Es kommt immer darauf an, mit welchem Gestus man etwas betreibt. Ganz besonders im Pop. In der Veranstaltungsreihe “Plattenspieler”, die momentan im “Hau 2″ in Berlin stattfindet, folgt der Ort der Aufwertung des Gesprächs als Kunstform. Das “Über-Platten-Reden”, vielen von uns bekannt als vergnüglicher Feierabendspaß, fand gestern auf einer subventionierten Theaterbühne statt.

Und so sieht das Ganze dann in der Wirklichkeit aus: Popmusiker und Schriftsteller Thomas Meinecke sitzt auf der ansonsten leeren Bühne mit einem Gast an einem kleinen Tisch. Von diesem Gast muss er wissen, dass er oder sie Ahnung von der Popmusik der letzten vierzig Jahre hat – und eine große Vinyl-Sammlung – denn um beides wird es sich in den nächsten zwei Stunden drehen. Zwei Plattenspieler sorgen dafür, hier werden alte und neue Platten abgespielt, während das jeweilige Plattencover an die große Bühnenrückwand projiziert wird. Dann wird über diese Platten gefachsimpelt, wobei abschweifen erlaubt ist. Einfach genial oder genial einfach – wie man es sieht.

Das Schwierige an der Disziplin Plattenschnack ist ja bekanntlich die Leichtigkeit, mit der das so mühsam erworbene symbolische Kapital vorgezeigt werden sollte. Das sophisticatete Gespräch über Platten muss hochkultiviert und kenntnisreich sein, sollte aber gleichzeitig leicht und witzig “rüberkommen”. Auf keinen Fall darf es ins Penetrante abdriften. Bloß nicht zum “Nerd”, also beckmesserisch und langweilig, werden. Augenblicklich offensichtlich ein Problem von Meinecke, denn es vergeht kein öffentlicher Auftritt, in dem er nicht erwähnt, dass er dieses oder jenes wohl “nerdig” ausgedrückt habe – wenn auch ungewollt.

Daniel Richter, den Meinecke sich für den Abend eingeladen hatte, scheint dieses Problem nicht zu kennen. An dem Hamburger Maler und Musiklabel-Besitzer konnte man wieder einmal beobachten, dass das Reden über Popmusik alternatives Kanonwissen (Bildung!) und Geistesschärfe abverlangt. Den Witz, den es bei Richter wie den dritten dicken Aal auf dem Hamburger Fischmarkt immer noch umsonst mit dazu gab, steckte man beschenkt weg.

Gut machten sich bei diesem Laborieren zwischen Cool und Uncool immer die durch den Projektor groß an die Rückwand geschmissenen Eheringe, die beide Männer trugen. Die Pointe liegt in der Drehung ehemaliger Rock’n’Roll-Verortungsprobleme. Mann macht sich intensive Sorgen um den richtigen Ton, hat aber den Zwang zum jugendlichen, ehemals als “richtig” empfundenen Lebensstil – einsam und autodestruktiv – schon längst überwunden. Das lebensgefährliche Leben im Pop (No Future!) wird ersetzt durch das umso verfeinerte Reden über den Pop. Man könnte darüber spekulieren, ob es damit auch “aufgehoben” im Hegelschen Sinne ist.

Im Wettbewerb um Sophistikation ist der oftmals der Sieger, der seine Sophistikation am besten verbirgt. Das war am gestrigen Abend sicherlich Daniel Richter. Die letzte offene Frage, wieso stellt man so etwas auf eine Theaterbühne, beantwortete der fast volle – und zur Hälfte weiblich besetzte – Publikumsraum: Kunst ist, was andere dafür halten.

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