Mich an Jürgen Klinsmann als neuen Bayern-Trainer zu gewöhnen, fällt mir auch jetzt noch schwer. Mag die halbe Republik auch jubeln und die Bayern für einen Coup feiern, halte ich es trotzdem eher mit der ausländischen Presse, die bei der Bekanntgabe der Verpflichtung größtenteils skeptisch, wenn nicht gar höhnisch reagierte. Irgendwie scheint mit dieser Verpflichtung die Zeit von Uli Hoeneß als Kopf und Herz des FC Bayern zu Ende zu gehen und die schleichende Rummeniggesierung des Clubs voranzuschreiten. Man kann Hoeneß ja vieles nachsagen, aber eines ist er mit Sicherheit nicht: ein aalglatter, eiskalter Unternehmensberater-Typ. Und trotz allem sportlichen und finanziellen Erfolgs war der FC Bayern eines nie: ein herzloser Großclub – auch wenn Willi Lemke in den 80ern als Manager von Werder Bremen mit Vehemenz versuchte, einen reichlich heuchlerischen Klassenkampf zu inszenieren.

Noch dauert es ja geraume Zeit, bis Klinsmann seinen Dienst antritt, doch die Richtung seines Wirkens wird jetzt schon immer klarer und ist doch wenig überraschend in Anbetracht seines Unternehmensberater-Wortschatzes. Das Wenige, was noch echter Fußballverein ist, soll nun endgültig zu einem reinen Kapitalunternehmen umgebaut werden. Langsam beginnt man damit, die Fans darauf vorzubereiten, dass sie zukünftig nichts mehr beim Training zu suchen hätten. Herrn Klinsmann wäre es lieber, man würde unter Aussschluss der Öffentlichkeit trainieren, was so bei Bayern München bisher nur beim Abschlusstraining oder in wenigen anderen Ausnahmefällen der Fall war. Es mag ja eine Menge guter Gründe für diese Maßnahme geben: Konzentration, Ruhe, Verhinderung von Spionage und und – und die anderen Spitzenclubs wie Chelsea, Barcelona, Arsenal und Madrid würden das ja auch so machen.

Zur Säbener Straße in München pilgern tägliche hunderte Menschen, darunter viele Gäste aus dem Ausland, um am Zaun zu stehen, ein Autogramm von Schweini zu ergattern und einfach ein paar Tricks von Ribery aus der Nähe zu sehen. Es riecht nach frisch gemähtem Gras und wenn es regnet, wird man beim Zuschauen nass. Das wird gerne vergessen, aber so ist das manchmal beim Fußball. Das Trainingsgelände an der Säbener Straße ist der letzte Ort, an dem man als Fan tatsächlich noch das Gefühl bekommt, es würde auch beim FC Bayern ein wenig so Fußball gespielt, wie er überall in den unteren Ligen – selbstredend auf einem technisch wesentlich höherem Niveau, disziplinierter und artifizieller, aber dennoch: Fußball.

Zur Säbener Straße kann jeder gehen, in die Allianz Arena nicht. Auf Monate hinaus sind die Spiele dort ausverkauft und spätestens, wenn man diese Stadion-Chipkarte braucht, um einen überteuerten Schluck Dünnbier zu erwerben, während einem die Ohren weh tun, weil der nächste Sponsoren-Jingle durchs Stadion brüllt, wünscht man sich sowieso, insgeheim und wider besseres Wissen, ganz weit weg, an die Alte Försterei zu Union Berlin oder sonst wohin. Fußball ist Ware, Spieler sind Popstars. Je exklusiver, desto spektakulärer und teurer zu vermarkten. Was für ein Event in Zukunft, einen Herrn Schweinsteiger aus dem Bus steigen zu sehen, wie er einmal winkt und dann im Hochsicherheitstrakt des Vereins verschwindet! Den Rest wird man dann vielleicht auf fcb.tv gegen Bezahlung sehen können. Wir werden sehen.

Hoeneß hat bereits angekündigt, seinen Platz auf der Trainerbank in der kommenden Saison aufzugeben, Rummenigge wird weiterhin an den Allmachtsfantasien des Clubs feilen und Klinsmann wird endgültig die letzten charmanten Eigenheiten des FC Bayern schmirgeln und glätten. Teambuilding auf amerikanische Art. Leistung, Leistung, Leistung – alles andere egal!

Und immer wieder wird ausgerechnet dieses gesichtslose und mäßig erfolgreiche Chelsea London als großes Vorbild für alles angeführt. Aber so wird es eben aussehen, wenn man sich Unternehmensberater als Heilsbringer ins Haus holt.

Nachtrag (28.3.): Der FC Bayern lässt hier auf seiner Homepage verlauten: Es werde weiterhin öffentliches Training an der Säbener Straße geben.

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