Manches war einem schon vorher klar – sobald man erst einmal davon gehört hat. Man hat vorher halt nie daran gedacht. So ging es mir mit der Tatsache, dass die Amerikaner irgendwo in ihrem großen Land ein Klein-Irak nachgebaut haben, um dort ihre Truppen zu schulen für den Kriegseinsatz. Eigentlich logisch.
Der Dokumentarfilm Full Battle Rattle von Tony Gerber und Jesse Moss, der in der Panorama-Sektion der Berlinale läuft, zeigt Leben und Arbeit in besagtem Pseudo-Irak mitten in der kalifornischen Mojave-Wüste. Hunderte Menschen leben dort in einem bombastischen, nicht endenen Live-Rollenspiel, das selbstverständlich nicht so, sondern Simulation genannt wird. Jede Armee-Einheit, die in den Irak verlegt werden soll, erhält dort erst einmal eine dreiwöchige Schulung. Von außen betrachtet wirkt das Ganze reichlich bizarr: Mit heiligem Ernst wird da zum Beispiel so getan, als ob der Sohn des Bürgermeisters von Terroristen hingerichtet worden wäre und die Amis jetzt helfen müssten. Also hinein ins Dorf, Verhöre, Kontrollen, Gespräche. Reporter laufen herum und produzieren eigene Zeitungen und Fernsehsendungen und kommentieren die Lage und das Vorgehen der Militärs. Für die Soldaten ist diese Simulation und nach wenigen Tagen auch die Identifikation damit total. Vor Gefechtsbeginn (man arbeitet mit Laser-Pointern) herrscht eine triste, angespannte Atmosphäre. Um gefallene Kameraden wird dann auch tatsächlich geweint, wohl mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es das gewesen wäre, hätte der gleiche Vorfall vier Wochen später stattgefunden.

Noch seltsamer muss die Situation jedoch für hunderte Menschen aus dem Irak sein, die dort arbeiten als Bewohner der 13 Ortschaften. Viele sind vor dem Krieg geflohen und spielen jetzt mitten im Land ihrer Träume wieder Krieg – und das seit Jahren. (Natürlich erhöht dieser Dienst am amerikanischen Neu-Vaterland die Chance, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.) Soweit wie möglich ist auch das Leben der Bewohner bis ins Kleinste am “Original” orientiert. Man spricht Arabisch und lebt reduziert. Abwasser-Systeme o.ä. müssen erst von den helfenden Amerikanern (in Zusammenarbeit mit den örtlichen Machthabern) gebaut werden. Dann gibt es wieder einen Aufstand, ein Attentat, eine Entführung – alles haargenau geskriptet von einem Spezialistenteam im Hintergrund. Seltsame Welt zwischen Fakt und Fiktion und Fakt gewordener Fiktion für einen Großteil der Beteiligten.
Der Film selbst ist in seiner Machart eher langweilig. Er zeichnet das Training einer Einheit chronologisch nach. Dazu stimmungsvolle Schlachtmusik, wenn die Truppen vorrücken als Silhouetten im Sonnenuntergang. Ein paar Interviews dazwischen, in denen Macher und Mitspieler beteuern, wie wichtig dieses Training für den gegenseitigen Respekt ist. Und klar: Demokratie, usw … Wenn Krieg gespielt wird, dann sieht das auch aus wie Krieg – zumindest so, wie man es kennt von all den embedded journaliststs-Beiträgen der Fernsehsender, die doch auch nur eine Simulation für die Medien abfilmen und das dann Wirklichkeit nennen. Dieser Dokumentarfilm zeigt sozusagen die Simulation einer Simulation der Wirklichkeit. Man kann sicherlich davon ausgehen, dass die Filmemacher alles andere als freie Hand bei der Wahl ihrer Bilder, ihrer Interviews, usw. hatten. Embedded journalistst im gespielten Krieg. Manchmal ist die Welt schon so dermaßen meta, dass es einem ganz kalt wird. Jetzt soll das ganze Areal umgebaut werden, damit es mehr wie Afghanistan aussieht.

Zu diesem Eintrag gibt es 4 Kommentare.

  1. Oliver
    11 Feb 08
    14:25

    “Die Simulation einer Simulstion” – schön formuliert. Überhaupt scheint mir dieses Dschungelcamp eh besser geeignet für eine schriftliche Betrachtung, wie Du sie anstellst, als für einen Film. Eine Drehgenehmigung für den Kopf muss einem zum Glück niemand geben. Gute Geschichte!

  2. Axel
    11 Feb 08
    18:37

    Das finde ich ja mal höchst interessant. Ich bin mir auch noch nicht so ganz sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Du schlägst ja eher einen ablehnenden Grundton in Deinem Beitrag an. Aber für den Umgang mit den Irakern im “wirklichen” Krieg, stelle ich mir das erstmal gut vor. Vielleicht sehe ich das auch nur zu einfältig. Fraglich ist natürlich wie immer der Umgang mit den Irakern in der Simulation. Schon irre.

  3. karl
    11 Feb 08
    19:36

    Der Umgang mit den Irakern ist sozusagen flexibel. Bei Festnahmen o.ä. wird hart angepackt. Der normale Umgang ist freundlich und aufgeschlossen. Das soll da ja auch gelernt werden. Das ganze Szenario ist im Übrigen ziemlich flexibel. Je mieser und ungeschickter sich eine Einheit gegenüber der Bevölkerung verhält, desto schwieriger wird es, das Dorf in friedlichem Zustand zu halten. Es gibt zu diesem Zweck sogar eine “Spiel”-Gruppe, geleitet von Soldaten, die bereits im Irak waren, deren Aufgabe es ist zu sabotieren, Unfrieden zu stiften, Sniper-Attacken durchzuführen, usw. Deren Verhalten wird angepasst an das Verhalten der Truppe.
    Mich erinnert das Ganze beinahe an ein Live-Rollenspiel: ein paar Tage mit dem Schwert durch den Wald hüpfen, eine Spielleitergruppe überlegt sich, was alles passsieren könnte, dann gibt es ein Attentat auf den Zwergenkönig, usw …
    Der ablehnende Grundton in meinem Beitrag bezieht sich eher auf die Tatsache, dass ein Wahnsinn den nächsten hervorruft. Schon klar, dass jede Armee beispielsweise den Häuserkampf irgendwo üben muss und deshalb Häuserattrappen aufbaut. Durch die Städte können sie ja schlecht springen. Ich finde die Dimension einfach so erschlagend. Ein riesiges Areal, 13 Ortschaften, hunderte Menschen, die alle so tun als ob. Eigenes Fernsehen, usw … und irgendwo sitzen ein paar Menschen, die sich ausdenken, wie so ein Krieg aussehen könnte und was jeder Einzelne wann zu tun hat. Das ist einfach so bizarr. Wahrscheinlich ist es aber wirklich gut für den Umgang mit den Irakern vor Ort. Die lernen dort wirklich so grundlegende Dinge wie Respekt vor anderen Kulturen und Religionen.
    Ein schriftlicher Bericht von einem der Beteiligten wäre wohl wirklich das Interessanteste. Aber wahrscheinlich muss jeder vorher auch unterschreiben, dass er das nie im Leben macht.

  4. schlusen
    16 Feb 08
    21:48

    Wer weiß, wer im Simulationsirak schon auf die Welt kam und nix von der Simulation weiß? Von mir auch schönen Dank für die gute Geschichte

  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.