Die Popberichterstattung aus Berlin lag etwas danieder. Das wird jetzt anders. Gestern beispielsweise war ich beim “TV On The Radio”-Konzert im SO 36.
Dafür, dass die Band schon Ende September in Berlin gespielt hat, war es surreal voll. Irgendwie kam ich mir eh vor wie im falschen Film. Ich bekam den ganzen Abend diesen metalischen “Wir-Kinder-vom-Bahnhof-Zoo”-Geschmack nicht aus dem Mund. Woran lag es?
Nicht ganz abwegig: Die Atmo mit dem Ort verbinden. Zwar haben im SO 36 die “Sex Pistols” gespielt, hing hier Kippenberger mit der “Tödlichen Doris” ab – aber in den letzten Jahren ist der Club doch ziemlich zu einem Treffpunkt rückwärtsgewandter Lokalpatrioten geworden. Bester künstlerischer Ausdruck dafür: Der sonntägliche Tanztee und Karaoke.

Mit Tanztee hatte das Konzert gestern nun wenig gemein, schon während des Schlangestehens vor der Tür spürte man: Heute wird es nicht gesittet. Blödes Anrempeln, zu lautes Gelaber, die Mützen wurden tief ins Gesicht gezogen. Die Tür war hart, man hatte mal wieder den Eindruck, als Palästinenserin nach Israel einreisen und nicht einer Kulturveranstaltung beiwohnen zu wollen. (Fotoapparate waren übrigens auch nicht erlaubt, deshalb gibt es an dieser Stelle auch kein Gigfoto).
Drinnen wurde einem dann allerdings schnell klar, dass die penible Taschen- und Körperkontrolle wohl doch nur Show war – lange her, dass ich so viel Verstrahlte auf einem Haufen gesehen habe. Die Betonung liegt auf “viel”, denn wirklich war es so voll, dass man das Konzert eigentlich vergessen konnte. Irgendwo in weiter Ferne konnte man die Bühne erahnen und nach einer Weile zwei New Yorker mit großen Brillen – wo war der Rest?

Auch wenn das Konzert betont anti-effekthascherisch begann (also nicht die Hits des aktuellen Albums “Dear Science”, sondern ein paar ältere Rockstücke), an “TV On The Radio” lag es bestimmt nicht, dass das SO 36 gestern mühelos den Wettbewerb “Abgefucktester Club der Woche” gewonnen hätte. Bekanntlich sind die Brooklyner gerade unter anderem so in, weil sie so einen guten Geschmack haben. Ihnen ist die längst nötige Ablösung des Hot Chip inspirierten 80er-Jahre-Metallbrillenmodells durch das tellergroße Hornbrillenmodell zu verdanken und schon dafür sollten sie den Bundesverdienstorden bekommen. Daneben ist ihr neues Album „Dear Science“ sicherlich der momentan gelungenste Ausdruck einer post-racial Ästhetik neben Barack Obama.

Umso schlimmer, dass es gestern so eine pickepack volle Versammlung von Panneköppen war. An oberste Stelle: Die Leute, die von sich glauben, sie seien nonkonformistisch, wenn sie demonstrativ in Clubs rauchen. Man möchte ihnen die Fluppe aus der Hand schlagen, drauf treten und sagen: “Wenn das alles ist, was du an Widerstand bereit hälst, dann spring doch gleich von der Brücke”. Super im “Berghain”: Da werden Leute dafür bezahlt, dass sie die demonstrativ rauchenden Peinsäcke vor die Tür begleiten. Nötigung Nr 2: Echt eklige volltrunkene Mittfünfziger mit leeren Whiskeygläsern in der Hand, nervig rauchend und Frauen aufreißend. Das Modell „paisleytuchtragender Syberberg-Imitator” gibt’s doch gar nicht mehr? Gibt’s eben doch. Im SO 36. Nr. 3 der Verstöße: Im Vorraum neben den Klo verdrogt auf dem Boden rumsitzen und sich von geschmacklosen Punkern mit Bausparvertrag volltexten lassen. An anderer Stelle werde ich noch mal genauer erklären, warum meine Geschlechtsgenossinen im Nachtleben leider sehr ungünstige Tendenzen aufweisen, so viel sei aber schon mal verraten: Natürlichkeit ist nicht immer Trumpf.
Sonst hätte der riesengroße blonder Junge mit den Rastalocken – „a giant“, wie die kleine Frau neben mir bemerkte – sicherlich mehr Bewunderer gehabt, als plötzlich an der Bar zusammensackte und allen Ernstes ohnmächtig wurde. Der Gigant musste halbnackt von fünf Helfern aus dem Raum getragen werden. Expedition aus dem Tierreich.

Ach ja: Ein Rockkonzert ist eine Rockkonzert ist ein Rockkonzert. Keine Messe, kein Museum, keine Vorlesung und schon gar kein „Kulturveranstaltung“. Hätt ich beinahe mal wieder vergessen.

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