Von der Weltwirtschaft, dem internationalen Kreditwesen, Börsenspekulationen und all dem Zeug verstehe ich ja leider nicht allzu viel, weshalb ich jedoch manches Mal gierig aufsauge, was man mir darüber mitteilt. Wenn dann noch der Begriff “Ethik” dazu kommt, dann merke ich, dass ich noch viel, viel lernen muss. Nikolaus Piper etwa schrieb am Dienstag in der SZ in seinem Artikel “Notenbank als Nothelfer” einen Absatz und seitdem grüble ich:

Das Scheitern gehört zum Kapitalismus ebenso sehr wie der Erfolg. Exorbitante Gewinne sind ethisch nur dann gerechtfertigt, wenn derjenige, der auf eine Vervielfachung seines Einsatzes an der Börse spekuliert, dabei auch den Komplettverlust seines Vermögens riskiert. Disziplin in Finanzdingen und Vertragstreue sind nur dann zugesichert, wenn Investoren nicht damit rechnen können, dass Vater Staat ihnen notfalls mit dem Geld der Steuerzahler zu Hilfe kommt.

Natürlich weiß man sofort, was gemeint ist: Wenn einer Scheiße baut, sollen die anderen das nicht ausbaden müssen. Wie wahr! Liest sich gut! Aber eine lustige Logik liegt diesem Satz dann doch zugrunde: Exorbitante Gewinne (man hat also schon gewonnen, davon wird einfach mal so implizit ausgegangen) sind ethisch gerechtfertigt, wenn man ja auch alles hätte verlieren können. Wenn der Fall allerdings andersherum eintritt, müsste diese Ethik – zumindest nach meinem Verständnis – immer noch gelten: Der Gesamtverlust des Vermögens ist ethisch gerechtfertigt, weil man exorbitante Gewinne hätte einstreichen können. Das steht in dem Text natürlich nicht in diese Richtung gedreht, obwohl es eben nicht um exorbitante Gewinne geht, sondern um den Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns, also um einen Totalverlust eines Vermögens. Der Haken nur: Bear Stearns darf anscheinend keinen Totalverlust des Vermögens erleiden, weil sonst – sorry – jene gebaute Scheiße gewaltig am Dampfen wäre.

Ethik und Wirtschaft – da wird dann im Zweifelsfall immer so getan, als ob es um zwei Schulkinder ginge, die um ihr 1-Euro-Pausengeld gewettet haben. Komplett-Verlust des Vermögens, selber schuld – und die Lehrerin sollte keinesfalls Geld in der Klasse einsammeln, wenn der Verlierer weint. Aus Disziplingründen.

War es gerechtfertigt, jener Bank mit einem 30-Milliarden-Dollar-Kredit unter die Arme zu greifen, wie das die amerikanische Notenbank getan hat? Das wird eigentlich in diesem Artikel diskutiert. Die Antwort des Autors lautet: Ja, “wegen der zentralen Rolle der Investmentbank im Finanzsystem”. Andernfalls hätte die Gefahr einer globalen Wirtschaftskrise bestanden. Irgendwoher mussten also riesige Mengen Geld kommen, um eine Katastrophe zu verhindern. Keine andere Möglichkeit.

Natürlich ist Nikolaus Piper nicht der Meinung, dass da die Leute von Bear Stearns ethisch, verantwortlich und kompetent gearbeitet hätten. Eben genau nicht. Aber um sich überhaupt darüber aufregen zu können, muss er doch unterstellen, man habe bei Bear Stearns gewusst, dass im Falle eines Scheiterns andere dafür einspringen. Jedoch kämen ja auch die Eigentümer nicht straflos davon. Ihr Vermögen sei auf einen Bruchteil geschrumpft. Das sie das gewollt haben, kann man beim besten Willen wohl nicht unterstellen Sie haben sich also schlicht und einfach verspekuliert, in dem sie den Totalverlust des Bankvermögens riskiert haben.

Ich frage mich nur, wie es jemals ethisch gerechtfertigt sein könnte, wenn so eine Bank einen totalen Niedergang riskiert, auch wenn die Gewinne noch so exorbitant sein könnten. Ein Zusammenbruch darf im globalen Wirtschaftsgefüge ja anscheinend nicht passieren. Irgendjemand muss immer dafür zahlen, um irgendwelche Katastrophen zu verhindern. Das passiert im Normalfall im Nachhinein, wenn das Risiko zur Realität wurde. Und trotzdem werden von den Wirtschaftsjournalisten immer wieder diese stereotypen Sätze der Sorte wie “Der Markt regelt sich selbst”, “Das Scheitern gehört zum Kapitalismus ebenso sehr wie der Erfolg”, “Exorbitante Gewinne sind gerechtfertigt, wenn der Totalverlust riskiert wird”, usw … herausgekramt, um die beweisen, wie wichtig eine besonders liberale Wirtschaftspolitik sei, obwohl man einen ganzen Artikel darüber schreibt, was für ein Quatsch das oft in der Realität ist und mit jener meist gar nichts zu tun hat. Aber ich lerne ja noch.

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