Könnte sein, dass Sonntag ist
Aus: Berliner Zeitung, 6.4.2006

„Pauls Fall“ ist ein gar langsames Buch und darin ganz gleich seiner Hauptfigur. Paul also: ein alter Mann mit ersten Anzeichen von Vergesslichkeit, seniler Sturheit und anderen Idiosynkrasien, vor allem, wenn es um Fliegen und Flugzeuge geht. Schwer kommt er hoch von Stuhl und Couch, die Kraft verlässt ihn hin und wieder. So verheddert man sich schon mal im eigenen Mantel: „Im Ausziehen … blieb er stecken, er hatte versucht, ohne die Hilfe der linken Hand, mit der er den Beutel trug, den Arm aus dem rechten zu ziehen, er hatte sich darin verfangen.“
Der Schriftsteller Arne Roß erzählt auf 192 Seiten einen Tag und im letzten Satz einen Morgen aus dem vergehenden Leben Pauls. Paul stromert durch die Gegend, weil der Supermarkt geschlossen hat. Vielleicht öffnet er auch gar nicht mehr, könnte sein, dass Sonntag ist, Paul weiß das im Moment nicht so genau. Überhaupt kommt vieles anders als es sollte. Das mit dem Kuchen etwa, den ihm seine Frau, die nur als anonyme Variable „G.“ vorkommt, für Professor Schneider mitgegeben hat. Paul verzehrt ihn im Wald, auf einem weggeworfenen Kühlschrank sitzend. „Jetzt aß er, er aß langsam. Mit spitzen Fingern sammelte er die Krümel zusammen und legte sie sich auf die Zunge.“
Desweiteren geschieht: ein zielloser Plausch mit dem Nachbarn Dr. Frost, ein Laternenumzug vor dem Haus einer Freundin, ein versehentlich eingestecktes Feuerzeug, eine warme Badewanne am Abend. Auf seinem Spaziergang grüßt Paul oft: die Frau in dem Auto, den Busfahrer, den Soldaten im Gebüsch. Selten antwortet ihm einer.
Doch „Pauls Fall“ ist kein Rührstück über einen einsamen Senior. Denn Roß hat tatsächlich eine regelrechte Fallstudie verfasst. Er ist der teilnehmende Beobachter, notiert in jedem einzelnen Moment gewissen- und ernsthaft, was Paul sagt, wahrnimmt und tut. Jede Drehung des Kopfes, jede Ameise und jedes Blatt, das Paul erblickt, vielmehr: bedächtig heranzoomt. Was sieht der alles, was dem Leser in der eigenen Wirklichkeit entgeht: Wimpern und Wolkenfetzen, einzelne Sonnenstrahlen und Speichelfäden.
Von schweifenden Gedanken oder gar Emotionen dagegen kaum eine Spur. „Pauls Fall“ ist ein grandioser Einspruch gegen jegliche Bewusstseins-Versessenheit, ein nachhaltig beeindruckendes Plädoyer für eine erneute Entdeckung nicht nur der Langsamkeit in der Literatur, sondern auch der Poesie der äußeren Erscheinungen. Denn Roß porträtiert eben keine Welt im Ich. Sondern einen Menschen in seiner Welt. Ein wahrhaft seinen Bedingungen unterworfenes Subjekt. Deshalb ist die Natur so prominent in dieser dichten Beschreibung: Das Altern ist der wohl sichtbarste Beweis ihrer Unabwendbarkeit. Und obwohl man im Alter mehr Zeit zu haben scheint, drängt sie dennoch, weil einem immer weniger von ihr bleibt. So treibt gerade die obsessive Genauigkeit den Roman unaufhörlich vorwärts, die Leere spannt sich zum Zerreißen, die Ruhe wird verdächtig – schließlich muss ihr irgendwann der sprichwörtliche Sturm folgen.
Eine solch anhaltend erwartungsgeladene Stille umgab auch den Autor selbst: 1999 erschien sein Erstling über eine ebenfalls schon in die Jahre gekommene Dame namens „Frau Arlette“, dann lange nichts. „They also serve who only stand and wait“, lautet der Vers John Miltons, den Roß „Pauls Fall“ als Motto vorangestellt hat – als wollte er sich verteidigen, dass er sieben Jahre für die Geschichte eines anders Aufmerksamen brauchte. Dass sich das Warten lohnen wird, ahnte man natürlich längst – das Paradies wird kaum verloren gehen, wenn einer so erzählen kann. Und eine wunderbare Überraschung ist es doch, diesen außergewöhnlichen Ton endlich wieder zu vernehmen. Die Zeit meint es offensichtlich ganz besonders gut mit Arne Roß.

