Drei herausgegriffene Alben aus dem letzten Jahr. Die Auswahl ist streng subjektiv und erhebt keinerlei  Anspruch, exemplarisch sein zu wollen. Interessengesteuert, was auch sonst.

WeenErstens: “Ween, La Cucaracha”. Nach Jahren kamen die falschen Brüder Jean und Dean Ween mal wieder mit einem Album über, das sich so sehr von allem abgesetzt hat, was sonst so auf den Markt geworfen wurde, dass es eine Würdigung in Form eines Rückgriffs verdient. “Das beste Buch des Jahres 1981″, schrieb Peter Glaser 1984, “ist eine Schallplatte: ‘Monarchie und Alltag’ von Fehlfarben”. Wendet man dieses Bonmot auf “La Cucaracha” an, muss man gleichzeitig klar stellen, was das eigentlich bedeutet, das beste Buch war eine Platte. Es meint eigentlich nichts anderes als narrativen Mehrwert. Der narrative Mehrwert einer Ween-Platte ist beträchtlich, es gibt ihn hoch zwei. Einerseits wird auf der inhaltlichen Ebene so einiges verhandelt, vom Entstehen der Erde und der menschlichen Rasse bis zu dem Vergnügen, das man auf einer Party auch als verheiratetes Paar haben kann. Darüber hinaus gibt es auf der musikalischen Ebene Anekdoten und Schwänke: Was hat Heavy Metal mit Country zu tun, was Dub mit Pop? Ween fragen. (Kleiner Tipp: Es sind alles kleine Erzählungen im Kontext der Musikgeschichte, die die große Narration verneint.)

 burial-untrue1.jpgZweites Beispiel: “Burial, Untrue”. Wie war das noch einmal beim Punk? Die Energie ist es, die den Reiz der Sache ausmacht. Bei elektronischer Musik – und um die handelt es sich bei dem Londoner Musiker Burial – könnte man behaupten, es sei die Atmosphäre, die ausschlaggebend sei. Warum? Macht man das zweite Album des englischen Einzelgängers an, gibt man freiwillig eine große Portion Aufmerksamkeit ab. Es ist so atmosphärisch dicht, dass man innehält, in dem was man gerade tut und lauscht. Was man hören kann, ist recht schwer in Worte zu fassen: Viele Breaks, eines soulige Frauenstimme, analoges Knistern. Drum&Bass meets Trip Hop meets Dubstep meets Breakbeats meets, ja, was denn noch eigentlich? Gekonnt zusammengemischt ist das Ganze, Burial, atmosphärisch fett, mehr kann man kaum dazu sagen. Muss man hören.

jollygoods.jpegDrittes Beispiel: Zwei junge Frauen (16 und 19) aus der Provinz mit einem beknackten Namen: Jolly Goods. A play with words. Jolly good, also verdammt gut, wird zu zwei verdammt guten Gütern. Na ja. Egal, wichtiger ist das Projekt dahinter: Zwei angry young women. Lange nicht mehr gehabt. So “anti”, dass Spex gleich anhand von ihrem Debütalbum “Her.barium” den Neo-Grunge ausruft. Soweit wollen wir hier nicht gehen, aber Wut, ja, Wut und Radikalität kann man hören in den Songs von – Achtung, so heißen die wirklich – Angie und Tanja Pippi. Vielleicht hat sie der Name radikalisiert. Musikalisch ist dieses Projekt übrigens schwächer als haltungstechnisch. Aber Frauen mit einer Haltung werden belohnt, Gitarrespielen können sie ja noch üben. In Neukölln, da wohnen die beiden Schwestern jetzt nämlich.

So weit zur Popmusik, die wie immer gleichzeitig mit mehreren Liedern auf vielen Lippen aus dem Haus geht und hoffentlich nicht so schnell wieder heim kommt.

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