Haltestelle Sportplatz

Die WM rast förmlich auf uns zu, was ich anscheinend noch nicht ganz realisiert habe aufgrund von Championsleague- und Triple-Träumen. Sonst hätte ich mich früher gefragt, was eigentlich mit den Panini-Sammelalben los ist. Sind mir bisher noch gar nicht aufgefallen beim Zeitschriftenhändler meines Vertrauens. Wie sollte man sonst die mittlerweile wahrscheinlich 10000 Bilder bis zum Finale voll bekommen? Seit ein paar Tagen gibt es die Bildchen. Nicht dass ich noch Lust hätte, das Zeug zu sammeln. In einen Laden gehen und sich eine ganze Box kaufen zu können anstatt sich über jedes einzelne Tüten zu freuen, ist einfach nicht mehr das dasselbe. Recht hat er, der Mann vom Schweizer fussballMag, der den Mitternachtsverkaufstart der Panini-Bilder in Bern gefilmt hat: Eine ganze Kiste kaufen, ist uncool.

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Irgendwie gehören diese Bildchen einfach zu einer WM. Ich kenne es nicht anders, aber nur aufgrund von Erinnerungen an meine Jugend muss ich dann trotzdem nicht sammeln. Ich schaue mir lieber noch einmal das komplett eingescannte Heft der WM 1990 beim footballspotter an und bin ganz baff wegen des Titelbilds. Wahnsinnsdesign! Mich erinnert das eher an diese seltsam zukunftsgläubigen Technikbücher der 50er und 60er, aber wahrscheinlich rede ich mir da die Jugend schön. Naja. 1990 wurde Deutschland immerhin Weltmeister. Hab ich eigentlich schon einmal gesagt, ich einen WM-Titel für einen Championsleague-Gewinn tauschen würde? Zumindest heute würde ich da sofort unterschreiben.

Italien, Gruppe F

von Ben Strack-Zimmermann

So ähnlich wie Italien an sich nimmt sich derzeit auch der italienische Ligafußball aus. Man blickt auf eine Melange aus allerschmierigster Korruption, allergrößter Unfähigkeit und grenzenloser Kriminalität. Neofaschisten schütteln sich die Hände mit Mafiosi. Konservative Politikerschmierlappen liegen im Bett mit satten, Korruptheit ausstrahlenden Unternehmern, und vor den Logen dieser modernen Cäsaren treten eitle Hinfaller, weinende Muttersöhnchen und hinterhältige Arschgeigen jedes Jahr noch etwas schlechter gegen den Ball, und töten das schöne Spiel immer noch ein bisschen mehr. Catenaccio, gestenreiche Spielertrauben um den Schiri, der Blick zum Schiri schon während des absichtlichen Sturzes im Elfmeterraum (Pippo Inzaghi-Gedächtnisblick), das operettenhafte Rumgeheule und Mädchengetue, wenn man auch nur einen Hauch eingesteckt hat, während man gleichzeitig austeilt wie Claudio Gentile 1982, angefeuert von Heerscharen von Fans, die nur allzu gern mit faschistischem Gruß ihre peinlichen Helden ehren…

