichkeit eines Scheiterns in epischen Dimensionen nicht ganz außer Acht lassen, Maradonas Truppe ist ganz sicherlich die allergrößte Wundertüte im WM-Gemischtwarenladen.
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Uruguay, Gruppe A

von Ben Strack-Zimmermann

Wir befinden uns im Jahre 2010. Die ganze Fußballwelt hat sich dem Fairplay verschrieben…Die ganze Welt? Nein, ein von unbeugsamen Südamerikanern bevölkertes Land hört nicht auf, dem Fairplay-Gedanken Widerstand zu leisten! Und so steht auch diese Generation von Spielern aus dem kleinen Ländchen am Rio de la Plata wieder in der Tradition von einstigen Größen wie Billy Bremner, Claudio Gentile oder Andoni Goikoetxea – hätte ich jetzt fast gesagt, wenn ich nicht zu sehr Angst hätte dass mich dafür ein Uruguayo wütend vom Stuhl grätscht. Schließlich sind sie die Referenz – und die eben genannten Herren doch alle nur Eleven in Uruguays Schule des fairen Sports auf dem grünen Rasen. Ich verbessere mich also alsbald und behaupte lieber, dass die heutige Spielergeneration in der Tradition von Jose Emilio Santamaria, Jose Batista und Paolo Montero steht – Namen, bei deren Erwähnung so mancher Chirurg nostalgisch auf seine schwierigsten Operationen zurückblicken kann. Wie üblich hat man auch diesmal eine Mannschaft mit vielen ausgezeichneten Fußballern, die sich allerdings sehr schwer mit der Qualifikation tat. Die Play-Offs gegen Costa Rica waren nervenaufreibend knapp. Woran das lag? Nun, erstens bekommt man zu viele Karten, aber das kennt man ja. Unterm Strich agiert das Team einfach zu konfus, es ist wenig Kontinuität erkennbar. Anspruch und Wirklichkeit haben seit vielen Jahrzehnten nichts mehr miteinander zu tun, und so herrscht im Umfeld ständig Unruhe. Man darf nicht vergessen, dass Fußball in Uruguay ganz klar die wichtigste Religion ist. Bei der Wahl zwischen Jesus und Forlan würde wohl fast niemand den Herren mit den ausgebreiteten Armen wählen. Wahrscheinlich werden wir drei Gesichter von Uruguay bei der WM sehen: Das erste wird sensationell passen, stürmen, kontern und mit herzerwärmendem Einsatz über den Platz jagen, so wie Herakles beim Einfangen der kerynitischen Hirschkuh. Das zweite hingegen wird uns an den Wandertag der Sonderschule Grobmotorikhausen auf LSD erinnern, während das dritte Gesicht vielleicht am besten mit “Mike Tyson, Jack the Ripper und Dirty Harry dürfen mal im Schlachthaus so richtig schön die Sau rauslassen” umschrieben wäre. Also eher etwas für den fortgeschrittenen Fußballfan, der sich nicht so sehr an langweiligen Geschehnissen, etwa an Toren, ergötzt.
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Elfenbeinküste, Gruppe G

von Ben Strack-Zimmermann

Mit großer Verpätung hat sich bei der letzten WM eine der wichtigsten Fußballnationen Afrikas vorgestellt und dabei bleibenden Eindruck hinterlassen. Zwar war man nach zwei Niederlagen schon draußen, hatte aber glänzend mitgespielt und jedes mal knapp und unverdient verloren – und gegen die Fußballgroßmächte Argentinien und Holland darf man als Debütant schon mal ausscheiden. Diesmal soll trotz ähnlich schlimmer Auslosung alles noch besser werden. Dieser Optimismus ist, wenn man die Ivorer so spielen sieht, komplett gerechtfertigt. Die Qualifikation absolvierte man im Schongang. Teilweise wurden die durchaus guten Gegner dabei völlig auseinandergenommen. Der Erfolg hat mehrere Väter: allen voran eine enorme taktische Disziplin und eine fast schon sensationelle Ballsicherheit. Ganz sicher hat man in den letzten Jahren zu den spielerisch eindrucksvollsten Mannschaften auf diesem Planeten aufgeschlossen und beeindruckt mittlerweile auch gegen die erste Liga im Weltfußball. Dabei hat sich allerdings so langsam eine völlig unangebrachte Arroganz ins Spiel eingeschlichen, die man schnellstens abstellen sollte. Noch hat man nämlich trotz einer eindrucksvollen Liste von Weltstars im internationalen Fußballgeschäft gar nichts gerissen. Sehen wir da eine Art Holland-Syndrom am Horizont? Hoffentlich nicht, wäre wirklich zu schade! Die Elfenbeinküste ist seit dem Senegal 2002 das Beste, was Afrika zur WM schickt, und kann vielleicht sogar den Traum vom ersten Halbfinalteilnehmer erfüllen.
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