Haltestelle Volksschule

Bei attac scheint so manches, nunja, suboptimal zu laufen, falls man aus Webauftritten auf die allgemeine Befindlichkeit der Organisation schließen darf.

Die attac Deutschland-Seite wurde laut Webmaster-Email gerade gehackt, die attac Schweiz-Seite zeigt einen Stand vom September 2007, weil der Hoster Probleme hat. “Notre hébergeur connait des grosses difficultés. Le site web actuellement publié date de septembre 2007….. bientôt de retour en 2008. Merci de votre compréhension”, heißt es da in schönem Französisch. Ja, wir haben Verständnis. Kann alles passieren. Und nebenbei: Das Wort “hébergeur” gelernt zu haben, finden wir an der ganzen Sache besonders hübsch, falls das ein kleiner Trost ist.

Kein Verständnis haben wir jedoch für das, was uns auf der österreichischen attac-Seite angeboten wird. Unter attac-austria.org bekommt man eine “Große Auswahl an Fonds bei X-markets” oder Tipps, wie man Millionär in 10 Jahren wird. Wir hatten uns ja den gemeinsamen Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung, Armut und all das Übel auf der Welt ganz anders vorgestellt, eher so gemeinsam und für jeden etwas. Quo vadis, Globalisierungskritik? Dorthin, wo die 68er sind?

Die Domain attac-austria.org ist nur geparkt – anscheinend von ganz zynischen Buben. Warum allerdings attac International darauf verlinkt? Achso, das ist nur das Archiv. Aber trotzdem: Früher war es irgendwie besser.

(Dank dir, Rainer, für den Hinweis!)

Von der Weltwirtschaft, dem internationalen Kreditwesen, Börsenspekulationen und all dem Zeug verstehe ich ja leider nicht allzu viel, weshalb ich jedoch manches Mal gierig aufsauge, was man mir darüber mitteilt. Wenn dann noch der Begriff “Ethik” dazu kommt, dann merke ich, dass ich noch viel, viel lernen muss. Nikolaus Piper etwa schrieb am Dienstag in der SZ in seinem Artikel “Notenbank als Nothelfer” einen Absatz und seitdem grüble ich:

Das Scheitern gehört zum Kapitalismus ebenso sehr wie der Erfolg. Exorbitante Gewinne sind ethisch nur dann gerechtfertigt, wenn derjenige, der auf eine Vervielfachung seines Einsatzes an der Börse spekuliert, dabei auch den Komplettverlust seines Vermögens riskiert. Disziplin in Finanzdingen und Vertragstreue sind nur dann zugesichert, wenn Investoren nicht damit rechnen können, dass Vater Staat ihnen notfalls mit dem Geld der Steuerzahler zu Hilfe kommt.

Natürlich weiß man sofort, was gemeint ist: Wenn einer Scheiße baut, sollen die anderen das nicht ausbaden müssen. Wie wahr! Liest sich gut! Aber eine lustige Logik liegt diesem Satz dann doch zugrunde: Exorbitante Gewinne (man hat also schon gewonnen, davon wird einfach mal so implizit ausgegangen) sind ethisch gerechtfertigt, wenn man ja auch alles hätte verlieren können. Wenn der Fall allerdings andersherum eintritt, müsste diese Ethik – zumindest nach meinem Verständnis – immer noch gelten: Der Gesamtverlust des Vermögens ist ethisch gerechtfertigt, weil man exorbitante Gewinne hätte einstreichen können. Das steht in dem Text natürlich nicht in diese Richtung gedreht, obwohl es eben nicht um exorbitante Gewinne geht, sondern um den Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns, also um einen Totalverlust eines Vermögens. Der Haken nur: Bear Stearns darf anscheinend keinen Totalverlust des Vermögens erleiden, weil sonst – sorry – jene gebaute Scheiße gewaltig am Dampfen wäre.

