Es ist vorbei mit der großen WM-Euphorie – zumindest wenn man den Zeitschriftenmarkt für Fußball-Magazine zur Beweisführung heranzieht. Das Magazin RUND gibt es schon seit einigen Wochen nicht mehr (Schade drum!) und über die Zukunft des Gratisblattes Sportzeitung, das von vergangenem November bis April in den Lufthansa-Lounges auslag, ist noch nicht entschieden. Stichwort Anzeigenkunden. Einen Artikel mit dem Titel “Fußball-Magazine sterben schnell” gibt es hier bei der FTD. Gestern erschien die letzte Ausgabe von PLAYER. Damit hat kein im Zuge der WM gegründetes Magazin überlebt.

Der Markt für Fußball-Publikationen scheint also bereits abgedeckt zu sein. Es gibt den kicker, den man schon immer liest, 11 Freunde für Fans, Interessierte und Bolzplatz-Heroen – und wer gerne Bilder anschaut, kauft sich eben die SportBild. Der WM-Effekt war auf dem Zeitschriftenmarkt kurzfristig und marginal. Selbst der kicker konnte wohl seine Verkaufszahlen nicht wesentlich steigern – was gar nicht so sehr wundert, wenn man die teils ganz hervorragende, auf jeden Fall aber äußerst umfangreiche WM-Berichterstattung der großen Tageszeitungen anschaut. Die Berichterstattung von der WM lebte sicherlich von der Tagesaktualität. Was interessiert schon eine Spielanalyse von vorgestern, wenn längst der Ball schon wieder rollt?

Das Magazin PLAYER hat es also auch nicht geschafft. Gegründet als Fußball-Lifestyle-Magazin versuchte man Anfang Januar mangels Verkaufszahlen das Ruder noch einmal herumzureißen, mit einer sensationell hilflos wirkenden Strategie: noch weniger Fußball, mehr Lifestyle. Da heißt es dann in den Mediadaten – ich zitiere ganz, weil man eh nicht mehr aufhören kann vor Staunen, wenn man einmal angefangen hat zu lesen:

Deutschland braucht ein neues Männermagazin!

Das Magazin PLAYER, als Fußball-Lifestyle-Magazin gestartet, erweitert ab Januar 2007 sein inhaltliches Konzept. Mehr Sportarten, mehr Männer-Themen, mehr Motivation.

Der PLAYER-Mann interessiert sich für Sport, für Geld, für Autos, Technik und Frauen. Aber das ist nicht alles. Er gestaltet sein Leben ganz bewusst. Er ist neugierig und nachdenklich. Er will nicht wissen, was stylisch ist, er hat einfach Stil.

Der PLAYER-Mann ist aktiv und liebt den Erfolg. Er kennt die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga, aber der Spielstand in der globalen Wirtschaft ist für ihn genauso wichtig. Er will wissen, wie man im Web 2.0 Geld verdient. Und wie man es richtig ausgibt.

Der PLAYER-Mann träumt nicht von Stars, er lebt seine Träume im Alltag. Und er geht bewusst mit seiner Seele um, mit seinen Beziehungen, mit seinen Kindern.

In PLAYER liest er über Männer, die seine Freunde sein könnten: Spieler aus Werbung und Wirtschaft, Unterhaltung und Sport. Aber auch über Alltagshelden, deren Leben ihn inspiriert.

PLAYER zeigt alle Facetten des Mannes, aufregend, anregend und manchmal auch nachdenklich.

Die Kern-Zielgruppe Männer, 20 bis 49 Jahre alt, mit überdurchschnittlicher bis starker Persönlichkeitsstruktur und breitem bis sehr breitem Interessenshorizont.

