Krisen sind heutzutage geradezu inflationär. Wo man hinschaut, ist Krise. Wenn etwas nicht gut läuft, ist Krise. Ein kleiner Streit in einer Beziehung, schon ist sie da, die Krise. Wenn eine Fußball-Mannschaft zweimal nicht gewinnt, dann steckt sie in einer Krise, meist sofort in einer besonders schlimmen. So erging es zum Saisonauftakt beispielsweise Borussia Dortmund. Null Punkte aus zwei Spielen, Tabellenletzter, keine erkennbare Spielanlage und schon standen die Dortmunder für viele Beobachter als sicherer Absteiger fest. Nach zwei Spieltagen. Absolute Krise in Dortmund.

Unter dem Stichwort Krise findet man in einem Lexikon folgende schlaue Erklärung: „(griech.) K. bezeichnet eine über einen gewissen (längeren) Zeitraum anhaltende massive Störung des gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Systems. Krisen bergen auch die Chance zur (aktiv zu suchenden qualitativen) Verbesserung.“ Natürlich kann man jetzt den Fußball nicht mit der Politik gleichsetzen, auch wenn es unter den Staatslenkern durchaus Mode ist so zu tun, als sei alles ein großes Spiel, in dem nur die Mannschaft richtig aufgestellt sein müsste, um zum Wohle eines Landes so genannte Steilvorlagen zu verwandeln Auch ob gleich irgendein politisches, wirtschaftliches oder gesellschaftliches System gestört sein muss, nur weil etwa der VFB Stuttgart gegen Berlin verloren hat, darüber kann man streiten – am ehesten ungestört mit netter Gesellschaft in einer Wirtschaft. Eines sollten jedoch auch die größten Pessimisten und Krisen-Liebhaber nicht tun: zwei Spieltage als längeren Zeitraum bezeichnen. Wer dazu neigt, der möge an die leidvolle Endlosigkeit einer Sommerpause ohne Fußball denken. Was sind im Vergleich dazu schon zwei läppische Spieltage?

Trotzdem scheint es im Fußball nach zwei Spielen bereits ausgewachsene Krisen zu geben, bei einigen Mannschaften. Bei Werder Bremen etwa. Zwar wurde Werder trotz Abstiegsplatz nicht gleich als potentieller Zweitliga-Verein gehandelt, doch spätestens nach der 0:4-Pleite gegen Bayern München war die Mannschaft auf einmal keinen Pfifferling mehr wert, die Spielfreude sei mit Klose nach München abgewandert, adäquater Ersatz sei nicht in Sicht und überhaupt die Verletztenmisere! Wenn das mal keine Krise ist! Anderen geht es auch nicht besser. Der VFB Stuttgart etwa käme nicht zurecht mit dem elenden Druck, der auf dem deutschen Meister immer in der nächsten Saison hafte und der Fall Bayer Leverkusen brauche sowieso nicht allzu viele Worte: überschätzt, wie immer. Schnell wurde eine Bezeichnung für diese vier Teams gefunden, auch wenn die Ursachen des schwachen Saisonauftakts noch so unterschiedlich sein mögen. Nach dem zweiten Spieltag waren Dortmund, Stuttgart, Bremen und Leverkusen die „Krisen-Mannschaften“.

Am vergangenen Wochenende haben alle „Krisen-Mannschaften“ gewonnen. Sie haben, um es schlau zu sagen, aktiv nach einer qualitativen Verbesserung gesucht und am dritten Spieltag mehr Tore geschossen als ihre jeweiligen Gegner. Das hätten sie allerdings auch ohne Krise tun können. Jetzt noch ein weiterer Sieg und man kann unbesorgt darauf wetten, dass das Krisengerede genauso schnell wieder geht wie es gekommen ist. Und nebenbei: Der VFB Stuttgart hatte in der vergangenen Saison zu diesem frühen Zeitpunkt einen Punkt weniger auf dem Konto als jetzt. Am Ende der Krise stand die Meisterschaft. Also wirklich! Als ob es nach zwei Spieltagen schon richtige Krisen gäbe.

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