Rasterfahndung, elektronische Gesundheitskarte, biometrischer Personalausweis, Video-Überwachung auf öffentlichen Plätzen, Gen-Tests, Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner, Telefonüberwachung, Geruchsproben, Bewegungsprofile, RFID-Chips, Zugriffe auf Bankkonten und weh und ach. Man kann sich noch so anstrengen, bei jedem Versuch der Aufzählung wird man eine Menge der Übel vergessen, die bereits gang und gäbe sind oder uns demnächst blühen. Aber kein Problem für viele: Sie hätten ja nichts zu verbergen – sagen sie. Diesen Satz, aus dem neben einiger Dummheit auch noch ein gutes Stück Perfidie spricht – durch die innewohnende Unterstellung, derjenige, der sich nicht überwachen lassen wolle, der müsse ja etwas zu verbergen haben – diesen Satz hat der amerikanische Professor Daniel J. Solove von der George Washington University Law School in einem Essay mit dem Titel “”I’ve Got Nothing to Hide” and Other Misunderstandings of Privacy” abgeklopft. Man kann diesen Aufsatz nach dem Klick komplett als pdf-Datei herunterladen und die 22 Seiten bei Gelegenheit ruhig einmal durchlesen. Letzten Endes enttarnt der Autor den Satz als völlig unzulänglich, da er den vielseitigen Aspekten des Begriffs Privatssphäre nur ganz am Rande, wenn überhaupt gerecht werden kann, aber man lese selbst. Man könnte auch sagen: Wer diesen Satz ernst meint, der hat keine Sekunde darüber nachgedacht, was Privatssphäre und der Verlust der selben bedeutet.

Ein anderer, zugegebenermaßen äußerst naheliegender Gedanke, wenn man in einmal gehört hat, hat mich fasziniert. Die am häufigsten genutzte literarische Metapher zum Thema Überwachung ist ja George Orwells Roman 1984, doch Solove schlägt Kafkas Der Prozess als Bild für drohende Zustände vor. Mir erscheint das äußerst plausibel. Kein Mensch weiß, welche Daten wann für was verwendet werden. Und wenn man zum Beispiel an die Probleme denkt, die Menschen bei der Aufnahme eines Kredits trotz Bonität haben, nur weil sie in einem sozial schwächeren Wohngebiet leben und erst einmal nicht den Hauch einer Ahnung haben, warum ihr Antrag abschlägig beschieden wird, dann erinnert das doch schon mehr als im Ansatz an all die Prozesse gegen Josef K., in denen der Prokurist nie erfahren wird, was ihm überhaupt zum Vorwurf gemacht wird und welche Beweise wofür oder wogegen auch immer vorliegen könnten.

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