Was bleibt von den Schauplätzen der Geschichte?
Aus: Nürnberger Nachrichten, 4.4.2006

Sie stockt manchmal, sucht nach dem richtigen Wort, ihr Englisch ist lückenhaft. In einen dunklen, bodenlangen Mantel gehüllt erschließt sie in abmessenden Schritten ein Stück grüne, blumenlose Wiese, sie deutet mal dahin, mal dorthin. „Hier kam man rein, und dann war gleich rechts die Toilette.“ Nichts außer diesen Skizzen in die Luft: Das Haus der Großeltern in Sarajevo ist Geschichte, über die längst Gras gewachsen ist. „Green Green Grass of Home“ heißt dieses Video von Maja Bajevic und Emanuel Licha, das wie alle anderen Arbeiten der Ausstellung „Last & Lost“ im Münchner Literaturhaus fragt: Was bleibt von den Schauplätzen der Historie?
Unter dem Titel „Last & Lost – Unterwegs durch ein verschwindendes Europa“ haben die polnische Verlegerin Katharina Sznajderman und die deutsche Lektorin Katharina Raabe ein Großprojekt in Gang gesetzt, ein Symposium fand im März in Berlin statt. Was bleibt: bis Ende April eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus und ein Buch selben Namens: „Last & Lost – Ein Atlas des verschwindenden Europas“. Beide haben die größte Aufmerksamkeit verdient.
Titel wie „Islands“, „Peripheries“ oder „End of Europe“ prägen die Fotoserien und Videoarbeiten der 15 in München vertretenen Künstler: An Abbrüchen, Rändern, Übergängen finden sich die Orte, an denen die einstige Präsenz von Geschichte (und unser Umgang damit) augenfällig wird – im Verfall. Vesselina Nioklaeva hat die Grenzanlagen zwischen der Türkei und Bulgarien fotografiert. Vielmehr was davon noch zu sehen ist: niedergetrampelter Zaun, verrostete Schilder, ein offenes Tor. Milan Aleksic hat die Spuren mehrere Kriege festgehalten: ein zerfetztes Hochaus, ein umgeknicktes Kreuz, ein Hoffnungsloser auf einer Straßenkreuzung. Den Charme des Verrottens in Hochglanz haben auch Dik Bouwhuis, Catarina Botelho und Renate Niebler entdeckt. Niebler hat die Maxhütte fotografiert, weit blickt der Betrachter in eine scheinbar unendliche Tiefe der Hallen; Kräne, Stützen, Übergänge ragen hindurch; der Boden ein Meer aus Stahlschrott, Platten, Schienen, Rohren, Blechen, scharfen und stumpfen Kanten.
Für das begleitende Buch (in dem sich auch ein Teil der Fotografien wiederfindet) haben sich wieder 15, diesmal Autoren, aufgemacht, um die „Orte, die man der Zeit zum Fraß vorgeworfen hat“ (Andrej Stasiuk), wenigstens in Texten aufzuheben. Dabei sind wundervolle Reportagen entstanden. Von Vetle Lid Larssen etwa, der nach Vardo fuhr, einem Dorf auf einem Landzipfel ganz im Nordosten Norwegens. Auf der Suche nach dem sagenhaften Eingang der Hölle landet er in dem fast völlig verlassenen Ort. Um am Ende zu erkennen: „Auch die Hölle ist weggezogen.“
Von den Hakenschlägen der Historie erzählen auch Marius Ivaskevicius, Lavinia Greenlaw, Mircea Cartarescu und Svetlana Vasilenko, auch Texte von Christoph Ransmayr, Juri Andruchowytsch und Dagmar Leupold sind in diesem Band – man möchte sie alle nacherzählen. Weil sie nur ganz selten einem konservierenden Kitsch verfallen, sondern mit Sachverstand und schönen Worten an Orte erinnern, die viel zu schnell und gern ad acta gelegt wurden. Die man nach der Lektüre aber endlich nicht mehr aus dem Kopf bekommt: Wershbolowo, Ada-Kaleh, Kapustin Jar, TÜPL Allentsteig, Hohenlychen – alles Metaphern für vergangene Zeiten. Und als solche werden sie nie verloren gehen.

