Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber: Früher – also: vor den Relaunches – war der erste oder letzte Internetakt des Tages, bei taz.de, bei tagesspiegel.de, bei sueddeutsche.de und nzz.ch (seit ein paar Tagen ebenfalls relauncht) vorbeizuschauen und die aktuelle Ausgabe zu lesen. Mache ich jetzt nicht mehr. Ich finde die ganzen Neudesigns optisch voll in Ordnung, da gibt es wenig einzuwenden. Ich fand das also eigentlich ganz schön, nur merke ich eben langsam, dass ich mich da kaum mehr aufhalte. Weil mir das viel zu unübersichtlich, zu kleinklein, zu 2.0 ist. Nur mit einem gewissen Aufwand und vielen Klicks, kann ich erkennen, welcher Artikel neu ist, von der umständlichen Erreichbarkeit des Ressorts „Medien“ (bei der taz jetzt unter „Leben“ zu finden, beim Tagesspiegel unter „Magazin“) ganz zu schweigen. Vielleicht gehöre ich auch zu einer aussterbenden Gattung, aber: Ich brauche keine Foto- oder DVD-Editionen, keinen „Großen Klinikvergleich“, keine Bildergalerien, keine Foren und Redaktionsblogs – ich will eine Zeitung! Auch online. Gerade die Leserkommentare interessieren mich ehrlich gesagt nicht im Geringsten, höchstens lese ich die, wenn es um politisch schwierige Themen geht und ich mich am wiederholten Auftritt der Rechtsideologen erfreuen will, die es einfach nicht lassen können, die deutschen Medien der Lügen und Meinungsunterdrückerei zu bezichtigen. Aber ansonsten? Nein, mich haben diese Zeitungen als Onlineleser tatsächlich verloren. Also back to print…
Gerade entdeckt: Beim WDR 3 kann man ab jetzt jeden Monat ein Hörspiel als mp3 herunterladen. Besonders schön: Den Anfang macht “Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt” von und mit Zitronen-Mann Schorsch Kamerun. Hab ich verpasst, freu ich mich drauf.
die interessanten artikel
1. Unbedingt nachtragen muss man an dieser Stelle das Jörg-Fauser-Dossier des österreichischen Standard, das nicht nur ein Porträt und einen Text über sein journalistisches Schaffen (“Vom Arsch der Welt”) und ein Interview mit dem Fauser-Gesamtwerk-Verleger Alexander Wewerka, sondern vor allem einen Essay von Jörg Fauser über Joseph Roth enthält.
2. In der Sunday Book Review der New York Times bespricht John Irving “Peeling the Onion” von Günter Grass.
3. In der NZZ schreibt der grandiose Paul Jandl über Klaus Hoffer, den “Schriftsteller, der schon früh den perfekten Roman geschrieben hat und seither mit diesem Schicksal hadert.”
4. Für das Magazin des Schweizer Tagesanzeigers hat Sacha Verna den Autor Richard Ford besucht: “Wer die Menschen verstehen will, sollte Geschichten von Richard Ford lesen. Oder dieses Interview.”
der schöne text
Der Bachmannwettbewerbsbeitrag von Michael Stavaric: “Böses Spiel”.
der erste satz
Jetzt noch, kurz vor Mitternacht nämlich, lächelte Lüßl auf eine ganz und gar nicht einnehmende Art und Weise vor sich hin.
Aus dem wunderbaren Roman “Heilig Blut” von Gisela Elsner, die von ihrem Sohn Oskar Roehler vor ein paar Jahren in dem Film “Die Unberührbare” porträtiert wurde. “Heilig Blut” ist ein bitterböses Buch über deutsche Abgründe, über Jagdausflüge und Altnazis, erschienen ist es im Berliner Verbrecher Verlag; eine schöne Rezension findet sich beim Deutschlandradio.
der hörtipp
Die neue Folge von “Buch heute” ist da – sie handelt diesmal von “Bewerbung mit Erfolg”: “Junge, unbekannte Schriftsteller haben es nicht leicht, einen Verlag zu finden. Die Literaturagentur Puls-Puls und ihre unkonventionellen Methoden.” Zitat: “Wir machen den Gegnern des Manuskripts unmissverständlich klar, dass sie sich positiv damit auseinandersetzen sollen…”
Das Privat-Fernsehen könnte einem manchmal wirklich leid tun. Könnte. Wie soll auch eine vernünftige Sendung herauskommen, wenn das einzig Wichtige an einem Programm die Werbung zwischen, während, im schlimmsten Fall anstatt der Inhalte ist?
Wenn es Boxen nicht gäbe, würde es sicher bald erfunden von gewitzten Werbestrategen und gefeiert als das beste Werbekonzept seit Menschengedenken. Praktischer geht es ja kaum noch: Nach drei Minuten Kampf kann man eine Minute Werbung zeigen, zielgruppengerecht und immergleich: Bier, Anti-Falten-Mittel für Männer um die Vierzig, Bier. Die Werbepausen sind jeweils so kurz, dass man lieber nicht hin und her schaltet. Schließlich möchte man ja nichts vom Kampf verpassen, wenn man sich das alles schon antut. Nach der Sendung erinnert man sich an eine Werbe-Dauerschleife und sonst kaum noch etwas. Wenn der Kampf dann tatsächlich so uninteressant ist wie die künstlich hochgejubelte Revanche gestern Abend zwischen Klitschko und Brewster, ist es tatsächlich gar nicht mal so schlimm, auf Wiederholungen sportlicher Höhepunkte verzichten zu müssen. Schon in der ersten Runde war zu erkennen, dass Klitschko seinen Gegner allein mit seiner linken Führhand aufarbeiten und seine gefürchtete Rechte kaum brauchen würde. Nach der sechsten Runde war der Kampf aus. Brewsters Trainer McGirt nahm seinen sichtlich angeschlagenen Boxer aus dem Kampf. Wohlgemerkt: NACH der sechsten Runde, was soviel heißt wie IN der RTL-Werbepause: Bier, Anti-Falten-Creme, Bier. Als der Sender wieder live in die Köln-Arena schaltete, war alles schon vorbei, Klitschko jubelte und der RTL-Reporter musste mühsam die Geschehnisse während der Werbepause erläutern.
Eine mordspompöse Inszenierung, Vorberichte aus dem Training, Interviews und Trara und dann ein so dermaßen kleinlautes Ende. Um den Sport geht es bei RTL einfach nicht. Eine gewisse Schadensfreude kann ich mir da kaum verkneifen. Saublöd, wenn der Sport dann nicht so will wie die Werbestrategie. Aber wahrscheinlich geht es auch beim Boxen gar nicht um den Sport.
PS: Ja, über Fernsehwerbung darf man sich immer noch aufregen. Es ist eine Zumutung. Wer das Gefühl hat, das schon einmal gelesen zu haben … Stimmt. Hier auf diesem Blog. Es ist ja immer das Gleiche bei RTL. Nebenbei: Von welcher Firma wurde der Box-Abend gestern noch einmal präsentiert? Ich habe es vergessen.
Weil ich mich mit dem Hansn gerade darüber freue, dass die Gorilla Biscuits wieder auf Tour kommen, zwar erst im September, aber immerhin. Bis dahin, nicht ganz so hart, weil wir ja älter geworden sind, Walter Schreifels akustisch mit der Hymne “Start Today”:
http://www.youtube.com/watch?v=et59JXsMxLw
