Immer wieder dieser Lionel Messi! Dieses Blog wird noch zum Wir-huldigen-Messi-Blog. Wieder ein Traumtor des Meisters, diesmal kein 60-Meter-Tanz durch die halbe gegnerische Abwehr, sondern ein eiskalter Lupfer. Und wieder sieht es so einfach aus. Ball angenommen, geschnippelt und drin! Geschossen hat Messi das Tor im Halbfinal-Spiel Argentinien gegen Mexiko bei der Copa America. Argentinien gewann dieses Spiel 3:0.

Ein Elend, dass man in dieser zähen, endlosen Sommerpause von der Copa so wenig mitbekommt, falls man nicht arena abonniert hat. Ein noch größeres Elend, wenn man gar nicht einmal darüber nachdenken kann, ob man einen Fußball-Sender abonnieren soll oder nicht, weil man dieses dämliche Funkfernsehen benutzen muss, das eh nie vernünftig funktioniert, kein arena oder premiere kann und nicht einmal DSF für die Tore empfängt, aber als besonderer Fortschritt gefeiert wird, weil man es auch beim Campen im Wald gehen würde. Ich fahre halt nicht zum Campen, um dann fernzusehen.

Naja, nicht jammern, sondern sich die Sommerpause versüßen lassen durch Messis neuestes Kunststück bei der Copa America: Hier auf YouTube oder hier bei Fritten, Fussball und Bier, die das Video herausgesucht haben. Dank dafür.

Rasterfahndung, elektronische Gesundheitskarte, biometrischer Personalausweis, Video-Überwachung auf öffentlichen Plätzen, Gen-Tests, Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner, Telefonüberwachung, Geruchsproben, Bewegungsprofile, RFID-Chips, Zugriffe auf Bankkonten und weh und ach. Man kann sich noch so anstrengen, bei jedem Versuch der Aufzählung wird man eine Menge der Übel vergessen, die bereits gang und gäbe sind oder uns demnächst blühen. Aber kein Problem für viele: Sie hätten ja nichts zu verbergen – sagen sie. Diesen Satz, aus dem neben einiger Dummheit auch noch ein gutes Stück Perfidie spricht – durch die innewohnende Unterstellung, derjenige, der sich nicht überwachen lassen wolle, der müsse ja etwas zu verbergen haben – diesen Satz hat der amerikanische Professor Daniel J. Solove von der George Washington University Law School in einem Essay mit dem Titel “”I’ve Got Nothing to Hide” and Other Misunderstandings of Privacy” abgeklopft. Man kann diesen Aufsatz nach dem Klick komplett als pdf-Datei herunterladen und die 22 Seiten bei Gelegenheit ruhig einmal durchlesen. Letzten Endes enttarnt der Autor den Satz als völlig unzulänglich, da er den vielseitigen Aspekten des Begriffs Privatssphäre nur ganz am Rande, wenn überhaupt gerecht werden kann, aber man lese selbst. Man könnte auch sagen: Wer diesen Satz ernst meint, der hat keine Sekunde darüber nachgedacht, was Privatssphäre und der Verlust der selben bedeutet.

Ein anderer, zugegebenermaßen äußerst naheliegender Gedanke, wenn man in einmal gehört hat, hat mich fasziniert. Die am häufigsten genutzte literarische Metapher zum Thema Überwachung ist ja George Orwells Roman 1984, doch Solove schlägt Kafkas Der Prozess als Bild für drohende Zustände vor. Mir erscheint das äußerst plausibel. Kein Mensch weiß, welche Daten wann für was verwendet werden. Und wenn man zum Beispiel an die Probleme denkt, die Menschen bei der Aufnahme eines Kredits trotz Bonität haben, nur weil sie in einem sozial schwächeren Wohngebiet leben und erst einmal nicht den Hauch einer Ahnung haben, warum ihr Antrag abschlägig beschieden wird, dann erinnert das doch schon mehr als im Ansatz an all die Prozesse gegen Josef K., in denen der Prokurist nie erfahren wird, was ihm überhaupt zum Vorwurf gemacht wird und welche Beweise wofür oder wogegen auch immer vorliegen könnten.

Wörter kommen und gehen, manche sterben aus. Das ist an sich nichts Schlechtes. Dem “Nato-Doppelbeschluss” beispielsweise sei noch auf das Grab gespuckt, ebenso jenen häßlichen Mode-Wörtern, mit deren Hilfe die sprachlich besonders Hinterwäldlerischen so etwas wie Zeitgeist zu simulieren versuchten. “Dufte” etwa oder “schnaffte” oder “knorke” – ein Tritt zum Abgang in den Wort-Hintern, in dieses anbiedernde End-”e”. Sollen diese Wörter doch verschwinden! Kein Problem damit.