Ethik und Wirtschaft – da wird dann im Zweifelsfall immer so getan, als ob es um zwei Schulkinder ginge, die um ihr 1-Euro-Pausengeld gewettet haben. Komplett-Verlust des Vermögens, selber schuld – und die Lehrerin sollte keinesfalls Geld in der Klasse einsammeln, wenn der Verlierer weint. Aus Disziplingründen.

War es gerechtfertigt, jener Bank mit einem 30-Milliarden-Dollar-Kredit unter die Arme zu greifen, wie das die amerikanische Notenbank getan hat? Das wird eigentlich in diesem Artikel diskutiert. Die Antwort des Autors lautet: Ja, “wegen der zentralen Rolle der Investmentbank im Finanzsystem”. Andernfalls hätte die Gefahr einer globalen Wirtschaftskrise bestanden. Irgendwoher mussten also riesige Mengen Geld kommen, um eine Katastrophe zu verhindern. Keine andere Möglichkeit.

Natürlich ist Nikolaus Piper nicht der Meinung, dass da die Leute von Bear Stearns ethisch, verantwortlich und kompetent gearbeitet hätten. Eben genau nicht. Aber um sich überhaupt darüber aufregen zu können, muss er doch unterstellen, man habe bei Bear Stearns gewusst, dass im Falle eines Scheiterns andere dafür einspringen. Jedoch kämen ja auch die Eigentümer nicht straflos davon. Ihr Vermögen sei auf einen Bruchteil geschrumpft. Das sie das gewollt haben, kann man beim besten Willen wohl nicht unterstellen Sie haben sich also schlicht und einfach verspekuliert, in dem sie den Totalverlust des Bankvermögens riskiert haben.

Ich frage mich nur, wie es jemals ethisch gerechtfertigt sein könnte, wenn so eine Bank einen totalen Niedergang riskiert, auch wenn die Gewinne noch so exorbitant sein könnten. Ein Zusammenbruch darf im globalen Wirtschaftsgefüge ja anscheinend nicht passieren. Irgendjemand muss immer dafür zahlen, um irgendwelche Katastrophen zu verhindern. Das passiert im Normalfall im Nachhinein, wenn das Risiko zur Realität wurde. Und trotzdem werden von den Wirtschaftsjournalisten immer wieder diese stereotypen Sätze der Sorte wie “Der Markt regelt sich selbst”, “Das Scheitern gehört zum Kapitalismus ebenso sehr wie der Erfolg”, “Exorbitante Gewinne sind gerechtfertigt, wenn der Totalverlust riskiert wird”, usw … herausgekramt, um die beweisen, wie wichtig eine besonders liberale Wirtschaftspolitik sei, obwohl man einen ganzen Artikel darüber schreibt, was für ein Quatsch das oft in der Realität ist und mit jener meist gar nichts zu tun hat. Aber ich lerne ja noch.

Am vergangenen Dienstag ist Gary Gygax gestorben. Er hat mit einem Kollegen Anfang der Siebziger das Rollenspiel Dungeons & Dragons erfunden und gilt somit als einer der Väter der Pen-and-Paper-Rollenspiele. Auch wenn ich schon lange nichts mehr am Hut damit und nie sein System D&D gespielt habe, hat Gygax doch aufgrund seiner Erfindung gewaltig dazu beigetragen, meine Jugend in einer öden, oberbayerischen Marktgemeinde ohne Kneipen oder Kino ein Stück aufregender zu machen.

Das Beste aber: Auch mein Tod wird aufregend sein – zumindest für den Gevatter selbst.

ultimate_game2.png

xkcd.com

Nachtrag (11.März):
Auf wired.com gibt es einen sehr schönen, aber langen Artikel über Gary Gygax mit dem Titel Dungeon Master: The Life and Legacy of Gary Gygax. Den kann man sich beizeiten schon mal reintun.