Last & Lost. Bilder eines verschwindenden Europas. Bis 30. April im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, Mo-Fr 11-19 Uhr; Sa/So 10-18 Uhr; Tel.: 089-291934-0

Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 336 Seiten, 29,80 Euro.

Von Anatolien nach Deutschland
Eine türkische Frauengeschichte: Feridun Zaimoglus Herz schlägt für “Leyla”
Aus: Berliner Zeitung, 23. Februar 2006

Es herrscht das Gesetz des Vaters; der Koreakrieg sorgt für Dispute; Frauen, die auffallend gekleidet sind, werden schief angeschaut; die große Stadt ist für die Landbewohner ein Mythos, die Liebe für Teenager ein großes Rätsel – und wie man sie ausübt ein noch größeres. Klingt gar nicht so fremd für deutsche Ohren. Und doch sind wir in Anatolien in den 50er-Jahren.

Feridun Zaimoglu ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen deutscher Gegenwart: In “Kanak Sprak” protokollierte er die Reden der Kinder türkischer Einwanderer, vermischte allerdings ununterscheidbar eigene und fremde Rede. Darauf folgte “Koppstoff – Kanaka Sprak”, die weibliche Variante des grellen Türkdeutschs. Mit seinem neuen Roman “Leyla” hat er sich jetzt auf die Suche nach der Vergangenheit begeben. Und dafür wieder den Frauen gelauscht, mit Tanten und Kusinen gesprochen. Denn Leyla ist Zaimoglus Ich-Erzählerin. “Dies ist eine Geschichte aus der alten Zeit. Es ist aber keine alte Geschichte”, beginnt der Roman.

Zaimoglus Sprache tönt noch aufregender “anders” als in seinen früheren Veröffentlichungen, die Wendung zurück hat ihm nur gut getan. Nüchtern die Melodie, die Worte bunt bis blumig hinein getupft und gekleckert, die Melancholie kleidet sich so ironisch wie verklärend. Ein Epos in Episoden, keine ausschließlich schöne Geschichte, doch auf jeder einzelnen Seite wunderschön erzählt.

Leylas Familie ist arm wie beinahe jeder in ihrem Dorf, statt eines Ehebetts gibt es eine “Ehematratze”. Nur wissen darf das keiner, nach dem Essen benutzt man Zahnstocher, “damit die Leute glaubten, es habe bei uns Fleisch zu Mittag gegeben.” Worüber ebenfalls alle in Kenntnis schweigen: Vater Halid verprügelt seine Frau und seine Kinder, weil er Angst mit Achtung verwechselt. “Nährvater” oder “Mann meiner Mutter” nennt Leyla ihn.

In der Öffentlichkeit wird Halid oft verspottet, denn mit den neuen Zeiten kommt er nicht zurecht. Die Aufschrift auf seiner Visitenkarte – “Export-Import AMERIKA” – ist nicht mehr als eine Traumschrift: Bei Geschäften wird er beständig übers Ohr gehauen. Davon erfährt der Leser nicht nur aus Leylas Perspektive: Feridun Zaimoglu hat ihr noch eine allwissende beiseite gestellt, die aus der Welt der Männer berichtet – rohe Worte für eine rohe Gesellschaft.

Eine kleine Weile genießt Leylas Familie das Glück des abwesenden Patriarchen: Halid muss ins Gefängnis, weil er wieder einmal den Versprechungen vom großen Geld aufgesessen ist. Als Djengis, der älteste Sohn, meint, er müsse alle Verstöße gegen des Vaters Regeln für den späteren Rapport festhalten, weist ihn die Mutter endlich in die Schranken: “Mein Sohn … ich liebe dich, ich gebe mein Leben für dich hin. Doch ich lege jedem Verräter das Henkerseil um den Hals, auch wenn er mein Sohn ist.”

Das fasziniert Zaimolgu unhaltbar an den Frauen: die Leidenschaft mit Gewaltpotential, der unbeugsame Familiensinn, die poetische Zärtlichkeit, das Aroma der Schönheit, die Selbstbeherrschung bis zur Selbstaufgabe. Die Passagen über das Frauenbaden im dampfend duftigen Hamam und die surrealen Traumbilder der Mutter gehören deshalb zu den leuchtendsten in diesem Buch. Und selbst den anatolischen Zicken huldigt der Autor noch aus lauter Neid auf ihre Welt.

