Bad Boy Kummer” – irgendwie war dann doch noch ein Platz für mich frei in der gestrigen Vorpremiere des Dokumentarfilms über einen ehemaligen Journalisten.

Nach zehn Jahren, die bei den wenigsten Involvierten zu einer Beruhigung geführt haben, versucht der ebenfalls involvierte Miklos Gimes (damals stellvertretender Chefredaktor beim Tages-Anzeiger Magazin), eine Art Wahrheit herauszufinden über den “Borderline-Journalisten” Tom Kummer.

In mässigen Bildern, schlechtem Schnitt (split screens!) und mit ein paar albern-nervösen Effekten versucht Gimes sich zu zurückhaltend dem Menschen Kummer und darüber dessen Motivation zu nähern. Gelingt gar nicht, denn Kummer ist weiterhin vor allem gläubiger Erzähler seiner selbst und meist auf seiner erprobten Verteidigungslinie, letzteres vielleicht sogar eher aus juristischen als aus persönlichen Gründen.

Aber immer da, wo Gimes ihn machen lässt, wo Kummer einfach drauflosreden darf, wo er eigentlich schon wieder das nächste Interview plant, da wird es ganz gross. Die seiner Interviewkultur schon immer immanente Meta-Wahrheit bekommt da eine dermassene Berechtigung, sogar Notwendigkeit, dass man laut Danke sagen will für dieses Phänomen der Medienkultur. Wie weit er das System weitergedacht hat, leider mit viel zu wenig Folgen – ob das mal jemand wirklich darlegen kann, in zwanzig Jahren vielleicht? In grad mal zwei Dutzend Interviews die Träume und Mechanismen des medienprominenten Komplexes dermasssen befriedigt, ad absurdum getrieben und demaskiert… Diese Einsichten waren und sind nirgends sonst zu kriegen, nur bei Kummer, egal unter welchen Umständen sie entstanden sind

Wie begeistert und beseelt Kummer noch heute, zehn Jahre später, irgendwelche Fachbücher aus seinem Hausbesetzer-Regal kramt, einen Artikel zur visuellen Informationsverarbeitung im Gehirn gleich mit Scorsese diskutieren will (bzw natürlich gleich Scorsese in den Munde legen will, was für ihn irgendwie auf dasselbe herauskommt) – da wird klar, um wieviel mehr es in dieser Geschichte geht als um einen Schreiber, der Star-Interviews gefälscht hat. All die Empörung seiner Weggefährten von einst, die ihren Beruf bedroht sehen durch seine Machenschaften, sie geht am Punkt vorbei: dieser Mann machte keinen Journalismus, auch keinen New Journalism und keinen Borderline-Journalism, er arbeitete im und mit dem Journalismus, um etwas Umfassenderes zu diskutieren, vielleicht ohne es dabei selbst zu durchschauen. Als pures Feuilleton – ohne jede Verantwortung einer realen Rückbindung – hätten seine Texte ganz einfach nicht diese bezwingende Dringlichkeit bekommen, wären ohne Widerhall geblieben… und hätte ihm nicht das Genick gebrochen. Dass er seinen Betrug und sich selber halt immer noch so sehr rechtfertigen muss, mit dem System, dem Mitwissen, der stillen Komplizenschaft, das macht es ein bisschen langweilig. Vielleicht gab es da mal mehr Leute, die tatsächlich auf diese neue journalistische Form setzten, das wird deutlich in den zahlreichen Gesprächen mit irgendwie Beteiligten*.

Wie berührend aber die Aussschnitte aus Kummers privatem Videoarchiv sind, das er dem Regisseur komplett überlassen hat, lässt sich gar nicht hinschreiben, nur wegen diesen sollte man den Film schon anschauen. Ein nachdenkliches, eitles, zeitgeschichtliches Dokument, das viel mehr Raum verdient hätte, aber dann wäre es ein Film über einen Jungen aus einem Berner Arbeiterquartier geworden, der nichts aus seinem Tennistalent machte, der in den Achtzigern nach Berlin ging und sich wie so viele selbst (er)finden wollte. Eigentlich viel spannender als ein zehn Jahre alter Medienskandal.

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* Das SZ-Magazin brachte ja nur Tage, bevor der ganze Skandal im Mai 2000 schliesslich aufflog, seine Jubiläumsnummer mit den lustvoll gefälschten Bildern der eigenen 10-Jahres-Feier, auf der alle Prominenz dieses Planeten versammelt zu sein schien. Und liess “Gerhard Schröder” darin die versammelte Redaktion feierlich ermahnen, “auch weiterhin die journalistische Sorgfaltspflicht hochzuhalten”. Was haben wir gelacht. Nur drei Tage nach Erscheinen kam der Focus mit seiner Enthüllung, die wohl garnicht so eine Enthüllung war.

Mit Faszination zitiere ich da noch aus Ulf Poschardts Vorwort zur bei dtv erschienen Sammlung mit Kummers Interviews, drei Jahre bevor alles rauskam:
“Tom Kummers Texte haben also am Ende im besten Fall drei Autoren: Kummer, den Star und zum Schluss deren Synthese. Je dramatischer die Gespräche sind, um so verworrener äusssert sich diese Autorenvielfalt, um so mehr verschwimmen die Grenzen zwischen den Personen. Aber das passiert nur, wenn zwischen Kummer und dem Star die Chemie stimmt. Auch dafür sind beide zuständig. Dass sie so oft stimmt, könnte damit zusammenhängen, dass Kummer einen grossen Chemiekasten hat. Dass er viele Substanzen und Essenzen kenn, die anderen Journalisten fremd sind, und dass er eigentlich gar kein Journalist ist, sondern einer, der der vor allem gern denkt und mehr noch als an allem anderen an Menschen interessiert ist.”

Zu diesem Eintrag gibt es 1 Kommentar.

  1. [...] Folgenden zwei Absätze, der eine vor acht Tagen hier erschienen, der andere gestern aus Tom Kummers Mund auf persoenlich.com [...]

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