Da gratuliert mir web.de heute doch mal zu einem ungewöhnlichen Jubiläum: seit genau sieben Jahren bin ich nun web.de-User. Nicht schlecht. Natürlich wollen sie mir gleich ihren Super-Duper-Premium-Dienst andrehen. Aber das hab ich schon vor Jahren mal getestet und bin dann wegen meiner Faulheit beim Einjahresvertrag für 5 Euro im Monat gelandet. Aber sieben Jahre Mail, okay, bei hotmail hab ich bestimmt schon seit acht Jahren unregelmäßig ein Postfach. Aber die sind ja eh nicht so an mir interessiert. Die gibt’s ja weltweit. Aber was habe ich eigentlich die sieben Jahre davor gemacht? Also während der kompletten Uni-Zeit? Auf jeden Fall keine emails geschrieben. Und sms ja auch keine. Ein Wahnsinn. Und Google scheint auch Wind von meinem tollen Jubiläum bekommen zu haben. Denn vor ein paar Tagen haben sie mir wohl in einer Nacht und Nebel Aktion ihre Desktop Search spendiert. Dass sie mir jetzt bei jeder Suche zuerst mal sagen, wo genau diese Begriffe auf meinem Rechner zu finden sind, könnte irgendwann mal ganz nützlich werden, macht mir im Moment aber auch ein wenig Angst. Klar, kann man ausschalten. Und wird einem auch hoch und heilig versichert, dass die Ergebnisse nicht von außen eingesehen werden können. Aber wie beiläufig so eine grundlegende Neuerung da auftaucht ist schon erschreckend. Und wie sicher das wirklich ist, muss mir erst mal einer beweisen.

Das Schöne an den Wissensteilen deutscher Zeitungen ist dieses kurze Aha-Aha-Gefühl nach dem Lesen – am Frühstückstisch, wenn das Panorama mal wieder arg langweilig ist und man sich noch im Halbschlaf befindet. Letztes Wochenende wurden mal wieder Fußball-Mythen zerstört durch alle Macht der Mathematik. Zwei Wissenschaftler haben bei der Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ihre Untersuchungen vorgestellt und wollen Sensationelles entdeckt haben. Ob sie in ihren Studien Fußball-Mythen tatsächlich zerstört haben, weiß ich nicht. Ich kenne die Original-Studien nicht. Aber ich habe mich informiert, aus der Zeitung. Ich habe die Wissensseite der SZ gelesen.

„Zerstörte Bundesliga-Mythen“ heißt es da und ich lese: So etwas wie die viel beschworene Siegesserie einer Mannschaft gebe es gar nicht. Nach vier siegreichen Spielen sei es mitnichten wahrscheinlicher, dass eine Mannschaft auch das fünfte gewinnen würde. Eine Mannschaft würde nach vier siegreichen Spielen im Schnitt sogar schlechter spielen als es ihrer Leistunsgfähigkeit entspreche, heißt es da. Und gleich im Anschluss: „Diese Normalform hat der Physiker als mehrjähriges Mittel über die Platzierung am Saisonende berechnet.“ Ich habe länger über diesen Satz gegrübelt, bis ich mir jetzt beinahe sicher bin, mit „Normalform“ ist tatsächlich die Form einer Mannschaft gemeint und nicht etwa irgendeine mathematische Normalform oder die aus der Spieltheorie. Vielleicht täusche ich mich da aber auch. Egal. Mir scheinen da andere, wirklich relevante Faktoren nicht vorzukommen, etwa die Überlegung: Gegen welche Mannschaften wurde denn überhaupt gewonnen, wenn eine Siegesserie von vier Spielen hingelegt wurde? Gegen Bielefeld, Duisburg, Cottbus und Hinterhugeldapfing? Falls ja, dann würde die Wahrscheinlichkeit, mal wieder auf einen starken Gegner zu treffen, von Spiel zu Spiel größer. Ergo: Die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage wird auch größer. Die Gründe für das Ende einer Siegesserie, die im Artikel angeführt werden, sind dann reine Psychologie: Übermut, Motivation des Gegners und solche Sachen. Es liest sich immer so toll, „mathematisch wurde bewiesen“. Mir leuchtet es zumindest nicht ein, Siegesserien zu untersuchen, ohne die Umstände des Zustandekommens derselben zu berücksichtigen. Ich kann da beim besten Willen keinen Erkenntnisgewinn sehen. Vielleicht haben in vielen Fällen Bayern München oder Werder Bremen diese Serie einfach beendet.