Schließlich entdeckt er in den Rückzugsräumen des Weiblichen auch die Komik der ewigen Anständigkeiten: Wenn im Kreise junger Mädchen von “Dasdaunten” die Rede ist, wird schon mal in Ohnmacht gefallen; als Leylas Schwester Selda sie an ihren heimlichen Beobachtungen der verruchten Ipek Hanim teilhaben lässt, erschrickt Leyla fürchterlich darüber, dass Ipek Hanim sich eine Zigarette anzündet. “Habe ich dir zuviel versprochen?” fragt Selda dann stolz. Der mehrtägige Ausflug ins kurdische Heimatdorf von Leylas Freundin Manolya ist beste pubertäre Winnetou-Romantik.

Da geht Zaimoglus Travestie auf – stets ist er auf der Augenhöhe seiner Erzählerin, wohl weil er exzellent recherchierte im Familienkreis und deshalb spürbar sein ganzes Herz in diesem Buch steckt.

So lässt die Liebe nicht länger auf sich warten, erste Umbrüche im Privaten: Die Familie zieht nach Istanbul, Metin, “der Schöne”, hält um Leylas Hand an. Beim ersten Mal, da die beiden unter vier Augen, ohne Väter, Mütter, Schwestern, Tanten, Großmütter, Großtanten, miteinander sprechen, herrscht zunächst Stille, eine halbe Stunde lang, dann beginnt ein herrlich verklemmter Flirt: “Meine Dame, ich muss mich fragen, ob ich Ihnen gerecht werde … das wird wegen ihrer Schönheit unmöglich sein”. Doch Leyla lässt sich nicht so leicht um den Finger wickeln. “Mein Herr, sage ich, ich will von Ihnen elektrische Liebesgaben – damit wir uns richtig verstehen.” So sehen sie aus, die erotischen Übersprunghandlungen in Zeiten zarter Modernisierung.

Metin will weg aus der Türkei, nach Deutschland. “Die Menschen dort … greifen nicht gleich zum Messer, wenn ein Streit ausbricht. Sie riechen alle nach Seife”, schwärmt er, bevor er überhaupt dort war. Er zieht weg ins von ihm so pausenlos gelobte Land, holt dann Leyla, beider eben geborenen Sohn und Leylas Mutter nach. Der Sohn hat noch keinen Namen, erst in Deutschland soll er ihn bekommen. “Ein radikaler Neubeginn. Meine Güte, nicht dumm”, kommentiert Freundin Manolya.

Wie hätte Feridun Zaimoglu ihn auch nennen sollen? “Feridun” wäre wohl zuviel der Realität gewesen, alles andere aber verkehrt – der Autor kam selbst als kleines Kind an der Hand seiner türkischen Mutter nach Deutschland dem Vater nachgereist und blieb. So hat sich Feridun Zaimoglu mit “Leyla” nicht nur seine Vorgeschichte erschrieben. Sondern vor allem einen Namen für die Zukunft, einen, den man längst kannte, jetzt jedoch deutlich schwerer wiegt. Meine Güte, nicht dumm.

Aus: Berliner Zeitung, 19.1.2006

Selbstporträt einer Ameise
Anne Webers Kapitalismuskritik im Zahnlabor

Katrin Schuster

Viel zu lange hat man nichts gehört von Bleistiftspitzern, Ärmelschonern und festen Arbeitszeiten – fast schien es, als hätte das Büro als literarischer Ort ausgedient. Bis Anne Weber sich mit “Gold im Mund” gut hundert Jahre nach Robert Walsers Sammlung der fiktiven Schulaufsätze “Fritz Kochers” wieder der Angestellten angenommen hat. “Um in der Welt ein rechtschaffenes Leben führen zu können, muß man einen Beruf haben. Man kann nicht nur so in den Tag hineinarbeiten. Die Arbeit muß ihren bestimmten Charakter und einen Zweck haben, zu dem sie führen soll. Um das zu erreichen, wählt man einen Beruf.” Sagt Fritz Kocher und wählt “ein Bureau.”

Als Anne Weber noch “statt Geld in Zeit, Zeit in Geld umtauschte und unter diesem Tausch täglich litt” schrieb sie mit “Liebe Vögel” eine eisig klare Tirade in 31 Kolumnen: “Wie ich euch hasse, liebe Freunde und Kollegen, wie ich euch jeden Tag aufs neue, Rächerin und Kannibalin, mit meinem Brieföffner durchbohre.”

