Lindi Ortega – All I Want For Christmas Is A Cowboy from Last Gang Records on Vimeo.


Höllisch sentimental, sein letzter Roman, 1958. Aber wieder Perlen, meine Herren…

Merve Dönerproduktion

Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber ich möchte oft über ein Album schreiben, dass es „Pop at it‘s best“ sei – ohne mich eigentlich je wirklich gefragt zu haben, was das eigentlich heißen könnte. Ich tue es jetzt: Pop at it’s best heißt, dass es eine Balance gibt zwischen Abstraktion bzw. Künstlichkeit und einem gewissen Banalitätsgrad, sprich einer gewissen Bodenständigkeit. Darüber hinaus erzeugt Pop at it’s best (ab jetzt abgekürzt PAIB) eine Intensivierung des Augenblicks. Seltsamerweise spürt man sich stärker in der Welt – ich tue auf jeden Fall.
Nehmen wir beispielsweise das neue Album von Hot Chip. Einige mögen hierin ein Leichtgewicht sehen, auch ich bin dieser Meinung nicht ganz abgeneigt, dennoch würde ich gleichzeitig sagen: Ein hervorragendes Pop-Album, gerade weil es stellenweise so banal ist. Banalität und Klasse sind keine Gegensätze, das haben wir in den 1980er Jahren gelernt. Da hatte Pop darüber hinaus auch noch Pathos, mochte den Kitsch. Es ging beides: Ganz große Oper und trotzdem Subversion. Solche Bands hörten dann auf den Namen Human League, menschlicher Bund. Wahnsinn (und auch ein bisschen bekloppt). Bei Hot Chip ist das auch so. Die sind sich nicht zu schade, so einen etwas billigen Sexknüller („Night and Day“ ) zu bringen mit seltsam frisierter Funk-Slickness. Da denkt man zuerst: Schon ein bisschen peinlich, dass so ein weißer Nerd seiner Angetrauten so einen Blaxploitation-Knüller zuneigt – aber dann eben auch wieder nicht. Pop hebt Peinlichkeit auf. Wenn man wirklich auf einen bestimmten Sound steht, so wie Hot Chip offensichtlich auf Disco Boogie, dann darf man auch den Disco Boogie-Sex-Appeal übernehmen, auch wenn man rein äußerlich gar nicht dafür gerade stehen kann. So sehe ich das zumindest. Pop kann also noch mehr: Er spielt mit dem Imaginären.
Doch kommen wir zurück auf PAIB, diesem seltsamen Mittelweg zwischen Mathematik und Matsche oder auch Abstraktion und Sinnlichkeit oder gleich Idealismus und Positivismus.
Findet man ein Album gut, wie ich das neue von Hot Chip, obwohl es vielleicht rein „werkimmanent“ gar nicht so gut ist, dann überträgt es bestimmte Vibes. Vibes, die einem zu verstehen geben, dass das Leben gar nicht so schlimm ist, weil es auch gute Momente haben kann.
Die werden einem dann, wie bei „In Our Heads“ sowohl durch die Lyrics als auch durch den Sound nahegebracht. In unserem Köpfen – guter Titel! – geht also irgendetwas ab, nennen wir es Entlastung. Hört man „In Our Heads“ im Zug oder auf dem Rad, dann weiß man, dass die Wirklichkeit, die man sieht, nicht die einzig mögliche ist.
Und das, meine Damen und Herren, ist guter Pop. Pop at it’s best. Er findet in unserem Kopf statt und er erlaubt uns, eine Alternative zu denken – mit dem Körper!
Viel besser als Kunst.

Hot Chip, In Our Heads, (Domino Records).

Am 17. Juli 1987 wurde Jörg Fauser irgendwo bei München-Riem auf der Autobahn überfahren.
Wie er dahinkam, weiss man nicht so genau.

Aus diesem Anlass zeigt im Berliner Lichtblick-Kino heute Christoph Rüter eine Langfassung seines Dokumentarfilms Rohstoff – Der Schriftsteller Jörg Fauser, und Tiemo Rink schreibt einen langen Artikel im Tagesspiegel.

Eine Schweigeminute bitte, und ein Bier.

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