Haltestelle Volksschule
Der Tagesanzeiger mausert sich langsam aber sicher zum Revolverblatt für Leute mit mehr als zwanzig Minuten Zeit.

Gelassen setzt er auf der gestrigen Titelseite Kreuzlingen, Amstetten, Guantanamo und Abu Ghraib in eins und obige Bildkomposition.
Soll einen zum Lesen eines Essays über “Orgien der Gewalt und Grausamkeit” animieren.
Das sagt sich nachher natürlich immer herrlich leicht, aber ich sag´s jetzt einfach mal: Die Piratenpartei war mir schon immer suspekt. Anfangs fand ich deren Ziele einfach nur zu eingeschränkt, um sich als wirkliche Partei zu profilieren – Datenschutz und Freiheit im Netz sind mir als gesellschaftspolitische Statements schlichtweg zu dünne. Was ja nicht mein Problem ist, wähle ich eben was anderes (was ist ein andere Frage …).
Nun wird deren Setting allerdings mit jedem Tag kenntlicher und womöglich sogar grundlegender. Die Ahnung, dass sich hier eine starke anti-staatliche Bewegung formiert, beschlich mich erstmals, als ich erfuhr, dass Pirate Bay – ja, ich weiß: Das sind zwei verschiedene Organisationen. Die Wechselwirkungen verleugnen allerdings nicht einmal sie selbst – von dem schwedischen Rechtspopulisten Carl Lundström finanziert wird. Denn der ist wahrlich kein Gutmensch, der den Jungs mal ein bisschen Kohle rüberschiebt, damit sie Spaß haben. Ich nehme vielmehr an, dass Lundström recht gezielt in den konsequenten Gesetzesbruch (und den betreibt Pirate Bay nunmal nach geltenden Gesetzen; ob die nun zeitgemäß sind oder nicht ist eine ganz, ganz andere Frage) investiert hat.
Zurück zur Piraten Partei. Da ist nun also seit kurzem Jörg Tauss Mitglied, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Besitzes der Kinderpornografie ermittelt (gute Reportage in der SZ). Ganz gleich, ob Tauss schuldig ist oder nicht, frage ich mich nun: Hätte er auch gegen “Zensursula” gestimmt, wenn das nicht der Fall gewesen wäre? Wäre er auch ohne eine Verfahren gegen ihn aus der SPD aus- und in die Piratenpartei eingetreten? Würde er auch vor das Bundesverfassungsgericht deswegen gehen, wenn er selbst nicht just betroffen wäre? Ich glaube: Nein, nein, nein. Jedenfalls sind seine persönlichen und die politischen Motive gerade nicht besonders scharf zu trennen.
Gestern schließlich berichtet Spiegel Online über andere dubiosen Äußerungen von Mitgliedern der Piraten Partei. Bodo Thiesen zum Beispiel, der sich – um es vorsichtig zu sagen – nicht ganz sicher ist, wie das damals so war mit dem Holocaust. Diese Äußerungen seien, so wird mehrmals als Erklärung angeführt, bei ihm – der wahrlich mehr als nur ein einfaches Mitglied ist – ja auch echt lang her.
Den Boden der politischen Moral verliert die Piraten Partei also Schritt für Schritt unter den Füßen. Da rechtfertigt auch, es tut mir leid, kein einziges ihre durchweg ehrenvollen Ziele mehr, dass jemand dieser Partei tatsächlich seine Stimme gibt.
Weiterlesen:
Auch Jacob Fricke macht sich Gedanken …
Sowie das Blog “Zur Politik” …
Sowie Chris von f!xmbr … (selten mit dem so einer Meinung gewesen!)
Bodo-Thiesen-Facts bei Indymedia …
Bodo Thiesen in der Diskussion über den Zweiten Weltkrieg im Heise-Online-Forum (etwas älter, aber dafür umso unmissverständlicher) …
Und noch mehr hübsche Zitate, gepostet im Piraten Forum, wo das Problem durchaus diskutiert wird.
Aktuelle Stellungnahme von Thiesen, noch unmissverständlicher …
Als das Gerede von der Wirtschafts- respektive Finanz- respektive Zeitungskrise anfing, habe ich mir schon ein paar Sorgen gemacht. Allerdings konnte ich noch jedes Mal, wenn mich jemand nach meinen persönlichen Erfahrungen damit befragte, fröhlich zugeben, dass mich das überraschenderweise nicht weiter tangiert.
War ja auch so: Nachdem Montgomery die Berliner Zeitung übernahm und zu sparen versuchte, was das Zeug hielt, waren wir Freie mal kurz kalt gestellt. Aber wirklich nur sehr kurz. Und dann lief wieder alles weiter wie zuvor.
Als die Netzeitung von eben demselben Montgomery bzw. seinem Stellvertreter auf deutscher Erde Josef Depenbrock für 2009 einen Etat bekam, der keine freien Mitarbeiter mehr vorsah und die vier Autoren der Medien-Kolumne “Altpapier” (von denen ich eine bin) Ende November 2008 also erfuhren, dass sie ab Januar 2009 nicht mehr gewünscht wären, bekamen wir sogleich vier oder fünf (allesamt bedenkenswerte) Angebote für dessen Fortführung. Wir sind dann bei dnews gelandet.