Ich fange noch einmal an! Das hatte nämlich mit der italienischen Nationalmannschaft nur entfernt etwas zu tun. Die spielt nämlich weitestgehend starken, taktisch sehr reifen Fußball und ist unter den großen Fußballnationen ganz sicherlich diejenige, die am ökonomischsten spielt. Machen wir uns nichts vor: Damit sind die Italiener automatisch ein Titelkandidat! Wie wir mittlerweile alle wissen, brauchen die nicht einmal eine wirklich große Mannschaft, um einen Titel zu gewinnen. Das ist für den Erfolg oder Misserfolg einer italienischen Mannschaft bei einem Turnier weitestgehend unerheblich. Eine Gewinnermannschaft aus Italien braucht ganz andere Dinge als unbedingt Qualität. Sie braucht einen großen Trainer, der taktisch alles drauf hat. Sie braucht Spieler, die sich im Laufe eines Turniers steigern können oder dort sogar erst so richtig entdeckt werden. Und sie muss das hässliche Spiel beherrschen: Zeitverzögerung im richtigen Moment, unbarmherzige Härte und komplettes Ignorieren jeglichen Fair-Play-Gedankens. Einen großen Trainer haben sie ganz sicher: Marcello Lippi hat Donadoni eine Europameisterschaft lang gewähren lassen, dann hatte er ein Einsehen und kehrte zurück, womit Italien sofort wieder zurück in der Erfolgsspur war. Unter ihm spielt die Mannschaft geradlinig, unspektakulär, entzieht sich allen taktischen Normen der letzten 15 Jahre – und ist verdammt schwer zu knacken. Auch für den zeitweilig grassierenden Jugendwahn im internationalen Fußball hatte man in Italien nicht einmal ein Achselzucken übrig. So ist die derzeitige Mannschaft ganz sicher eine der ältesten (und gewieftesten) im Turnier. Die Qualifikation brachte man ziemlich souverän hinter sich. Hinten steht man gut, und man hat nicht nur ein paar interessante, noch weitgehend unbekannte Trumpfkarten in der Hinterhand, sondern beherrscht vor allem auch den ganzen Katalog an schmutzigen Tricks, der bereits die Vorgänger groß gemacht hat. Wenn die anderen Teams das nicht verdammt ernst nehmen, dann werden halt wieder die Italiener Weltmeister.
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Über keine Regel im Fußball wird soviel gestritten wie über das Abseits. Ich werde diese Regel jetzt hier nicht wiederholen. Die letzte große Änderung gab es 2005, als festgeschrieben wurde, dass ein Spieler aktiv ins Spielgeschehen eingreifen muss, um strafbar im Abseits zu stehen. Anfangs ging es da um rechte Wortglaubereien, was “ins Spiel eingreifen” genau bedeutet. Kurz nach der Regeländerung etwa wurde während des Confederations Cups erst Abseits gepfiffen, nachdem ein Spieler tatsächlich den Ball berührt hat, egal ob das Abseits schon zu Beginn eines 30-Meter-Sprints zu erkennen war oder nicht. Das war natürlich Blödsinn und wurde einigermaßen schnell korrigiert. Jetzt wird gepfiffen, wenn der Eingriff ins Spiel bereits absehbar ist. Seitdem funktioniert die Abseitsregel bei aller Unschärfe gut, wie ich finde, auch wenn alle fünf Tage irgendjemand daherkommt und im schlimmsten Fall dafür plädiert, die Abseitsregel komplett abzuschaffen, was – bei aller Liebe – von vollkommener Ahnungslosigkeit, mindestens aber Ignoranz gegenüber den grundlegenden Prinzipien des Spiels zeugt.

Äußerst lesenswert zum Thema und der eigentliche Grund meines Eintrags ist der im Guardian in der Kolumne “The Question” erschienene Text Why is the modern offside law a work of genius? von Jonathan Wilson. Wilson erläutert darin die Geschichte der Abseitsregel und erklärt, warum die die heutige Variante mit den schönsten Fußball ermöglicht, der je gespielt wurde. Überhaupt sollte man Wilsons Kolumne regelmäßig lesen, wenn man sich für Fußball jenseits von Stammtisch und Schulnoten für Spieler interessiert. Falls man jetzt Blut geleckt hat und die ganze Packung braucht: Wilson hat außerdem ein brilliantes Buch geschrieben, über das ich eigentlich schon längst etwas schreiben wollte. Es heißt: Inverting The Pyramid: The History of Football Tactics und sollte eigentlich mindestens Pflicht im Schulunterricht werden. In zwei Monaten beginnt die WM! Ich mein’ ja nur …