Seid’s ihr deppert, möchte man da doch rufen! Über manche Verlagsstrategien kann man sich da tatsächlich nur wundern. Da gründet man zur WM Hochglanz-Monatsmagazine, gibt ein, zwei Ausgaben heraus und, oh Wunder, die WM ist vorbei. Sommerpause! Dann hofft man, seine Magazine weiterhin zu verkaufen, weil man ja die Wahnsinns-Idee hatte, Fußball und Lifestyle (!) zu verbinden – ohne zu merken, dass es schon ein Lebensstil-Magazin mit 11 Freunde gibt. Und zwar eines, das glaubwürdig ist, das verstanden hat, dass viele Menschen am Fußball das schale Bier, die Currywurst auf schäbigen Stehtribünen lieben, die bitteren Niederlagen ihres Drittliga-Clubs im strömenden Regen und die Gespräche über die guten, alten Zeiten, als man sich in der allergrößten Not noch mit Blutgrätschen helfen durfte. Und dass diese Menschen eben kein Interesse daran haben, im Armani-Anzug mit ihrem Kompressor-Mercedes zur Arroganz-Arena zu fahren, sondern lieber in verschlissener Adidas-Jacke in die Tram steigen würden, Richtung Grünwalder Stadion. Und nebenbei: Wenn man die muskulösen Oberkörper von Fußball-Stars effektvoll fotografiert sehen will, dann kauft man doch eine Frauenzeitung. Und dann wundert man sich bei so einem Konzept, dass niemand diese Zeitung kauft!

Vielleicht lesen die Deutschen aber auch gar nicht so gerne über Fußball, zumindest nicht so begeistert wie ihre europäischen Nachbarn. In Italien oder Spanien erscheinen täglich (!) mehrere Zeitungen zum Thema. Wer dort in ein Cafe geht, sieht die Leute Taktiken und Aufstellungen studieren bis hin zu Laufwegen einzelner Spieler. Hierzulande mussten Christoph Biermann und Oliver Fuchs noch 1999 in ihrem schönen Büchlein “Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann – Wie moderner Fußball funktioniert” grundlegende Techniken der Raumdeckung, des Verschiebens ohne Ball, ja generell die Prinzipien des Kampfes um den freien Raum erklären. Erst seit kurzem erwähnen Fußball-Moderatoren im Fernsehen, dass Mannschaftsaufstellung nicht gleichbedeutend mit Spieltaktik sei. (Nebenbei: Den schönsten Namen für ein Fußball-Blog trägt aus oben genannten Gründen (unterstelle ich mal) der taz-Blog “Volk ohne Raumdeckung“. Darüber werde ich mich in zehn Jahren noch freuen und von dort stammt auch der Hinweis auf den FTD-Artikel).

Wenn ich noch eine Fußball-Publikation bräuchte neben den Tageszeitungen und dem kicker, dann müsste sie zwei Dinge erfüllen: Sie sollte möglichst tagesaktuell sein und den Sport nicht verflachen, sondern vertiefen – auch wenn so eine Akribie und Überinterpretation für Außenstehende lächerlich erscheinen mag. Ich lese doch keine Artikel über Autos von Spielern oder über Diskoauflüge von Jungstars. Die Männer sind eben nicht meine Freunde, ich träume auch tatsächlich nicht von Stars, aber ich bewundere sie gerne dafür, wie sie Fußball spielen können und nur dafür! Und darüber möchte ich lesen, über nichts anderes. Solange es so eine Zeitung nicht gibt, werde ich mich weiterhin mit den vielen schönen Blogs zum Thema Sport und Fußball beschäftigen. Für Interessierte sei hier auf ein paar hingewiesen. Meine Fußball-Blogroll sozusagen:
Natürlich die Presseschau von indirekter-freistoss, daneben allesaussersport, das Blog vom Rund-Magazin, Nachspiel, www.direkter-freistoss.de, der wunderbare Trainer Baade, Fritten, Fußball und Bier, das Premier-League-Blog und und und … Es gibt so viele gute Blogs. Halt! womensoccer.de noch.

So gesehen braucht es tatsächlich keine zusätzliche Fußball-Zeitung mehr.

Zu diesem Eintrag gibt es 2 Kommentare.

  1. newskick.de
    09 Jun 07
    00:41

    Fußball interessiert uns nicht

    Es ist vorbei mit der großen WM-Euphorie – zumindest wenn man den Zeitschriftenmarkt für Fußball-Magazine zur Beweisführung heranzieht. Das Magazin RUND gibt es schon seit einigen Wochen nicht mehr (Schade drum!) und über die Zukunft des Gratisbla…

  2. […] zweitens-magazin.de » Fußball interessiert uns nicht 01.06.2007 […]

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