Dann wurde auch noch der Freitag von Jakob Augstein aufgekauft und relauncht, was zwar die Länge der Texte verringerte, durch den Ausbau der Website aber zusätzliche (auch Verdienst-)Möglichkeiten bot.
Und ich dachte: Was für eine Krise?
Nun gut, diese naiven Zeiten sind vorbei, jetzt nähert sich die Krise auch mir. In bislang kleinen Schritten zwar, allerdings mit unverkennbarer Ausrichtung.
Für dnews habe ich in den vergangenen Monaten nicht nur das “Altpapier” geschrieben, sondern ab und an auch Literaturkritiken. Damit ist´s nun vorbei, wie mir der zuständige Redakteur schrieb, da der Kulturteil “zurückgenommen” werde.
Ich will das auch gar niemandem übel nehmen. Mich hatte es ohnehin gewundert, dass ein Nachrichtenportal sich Literaturkritik leistet (eine Tatsache, die ja auch schon genug über meine Meinung über die Online-Presselandschaft sagt). Und wenn es die Leser nicht interessiert, lässt man das als Redaktion eben. Ich frage mich nur, ob Klicks tatsächlich Auskunft geben können über das Informationsbedürfnis der User. Demnach müsste ich auf meiner Website dann einfach nur noch Sexgeschichten anbieten, denn die bringen mir viele Klicks. Will ich aber nicht. Q.e.d.: Geld verdiene ich mit dieser Seite natürlich so gut wie keines.
Nur wenige Tage später erreichte mich dann eine Nachricht der Literaturchefin des Berner Bund, für den ich zwar nicht viel, aber sehr gerne (und ertragreich) geschrieben habe. Sie ist gekündigt worden. Wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen. Denn: Der “Bund” wird ab Herbst ein Kopfblatt des Zürcher “Tages-Anzeigers” und wird selbst nur noch über bernische Themen schreiben (Artikel aus der Basler Zeitung/PDF). Das heißt, dass beispielsweise auch die Literatur vollumfänglich von Zürich “bezogen” wird. Aus dem Geschäft bin ich also ebenfalls `raus.
Es mag nun eine unzulässige Pauschalisierung sein, da ich nur aus persönlicher Erfahrung sprechen kann, aber: Eines der ersten Opfer der Zeitungskrise ist – zumindest in meinem Fall ganz klar – die Literaturkritik.
Was ich außerdem nicht mehr übersehen kann: Ich werde mehr und mehr von öffentlichen Institutionen bezahlt. Und damit meine ich nicht nur solche Ausnahmeprojekte wie die Ausstellung, die ich 2007 für das Nürnberger Kulturreferat mitgestaltet habe, sondern eben einen Gutteil meiner ganz normalen Auftraggeber: den epd medien, das Grimme Institut und auch das Münchner Kulturreferat, das den KLAPPENTEXT finanziell fördert.
Bekommen wir also, was wir niemals wollten: dass der Journalismus zunehmend verstaatlicht wird? Wenigstens bei “meinem” Journalismus sieht es arg danach aus.
Das will ich schon seit vergangenem Donnerstag posten:
Natürlich die alte Leier der gegenseitigen deutsch-schweizerischen Verständnislosigkeit, viel mehr aber die wie immer unseriöse Tagi-Arbeit.
Das bittere Resumee des scheidenden Schauspielhaus-Intendanten war offenbar nicht dramatisch genug.
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Hartmann: Da wird dann die schweizerische Gesprächskultur problematisch: Ich weiss nicht mehr, wo sie Raum für andere Meinungen gibt und wo sie Heuchelei ist. Tagi: Abgesehen vom Schauspielhaus wird in Zürich also viel gelogen. Hartmann: Wahnsinnig viel. |
Was dann direkt zur Überschrift in Anführungsstrichen führt:
“In Zürich wird wahnsinnig viel gelogen”
Man kann ja gern zusammenfassen, aber hier riechts schlecht…
Auch, weil der Interviewer die gleiche Dünnhäutigkeit an den Tag legt:
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Tagin: Da müssen Sie sich sehr fremd vorgekommen sein in diesen vier Zürcher Jahren. Hartmann: Ich habe hier auch sehr viele gute Freunde gewonnen. Tagi: Schweizer? Hartmann: Ja Tagin: Dabei haben die Schweizer doch immer das Bedürfnis, sich zu definieren und abzugrenzen? Hartmann: Journalisten haben dieses Bedürfnis am stärksten. Tagi: Einmal mehr sind die Medien schuld. |
Ach ja, schon vor einem Jahr hatte Hartmann sich unbeliebt gemacht mit einem Beitrag in der NZZ, der viel entspannter und nachvollziehbarer das Gleiche beklagte (bei allen Artikeln lohnt sich ein Blick in die Kommentare).