Portugal, Gruppe G

von Ben Strack-Zimmermann

Portugal war schlimmste Fußballdiaspora, bis ein junger Mann aus Mozambique namens Eusebio die Mannschaft 1966 zu Ruhm und Ehren führte. Danach war man für lange Zeit wenigstens im Vereinsfußball eine Nummer, konnte allerdings bis auf ein kleines Ausrufezeichen bei der EM 84 auf internationaler Ebene nie wieder überzeugen, bis die berühmte “Golden Generation” um Figo, Rui Costa, Paulo Sousa und Co für Furore sorgte. Einen Titel gewann diese güldene Generation nicht, führte Portugal aber nichtsdestotrotz in die höchsten Sphären des Weltfußballs. Und nun? Spielerisch ging es seit dem Abtritt der großen Spieler schon deutlich bergab, dafür hat man derzeit treffsichere Stürmer, woran es bei den goldenen Schönspielern immer mangelte. Die Qualifikation war eine einzige Zitterpartie, man hat sich eindeutig noch nicht gefunden, und auch das in den 80ern und 90ern so vorbildliche Jugendausbildungssystem speit nicht mehr im selben Tempo ein Supertalent nach dem anderen aus, so dass man zunehmend rustikale Handwerker ins System einbauen muss. Es könnte gut sein, dass man dank Cristiano Ronaldo und Liedson unterm Strich gar nicht so viel ungefährlicher ist als noch vor ein paar Jahren. Die einstige spielerische Überlegenheit ist allerdings ziemlich den Bach runter gegangen. Interessanterweise ist Portugal in den letzten Jahren zu einer der unbeliebtesten Mannschaften auf dem Planeten geworden. Nicht ganz nachvollziehbar eigentlich. So viel schrecklicher als Fernando Torres, David Beckham oder Michael Ballack ist der viel gehasste Cristiano Ronaldo ja nun wirklich nicht. Wobei: Er lässt sich schon ganz gut unter diese Pfeifen einreihen … also vielleicht doch hassen? Man weiß es noch nicht genau, würde sich aber schon mal wünschen, dass die Portugiesen etwas landestypischer Fußball spielen würden. Soll heißen, mehr so wie alte, traurige Frauen, die in schwarz gekleidet, wehklagend in engen, nach Fisch riechenden Gassen schwermütig tanzen und singen. Dann klappt es auch mit der Sympathie.
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Mexiko, Gruppe A

von Ben Strack-Zimmermann

Früher mal – es ist schon über ein Vierteljahrhundert her – war Mexiko einer der großen Prügelknaben bei Weltmeisterschaften. Man muss sich das hin und wieder ins Gedächtnis rufen, weil es mittlerweile absolut selbstverständlich erscheint, dass Mexiko nicht nur bei einer WM dabei ist, sondern seit 1994 auch jedes Mal die Gruppenphase übersteht. Das ganz große Ziel ist deshalb seit einiger Zeit auch das Erreichen eines Halbfinales, was dem völlig fußballverrückten Land wirklich zu gönnen wäre. Die letzten vier Jahre waren allerdings turbulent, und so ist Mexiko derzeit schon eine der etwas unklareren Größen. Nachdem man den völlig glücklosen Sven-Göran Eriksson in die Wüste gejagt hatte, wurde mit Javier Agirre ein Altbekannter sein Nachfolger. Agirre hat das schlingernde mexikanische Schiff wieder auf Kurs gebracht. Den Gold Cup konnte man nach Anlaufschwierigkeiten mit einem glanzvollen 5:0 Endspielsieg über die USA nach Hause bringen. Seitdem läuft es wieder gut. In den letzten Jahren hat man mehrmals eine neue Mannschaft ins Rennen geschickt, jedoch immer wieder mit spektakulären Comebacks von zum Teil waschechten Methusalems – heißt unterm Strich, dass halb Mexiko im Kader ausprobiert wurde. Von einem eingespielten Team kann also nicht die Rede sein. Was man von den Mexikanern zu sehen bekommt, weiß man allerdings: technisch feinen Fußball, gerne ein wenig verspielt, aber meist offensiv und ohne jeglichen Respekt vor großen Namen. Die größte Veränderung im Vergleich zu früheren Zeiten ist sicher, dass mittlerweile so viele Mexikaner erfolgreich im Ausland tätig sind wie noch nie. Lange Zeit gab es anscheinend die klare Regel, dass höchstens 1-2 Mexikaner gleichzeitig Erfolg in Europa haben durften. Alle anderen bekamen schon beim Besteigen des Fliegers akutes Heimweh und 50 eingebildete Allergien und spielten dann in Europa wie lahme Senioren mit häufigen Schlafkrankheitsanfällen. Das ist im letzten Jahrzehnt kontinuierlich besser geworden. Inzwischen spielen über ein Dutzend Mexikaner in Europa, davon einige richtig erfolgreich. Mexiko hat also viele gute Gründe, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken. Ob diese Generation aber schon die ganz großen Erwartungen erfüllen kann, bleibt abzuwarten.
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    • maxl: wunderschön. und so kurz. danke
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    • Ben: Na das freut mich aber doch sehr. Willkommen im Reich der hängenden...
    • huso: o die haben gefickt oder was in denn bett hahaha gute geschichte
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