Die Filmkamera als Mordwerkzeug: Eines der Stativ-Beine ist ein Bajonett. Hochgeklappt, nach vorne aufgerichtet, muss es die Psychoanalyse bei all ihrer Symbolsuche zwangsläufig an einen Penis erinnern. Der Mörder, ein Kameramann, will Todesangst erzeugen. Während des Mordens filmt er das angstverzerrte Gesicht seiner weiblichen Opfer aus nächster Nähe. Filmen und Töten werden eins. Im Filmlabor, dem Refugium eines Mad Scientists, projiziert er diese Filme wieder und wieder, sitzt im Dunkeln voller Erregung und starrt auf die erleuchtete Leinwand – mit dem Blick eines Kino-Besuchers, der ungesehen sehen will.
1960 kam Peeping Tom (deutscher Titel: Augen der Angst) von Michael Powell, heute ein Klassiker des britischen Horrorfilms, in die Kinos und wurde gehasst von weiten Teilen der Kritik, von den Moralanstalten sowieso, und das Publikum zeigte sich auch nur mäßig begeistert. Welcher Filmfan fühlt sich schon wohl in einem Film, der eine direkte Verbindung zwischen Kino, Voyeurismus, Sexualität und Tod herstellt und diesen Zusammenhang auch noch in allen Facetten vor (Kamera-)Augen durchspielt? Zwar sind all diese Diskussionen heute schon vielfach geführt und dennoch: Der grundsätzliche Grusel funktioniert immer noch hervorragend, wie ich neulich im Münchner Filmmuseum feststellen durfte.
Ausgerechnet Karlheinz Böhm, der brave Franz Joseph aus den Sissi-Filmen, Traumprinz und Lieblings-Schwiegersohn, spielt den Psychopathen Mark. Freilich wurde Mark nur dazu, weil sein Vater der Wissenschaft zuliebe an der kindlichen Psyche herumdoktern musste, um über das Thema “Angst des Kindes” zu publizieren. Karlheinz Böhm ist hier der freundliche, etwas verschlossene Mann von Nebenan bzw. von der Wohnung darüber, beruflich integriert und geschätzt, doch im Privaten liegt alles im Argen. Alles, was er hat, sind seine Filme, seine Obsessionen und seine Morde. Dann der Kontakt zu einer Frau, ein echter Kontakt, ohne das distanzierende, vermittelnde Auge der Kamera dazwischen! Rettender Engel kann sie dann natürlich doch nicht werden, nur die Vorahnung von einem anderen Leben. Morde werden gesühnt.

Nett ist der englische Kino-Trailer, der sich – wahrscheinlich wohlwissend – gleich wunderbar reisserisch an die niederen Instinkte der Zuschauer wendet.

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Nebenbei: Peeping Tom ist einer dieser Filme, die sehr schön zeigen, wie sich Zeitgeist und Kunstverständnis über die Jahre ändern. Fand der katholische Filmdienst damals diesen Film doch “krankhaft, abwegig und peinlich geschmacklos”, konstatiert heute das Lexikon des Internationalen Films, das ja aus gleicher Quelle stammt: “Rückblickend gesehen ein erstaunlich moderner Film über den Zusammenhang von Schaulust, Todessehnsucht und sexueller Neurose.”

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