Um ein Wort jedoch tut es mir leid. Ich hatte es fast vergessen. Wahrscheinlich käme für dieses Wort schon Bodo Mrozeks Liste der bedrohten Wörter zu spät. Ich fürchte, dieses Wort ist ausgestorben, obwohl das zugehörige Substantiv unser aller Leben dominiert. Das Wort heißt: “computern”. Ein Verb, ein Tunwort im besten Sinne. Ich habe das früher oft getan, ganze Nachmittage lang. Ich ging damals immer zu den Nachbarjungs, um zu computern. Das bedeutete: Eine meist kopierte Kassette wurde in das Laufwerk des Schneider CPC gesteckt, um den ich die Jungs damals immer sehr beneidete. Dann musste man warten, zwanzig, dreißig Minuten lang, und auf die seltsamen, bunten Streifen starren, die der Ladevorgang auf den angeschlossenen Fernseher zeichnete. Wenn alle gut lief, konnte man dann Bruce Lee spielen oder Ghost’n Goblins. Oft genug stürzte das beinahe fertig geladene Spiel jedoch wieder ab. Also alles noch einmal, wieder diese Streifen und wieder diese Warterei. Währenddessen unterhielt man sich natürlich miteinander, hörte Musik und las Comics oder machte sich zwischendurch einen Kakao in der Küche. Wenn von drei, vier Stunden Besuch bei den Nachbarjungs nur eine Stunde tatsächlich am Computer gespielt wurde, dann war das ganz normal. Computern ging eben so. Recht viel mehr konnte man mit diesen Geräten damals ja auch nicht machen außer Spiele spielen und darauf warten, dass man endlich diese Spiele spielen kann.

Es ist schon seltsam. Heute gibt es Hunderte von Ausdrücken, die den Umgang mit einem Computer beschreiben. Chatten, Mailen, Twittern, Surfen, File-Sharen und und und, aber ausgerechnet das Naheliegenste, den Klassiker, das Tunwort zum Wort “Computer” gibt es nicht mehr. Aber wie soll das heute auch noch gehen, den ganzen Nachmittag computern?

Eben erst entdeckt: Auf der Webseite des Suhrkamp Verlags finden sich – wer weiß wie lange schon – ein paar Audiodateien von Features und Lesungen. Darunter nicht nur Marcus Braun liest aus “Armor” und Paul Brodowsky im Gespräch über “Die blinde Fotografin” und Ariane Breidenstein liest aus “Und nichts an mir ist freundlich”, sondern vor allem: Uwe Johnson liest aus den “Jahrestagen”, und das knappe zehn Minuten lang. “Was ich Ihnen vorlesen möchte, ist aus einem unveröffentlichten Buch, das auch nicht fertig ist.” (Diese Stimme!)
Und hier geht´s zur Übersicht über die Lesungen & Features.

die interessanten artikel
1. Diedrich Diederichsen bespricht Kerstin Grethers “Zungenkuss” – und belässt es natürlich nicht dabei: “Pop ist immer Enttäuschung” lautet die Überschrift, “Und das ist auch gut so”, beginnt die Unterzeile.
2. Jörg Sundermeier (seines Zeichens auch Verbrecher-Verleger) lässt zehn Jahre Literaturkritikerdasein Revue passieren und weiß also einiges über den heutigen Buchmarkt zu erzählen.
3. Hubert Spiegel moniert: “Wie Verlage die Konkurrenz im eigenen Haus inszenieren”.

der schöne text
Der dritte Kapitel von Elfriede Jelineks Internetroman “Neid” ist online. (Zu finden unter dem Menüpunkt “Aktuelles”.)

der erste satz
Vor etwa hundert Jahren hätte an dieser Stelle der Erzähler im Stummfilmkino dem Mann (oder der Frau) am Klavier einen Wink gegeben.
Aus Helmut Kraussers “Kartongeschichte”, erschienen im Marebuch-Verlag: Über vier Menschen, die man nicht gerade im sozialen Oberfeld ansiedeln würden; über Homosexualität; und vor allem über das Erzählen: wie das gehen könnte, wie das Spaß bereitet, wie das sich selbst ad absurdum führt.

der hörtipp
Der aktuelle “Büchermarkt” des Deutschlandradios: über 30 Jahre “Schreibheft” und Thomas Melles grandioses Debut “Raumforderung”.

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Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Fauser, Jörg | 0 | 25.01.12 @ 8:42 pm | max

    (sorry, bei meinem Konsum grad hat nix andres Platz)

  • Hilfe für junge Talente | 0 | 19.01.12 @ 2:50 pm | max

    Sehr nette FAQ der Schriftstellerin A. L. Kennedy (von der ich zwar nichts gelesen habe bislang…).

  • Unglaublich bieder | 0 | 19.12.11 @ 11:40 am | karl

    “Das dubios finanzierte Haus des Christian Wulff, Bundespräsident, teilt uns etwas über seinen Bewohner mit”, lässt die taz einen Architekten hier erzählen. Die Biederkeit dieser Art Journalismus teilt uns jedoch viel mehr über dessen Macher mit, fürchte ich.

  • Musste auch gesagt werden

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