Für “Gold im Mund” ist sie ins Büro zurückgekehrt. In Walsers Geburtsort, der Schweizer Kleinstadt Biel, erbat sie bei “Cendres & Métaux” in der Abteilung für Zahnersatz einen Schreibtisch im Großraumbüro. Ganz im Ton Walsers gestelzter Naivität, vermeintlich unfreiwillig entlarvender Komik und schelmischer Durchtriebenheit notiert sie: “Über jedem der halbhohen Büromöbel schwebt ein Kopf, der manchmal von seinem Besitzer in die Luft gehoben und durch die Gänge getragen wird. Es gefällt mir, daß ich jetzt einer dieser schwebenden Köpfe bin, daß ich an diesem blanken, reinlichen, wohlgeordneten Leben Anteil haben darf.”

Ins literarische Tagesgeschäft passt das immer noch nicht: Eine, die mit vorgegebener Tolpatschigkeit vielfach schlauer als ihre räsonnierenden Kollegen sowohl die stillen Übereinkünfte und ungeschriebenen Gesetze des Zusammenlebens und -arbeitens als auch das No-Alternative-Denken des Neoliberalismus erschüttert und oft genug mit einem heiteren Unschuldslammlächeln im Gesicht in sich zusammenstürzen lässt.

Und weil das Befremden angesichts der Entfremdung längst nicht mehr so authentisch daher kommen kann wie noch bei Robert Walser, verschwendet Anne Weber heillos Worte, Figuren, Einfälle. Es geht um nichts in diesem Text, und daher um alles: Gibt es eindeutige Beweise für die Existenz des viel zitierten Direktors? Wie sähe das Selbstporträt einer Ameise aus? Sind Büropflanzen womöglich die einzig wahren Kommunisten? Zum Glück verpflichtet noch kein Gesetz auf Stringenz: “Solange es sie noch gibt, nutze ich die Rechtslücke aus, um ein Buch zu schreiben, in dem es um nichts, jedenfalls um nichts Resümierbares geht.”

Womit all den kapitalistischen Rationalisierungs- und Nützlichkeitsgeboten am nachhaltigsten widersprochen wäre.

Deutschlands blaue Flecken
Ulrike Draesners Roman “Spiele” über den Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972
Aus: Berliner Zeitung, 1.12.2005

Ulrike Draesner muss sich ab und an gefürchtet haben während der Zeit, die sie an ihrem neuen Buch gearbeitet hat. Nämlich davor, dass auch ein anderer über dieses Thema schreiben könnte: München, September 1972, Olympisches Dorf, Conollystraße, Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Es ist die größtmögliche Katastrophe der gerade erst der Pubertät entwachsenen Bundesrepublik: In der Nacht zum 5. September 1972 überfällt ein palästinensisches Terrorkommando die Quartiere der israelischen Olympiateilnehmer, erschießt zwei von ihnen noch vor Ort, nimmt neun als Geiseln.

Auf dem Fürstenfeldbrucker Rollfeld kommt es zu einer chaotischen Schießerei zwischen den Palästinensern und der mangelhaft ausgerüsteten, sowie kaum vorbereiteten Polizei. Auch die Politik scheint qualvoll planlos in diesem Manöver. Alle Geiseln, fünf der acht Geiselnehmer und ein Polizist sterben durch Schüsse oder Handgranaten. IOC-Präsident Avery Brundage tritt vor die Presse, sagt: “The Games must go on.” Die Spiele werden fortgesetzt. In der BRD wird die Grenzschutzgruppe (GSG) 9 gegründet.

Tatsächlich: So lange hat diese allzu offen klaffende Erinnerungslücke im historischen Untergrund seiner endlichen Entdeckung geharrt, dass man sich augenblicklich wundert, warum bislang kein Autor sich dessen angenommen hat. Ulrike Draesner hat. Und das mit einer lustvollen, furchtlosen und dennoch bescheidenen Autorität, die ihr so schnell keiner nachmacht. “Spiele” heißt der Roman ganz schlicht.

“Die große und kleine Geschichte kümmern sich nicht umeinander, sie durchdringen sich bloß”, lautet das Mantra und heimliche Motto dieses Buches. Draesners “kleine Geschichte”, teils schon durchsetzt von der großen: Die Fotojournalistin Katja Berewski kehrt im Jahr 2002, nach fortwährendem Reisen durch die Welt und deren Geschichte, zu ihrem Vater Edgar nach München zurück. Zurück auch zu der eigenen Vergangenheit: Ihre Mutter stirbt 1965, Katja fünf Jahre alt, lange ist von einem Unfall die Rede.