Auch folgender Punkt bleibt mir weitgehend schleierhaft: Auch der Zufall entscheide, wer auf- bzw. absteigt – so die These. Alle nicken, weil es einfach so ist. Im Fußball spielt Glück keine kleine Rolle. Um das zu beweisen, spielten am Computer 18 exakt gleich starke Mannschaften eine Saison komplett durch – sogar mehrmals. Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen oder zu verlieren, war für jeden Mannschaft exakt gleich groß, lese ich in dem Artikel. Also 50 zu 50, wobei ich nicht entnehmen kann, wie diese Spiele durchgespielt wurden: simuliert durch zwei gleichstarke KI-Programme? Gelost? Eigentlich dürfte das ja im Endeffekt auch keine Rolle spielen: 50 zu 50. (Unentschieden werden im Artikel nicht weiter erwähnt. Also gehe ich davon aus, dass es keine gibt.) Das Ergebnis: Jedes Mal gab es am Ende der Saison Mannschaften die etwa 65 Punkte hatten und Mannschaften, die nur 35 Punkte hatten. Also habe der Zufall seine Hände im Spiel und bestimme, wer auf- und absteigt. Und ich verstehe es wieder nicht! Selbstverständlich entscheidet der Zufall Spiele, wenn ich jedes Spiele zufällig 50 zu 50 entscheide! Von entwaffnender Schlichtheit ist jener Satz: “Rein intuitiv wäre bei dieser Konstellation zu erwarten, dass am Ende der Spielzeit sämtliche Mannschaften die gleiche Punktzahl haben, schließlich sind alle gleich stark.” Nein. Wirklich nicht! Auch nicht rein intuitiv! Ich erwarte zum Beispiel auch nicht rein intuitiv, dass ich bei sechsmaligem Würfeln die Zahlen 1 bis 6 bekomme, nur weil jede Zahl mit gleicher Wahrscheinlichkeit auftreten müsste. Ist an dem Saisonbeispiel irgendetwas anders? Übersehe ich da etwas? Stehe ich auf dem Schlauch? Hansbap, hilf! Aber ich denke nicht. Aus dem Artikel kann ich nichts anderes entnehmen und wundere mich, dass man so etwas erforscht und hoffe inständig, dass der Autor des Artikels mir vereinfachtes Zeug erzählt.

Und prompt macht auch die Realität einen Strick durch diese Rechnung: “Dass neben dem Zufall auch Können im Spiel ist, zeigen die Tabellen der vergangenen Jahre. In der Bundesliga hatte der Meister am Ende meist mindestens 70 Punkte; der Letzte lag unter 30. Nur so ist angesichts einer Tabellen-Lotterie zu erklären, dass Teams wie Bayern München und Werder Bremen sich über Jahre oder gar Jahrzehnte an der Spitze halten können” Tja. es scheint doch kein Zufall zu sein, dass der FC Bayern deutscher Rekordmeister ist, während der FC Holzkirchen nur in der Bezirksoberliga spielt. Manche Mannschaften würden sich aus dem Sumpf des Zufalls immer wieder herausziehen können, heißt es da. „Teams wie Bayern und Werder müssen also über die letzten Jahre vieles richtig gemacht haben“, wird der Wissenschaftler zitiert.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sie ihre Spiele nicht ausgewürfelt.

 neuer 1 2 3 ...16 17 18 19 20 ...26 27 28 älter
Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.