Seltsame Züge nimmt dieser Web 2.0-Mitmachwahn der Zeitungen allmählich an. Nach der flächendeckenden Erlaubnis in der Medienlandschaft, ekelhafte Kommentare zu tragischen Themen zu veröffentlichen, darf man jetzt bei stern.de noch viel Sinnloseres, dafür aber Harmloseres machen, nämlich Listen zusammenstellen, so NEON-mäßig, das ja auch zu Gruner+Jahr gehört. “Shortlist Community” heißt das dann und allmählich sollte sich den großen Web 2.0-Community-Fans doch die Frage aufdrängen: Wieviel Community im Netz brauch ich denn noch, bevor ich ein vollkommen unsozial bin?

Für mich ist diese Community nix. Ich war nie ein großer Listen-Fan aus naheliegenden Gründen: In die “Besten Filme aller Zeiten” gewinnt immer “Citizen Kane” von Orson Welles, nie aber “The Wild Bunch” von Sam Peckinpah. In den Super-Popsongs-Listen tauchen regelmäßig Werke von solchen Gesichtern wie Elton John oder Paul McCartney auf, was mir sogar die Lust nimmt, diesem Elend eine eigene Liste entgegen zu setzen.

Wem es egal ist, dass er mal wieder sein Inneres nach Außen in die Öffentlichkeit kehrt, der kann da munter mitmachen in dieser Stern-Shortlist-Sache und zu beliebigen Themen so sinnvolle Sachen zusammenschreiben wie: “Songs, die man liebt, obwohl Country eine merkwürdige Musikrichtung ist” und sich in der Überschrift schon dafür entschuldigen, dass er diese merkwürdige Musikrichtung mag. Man kann nachlesen, in welchen Filmen die Femme tatsächlich fatale ist oder was Britain so great macht (Shakespeare natürlich). Seit Montag gibt es dieses Kasperltheater wohl und schon muss man immer weniger grinsen ob der Listen-Ideen, die da eintrudeln. Das scheint die Tragik des Web 2.0 zu sein. Jeder darf mitmachen, also macht jeder mit. Warum, weiß dieser Jedermann dann nicht, also macht er halt irgendwas. Hauptsache mitgemacht.

Eine Liste jedoch fand ich prima: “Filme, in denen Jemand “zu alt für diese Scheiße” ist”. Ich glaube, ich bin, nun ja, auch “zu alt für diese Scheiße”.

Vielleicht mache ich lieber noch schnell bei einer anderen Stern-Community namens Tausendreporter mit und klicke ein paar Mal deppert herum, damit Nachrichten wie “Krankenschwester hat für Geld Sex mit Patienten” oder “Brummi- Fahrer spielt während der Fahrt Schlagzeug” endlich mal wichtiger werden. Schon schön, Teil einer so tollen Community zu sein!

Nachtrag (26.Juli): Hat mich zwar für meinen Artikel nicht interessiert, aber jetzt habe ich doch ein schlechtes Gewissen, weil ich gar so süffisant über eine zweifelhafte Sache hinweggeschwurbelt habe. Also: Diese Listen-Sache passiert in einer “Partnerschaft” mit amazon und soll natürlich, was wohl, beiden Geld bringen. Hinter den Listeneinträgen stehen dann auch Kritiken von amazon und nicht aus der Stern-Redaktion. Erwähnenswert findet man das nicht. Das Übliche halt. Arschtrompete, hüstel, hat das in seinem Kommentar und auf seinem Blog bereits erwähnt. Ausführlich kann man die ganze Sache bei Stefan Niggemeier nachlesen. Ich wollte es nur gesagt haben!

Zu diesem Eintrag gibt es 3 Kommentare.

  1. auch wenn stern-shortlist wieder mal eine der unzähligen aus dem boden schießenden web2.0-communities ist finde ich die idee ganz nett. mir gefällt nur die kommerzielle ausrichtung nicht – letztlich versucht stern doch nur traffic auf amazon-affiliatelinks zu generieren und bücher, games, musik und dvds zu verkaufen und provisionen einzuschieben.

  2. Thammi
    25 Jul 07
    11:25

    Aber es sind nicht nur die Listen. Schaut man sich die Vorwahlen der Demokraten mit Hillary und Obama an, wird einem auch ziemlich Angst und Bang. Bei dieser Veranstaltung wurden die Fragen nämlich nicht, wie üblich, von hoffentlich “neutralen” Journalisten gestellt, sondern von You Tube Usern, deren Unabhängigkeit natürlich nur schwer nachzuvollziehen sein wird.

  3. karl
    25 Jul 07
    11:39

    Ehrlich gesagt halte ich es für eine fromme Hoffnung, dass Journalisten neutraler sind als normale YouTube-User.

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