Anfang September 1972 lernen Katja und Edgar – vor allem Edgar – im Stadion Susanne kennen: Papa hat eine neue Frau; dann laufen im Fernsehen die Bilder der Geiselnahme; in Fürstenfeldbruck ist auch Polizeilehrling Max im Einsatz, Katjas erste Liebe, deren Vertrauen sie zuvor bitter und böse missbraucht hatte; Max wird auf dem Flughafen verletzt, hinkt seitdem.

Es geht um Erinnerung, um Liebe, um Unschuld, um Zufall oder Schicksal. Und um Heimat: Katjas Vater und seine Eltern wurden während des Zweiten Weltkriegs aus dem damaligen Schlesien vertrieben, in München hat Opa Jozef mit dem Sammeln von Werbe-Zuckerstücken begonnen: “Die Stückchen hatten viele Vorteile: sie kosteten nichts. Sie füllten die Zeit. Sie waren mit Bildchen bedruckt. Sie erinnerten, aber nicht schlimm.” Die verlorene Heimat gilt Katja auch als mögliches Motiv der palästinensischen Attentäter.

Weil alles, immer anders, wiederkehrt in diesem Buch – der Zucker, die Blöße, der Verrat, das Hinken, die Spirale (das Logo der Spiele von 1972) und das Krokodil – wandelt durch die Geschichte auch ein menschlicher Wiedergänger, ein ewiger Wanderer, der immer dort ist, wo die kleine oder große Welt gerade in Bewegung gerät.Mathias, nie stillstehend: Im Olympiastadion mäandert er mit seinem Bauchladen durch die Sitzreihen, schnippt Katja eine Packung Chips vor die Füße, während Edgar gerade erste Worte mit Susanne wechselt; in Fürstenfeldbruck fährt Mathias den Bus mit den Geiseln und Geiselnehmern auf das Rollfeld, Max schüttelt ihm noch die Hand, bevor es losgeht; zum Flughafen kehrt Mathias immer wieder zurück, in der Hoffnung, ihn in Schutz zu nehmen vor denjenigen, die die fünfzehn Toten und den erhitzten Asphalt vergess en werden. Katja und er begegnen sich noch ein zweites Mal – ohne die Wiederholung zu bemerken.

Erinnern wird sich Katja trotzdem an diesen Tag, dank Mathias: “Fest drehte er mit seinen alten Fingern, alt, aber geschickt, drehte sie alle auf, Hiasl, unsichtbar an den Ventilen, eins zwei drei – schon da hing so ein Mercedes geradezu göttlich schief – wollte zu vier huschen, linkes Vorderrad, hörte Schritte und – stand aufrecht da, ohne Handschuhe, Mathias, ein alter, freundlicher Mann, der den Soldaten … nach dem Weg zum nächsten Café fragte”.

Das ist er, der unverwechselbare Draesner-Sound, schon oft vernommen, doch immer wieder neu und unerhört: kurz angebunden, perfekt getaktet, immer im Fluss, doch hart geschnitten. Ihre semantischen Morsezeichen sind präzise, scheuen weder Banalitäten noch Tragik: blank liegen die Worte, wenn Ulrike Draesner sie auseinander nimmt, so blank, dass weder der Kitsch noch die Gewalt sich hinter ihnen verstecken können. So märchenhaft ihre Geschichte, in die alle irgendwie verwickelt sind, so wahrhaftig die Sätze, die Draesner dafür findet. Als ob gerade ihr Ausloten der deutschen Sprache in der deutschen Geschichte – und der Erinnerung daran – sein eigentliches Thema gefunden hätte. Wie etwas und wie jemand zur Sprache kommt, das ist ihre Frage.

1972 lernt Katja viele neue Wörter, “Ultimatum” eines davon, “Geiseln” ein anderes. Was sie noch lernt: Dass “Zone” nicht nur den Ostblock, sondern auch die Münchner Nahverkehrsbereiche meinen kann. So werden erst Wortknäuel, 30 Jahre später Erinnerungsknoten entwirrt. Am Ende erhält das Familienmantra einen Zusatz: “Wisst ihr, wenn die kleine und die große Geschichte sich durchdringen, wer dabei die blauen Flecken bekommt? Und die Runzeln und die feuchten Augen?” Wir natürlich. In Worte gefasst aber hat diese Versehrtheit Ulrike Draesner.

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Ulrike Draesner: Spiele.

Luchterhand, München 2005. 494 S., 21,90 Euro.

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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