“Die Hymne der modernen Frau” wird “Mercy” in den Medien genannt. Befremdlich, denn nichts ist an dem Hit der Waliserin “Duffy” zeitgemäß. Weder der Song selbst, der ein Motown-Hit aus den Sechzigern sein könnte, noch die Message, die einem Roman aus dem 19. Jahrhundert entnommen sein könnte, noch die Videoästhetik. Gerade diese könnte aber auf einem interessanten neuen Marketingprinzip basieren, das sehr viel mit Vintage zu tun haben könnte: Das UK-Video zu „Mercy“ – so die hier vertretene These – würde es ohne You Tube so nicht geben: Eine neue Form der Video-Intertextualität bildet sich heraus.
Auf You Tube gibt es nämlich ziemlich viele Original Videos zu dem alten Wigan Casino, oftmals aus alten BBC-Sendungen. Schaut man sich die ersten paar Minuten der Dokumentation an, dann zeigt sie sofort den Innenraum des Casinos und später, wie die Jungs tanzen – in Zeitlupe. Diese Endsiebziger-Nordengland-Ästhetik wurde nun verwendet, um dem Vintage-Look in Duffys Hitvideo hinzubekommen. Und was soll man sagen: Es funktioniert.
Hauptsächlich liegt das daran, dass der Fokus des Videos nicht auf der Sängerin, sondern auf den Bewegungen der Tänzer liegt, deren Backspins und Do the Dog Moves stilistisch einwandfrei in Szene gesetzt werden – ebenfalls in Zeitlupe. Schön ist auch dieses diffus Nebelhafte in der Luft – gern möchte man glauben, dass es sich dabei um Talkum Puder handelt, es könnte aber auch das Sphärenhafte vergangener Epochen signalisieren. In der Dokumentation brauchen sie dieses visuelle Raunen nicht. Streiten kann man sich über das kleine Logo, das auf dem Polohemd des einen Mod-Models zu sehen ist, denn dabei handelt es sich eindeutig um einen Fred Perry-Lorbeerkranz. Stimmt ja, dass bei einem schönen glatten Mod-Look das Fred Perry-Polohemd genauso dazu gehört wie das karierte Button Down Hemd und die Kotletten – allerdings hinterlässt es bei dem Video einen schalen Beigeschmack: Sponsering? Schleichwerbung?
Egal. UK tanzt zurück in die Sechziger. Der Unterschied zwischen Retro und Vintage sei hier noch einmal kurz erklärt: Vintage ist ein Look und Retro ist ein Zitat. Vintage ist neu, Retro ist Secondhand. Vintage ist meist edel und kostet viel, oft ist es die Konnotation von alt und edel, für die man bezahlen muss. Retro kann auch Schrott sein. Jetzt aber zurück zu der These: Ohne You Tube und der Faszination, die diese alten Filmchen ausstrahlen mit den originalen, ziemlich unstylischen, Teenagern, hätten sie das Vintage-Video nicht so hinbekommen. Also kreiert You Tube ein neue kommerzielle MTV-Video-Ästhetik. Könnte man meinen.

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