ripit.jpgRip It Up And Start Again: Das Buch für alle, die schon immer einmal wissen wollten, warum sie sich für Popmusik interessieren – obgleich sie doch KUNST immer umgetrieben hat.

Für mich das wirklich Ausschlaggebende für diesen roten Faden durch die Postpunkjahre (also von 1978-1984): Die Anfangsthese von Autor Simon Reynolds, dass sich die Postpunkbands gegen den Rockismus und für die Kunst ausgesprochen haben. Dass sie sich in einer Tradition mit Dada und anderen anti-bürgerlichen Kunstformen sahen. Klar, Greil Marcus hat das in seinen Büchern schon immer behauptet, aber das eine war von außen auf Musikrichtungen oktroyierte These. Wunschdenken eines hochkulturell interessierten Popkritikers. Reynolds dahingegen recherchiert, führt 124 Interviews, erzählt mehr, als dass er argumentiert. Dadurch leuchtet es ein, dass sich dieser ganze Neuaufbruch nach Punk selbst so konstruiert hat. Daher die Plattencover von Killing Joke (“Wardance”), daher die Polittexte von Scritti Politti (“Jacques Derrida”), daher die Motown Emphase von Orange Juice (“Just like the Four Tops: I cant help myself”): Es ging darum, sich neue Traditions-linien zu basteln, ein neues Selbstverständnis anzueignen und: Es ging um eine neue Politik.

Ein Teil des Pop-Politik Dilemmas der Neunziger baut darauf auf: Die Vorstellung, gegen die Gesellschaft zu sein, “anti”, eben wie avantgardistische Kunst und “nasty”. Das ganze Hakenkreuzrevival und dann natürlich der Skandal schlechthin: eine Band Joy Division zu nennen, nach einem Begriff aus einem Roman von 1965, “House of Dolls”, in dem der Autor mit dem Pseudonym Ka-Tzetnik 135633 über die “joy division” des Konzentrationslagers Auschwitz schreibt, ein Freudenhaus für Nazisoldaten, indem junge KZ-Häftlinge als Sex-Sklavinnen arbeiten mussten.

All das der Versuch, eine Gegenposition zum Mainstream zu etablieren, die sich aber eben doch nicht nur als dagegen, wie die Counter Culture, sondern auch als “neu” und hip” ansah, also deutlich avantgardistische, bissige, zynische Züge trug.

Hört man sich den Sound dieser Jahre noch einmal an, Devo, Joy Division, The Fall, The Pop Group – auch die deutsche New Wave Band Palais Schaumburg, dann glaubt man, das Konzept hinter dieser Popmusik hören zu können: Coolness, Brüche, lebendige Unsicherheit, Sophistication: Wie eine Welle schwappt es wieder über einem zusammen. Mehr als nur Musik, ein ganzer Lebensentwurf stand dahinter. Und viel Kopfarbeit.

Es wird immer beklagt, dass Teenager die Popmusik nicht mehr als Haltungsrahmen annehmen, ohne zu bemerken, dass die Popmusik von heute diesen Rahmen gar nicht mehr anbietet. Vielleicht bisweilen auf der textlichen Ebene (Die Türen etc.) aber lange nicht mehr als Gesamtkunstwerk, sowie in den frühen Achtzigern. Bei Scritti Politti wurde das “Scritti communiqué”, ein post-strukturalistisch und popjournalistisch geschultes Think Tank eingerichtet, um gehaltvoll genug in Interviews zu sein. Und die ästhetische Praxis hielt eben mit. Heute ist das zu aufgeteilt: Progressiver Sound auf der einen, mittelschlaue Texte auf der anderen Seite. Das könnte ein Problem sein.

PS: Der Titel “Rip It Up” ist übrigens ein Song der schottischen Band Orange Juice. Hörenswert und wenn möglich setze ich den hier demnächst rein.

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