Mexiko, Gruppe A

von Ben Strack-Zimmermann

Früher mal – es ist schon über ein Vierteljahrhundert her – war Mexiko einer der großen Prügelknaben bei Weltmeisterschaften. Man muss sich das hin und wieder ins Gedächtnis rufen, weil es mittlerweile absolut selbstverständlich erscheint, dass Mexiko nicht nur bei einer WM dabei ist, sondern seit 1994 auch jedes Mal die Gruppenphase übersteht. Das ganz große Ziel ist deshalb seit einiger Zeit auch das Erreichen eines Halbfinales, was dem völlig fußballverrückten Land wirklich zu gönnen wäre. Die letzten vier Jahre waren allerdings turbulent, und so ist Mexiko derzeit schon eine der etwas unklareren Größen. Nachdem man den völlig glücklosen Sven-Göran Eriksson in die Wüste gejagt hatte, wurde mit Javier Agirre ein Altbekannter sein Nachfolger. Agirre hat das schlingernde mexikanische Schiff wieder auf Kurs gebracht. Den Gold Cup konnte man nach Anlaufschwierigkeiten mit einem glanzvollen 5:0 Endspielsieg über die USA nach Hause bringen. Seitdem läuft es wieder gut. In den letzten Jahren hat man mehrmals eine neue Mannschaft ins Rennen geschickt, jedoch immer wieder mit spektakulären Comebacks von zum Teil waschechten Methusalems – heißt unterm Strich, dass halb Mexiko im Kader ausprobiert wurde. Von einem eingespielten Team kann also nicht die Rede sein. Was man von den Mexikanern zu sehen bekommt, weiß man allerdings: technisch feinen Fußball, gerne ein wenig verspielt, aber meist offensiv und ohne jeglichen Respekt vor großen Namen. Die größte Veränderung im Vergleich zu früheren Zeiten ist sicher, dass mittlerweile so viele Mexikaner erfolgreich im Ausland tätig sind wie noch nie. Lange Zeit gab es anscheinend die klare Regel, dass höchstens 1-2 Mexikaner gleichzeitig Erfolg in Europa haben durften. Alle anderen bekamen schon beim Besteigen des Fliegers akutes Heimweh und 50 eingebildete Allergien und spielten dann in Europa wie lahme Senioren mit häufigen Schlafkrankheitsanfällen. Das ist im letzten Jahrzehnt kontinuierlich besser geworden. Inzwischen spielen über ein Dutzend Mexikaner in Europa, davon einige richtig erfolgreich. Mexiko hat also viele gute Gründe, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken. Ob diese Generation aber schon die ganz großen Erwartungen erfüllen kann, bleibt abzuwarten.

Stars
Der letzte Komplettverrückte des hoch bezahlten Profifußballs, der mittlerweile 37-jährige Cuauhtemoc Blanco (Veracruz), bittet zum letzten Tanz. Im Sturm kann man außerdem auf den gebürtigen Argentinier Guillermo Franco (West Ham) setzen und auf einen weiteren sehr erfahrenen Mann, Miguel Sabah von den Monarcas in Morelia. Alle drei sind absolute Offensiv-Allrounder, sehr typisch für den mexikanischen Spielstil, der feste Positionen im Sturm schon lange ablehnt. Prunkstück ist das Mittelfeld, das vom umsichtigen Gerardo Torrado (Cruz Azul) geführt wird. Über die linke Seite kommt Deportivo La Corunas Flitzer Jose Guardado. Überall und nirgends (aber dabei immer offensiv) taucht Nery Castillo auf, der allerdings bei Dnipo Dnipopetrovsk gerade eine eher schlimme Bankdrückerzeit durchleiden muss. Eine weitere Legende des mexikanischen Ligafußballs hat man auch wieder reaktiviert: An Braulio Lunas verlässliches Spiel erinnern sich die Trainer immer gerne mal vor großen Turnieren. Kapitän Rafael Marquez vom FC Barcelona scheint endlich wieder ganz fit zu sein, in der Verteidigung ist er nach wie vor unverzichtbar. Links wird wohl Carlos Salcido vom PSV Eindhoven auflaufen, rechts der derzeit ja auch eher schwächelnde Ricardo Osorio (VfB Stuttgart). Der interessanteste Mann aus der heimischen Liga ist der nüchterne Jonny Magallon (CD Guadalajara), der neben Marquez in der Innenverteidigung steht. Die gute mexikanische Torwarttradition – unter dem Motto “Nicht so groß wie woanders auf der Welt, aber trotzdem ganz geil” – setzt Guillermo Ochoa von America fort.

Talente
Efrain Juarez (UNAM) ist ein kleiner, knüppelharter Beißer für die rechte Seite. Hector Moreno kann zentral defensiv alles spielen. Er ist bei der Talentschmiede AZ Alkmaar unter Vertrag. Auf den offensiven Außenpositionen ist Giovani dos Santos (zurzeit von Tottenham an Galatasaray ausgeliehen) die Hoffnung für die Zukunft. Sein jüngerer Bruder Jonathan hat gerade beim FC Barcelona seine Ligapremiere in der ersten Mannschaft gefeiert. Er spielt am liebsten im zentralen Mittelfeld. Ganz vorne kann man Carlos Vela aufbieten, der bei Arsenal allerdings bisher nicht über eine Reservistenrolle hinauskam. Die nächsten beiden Stürmer, für die europäische Mannschaften demnächst wohl Devisen auf den Tisch legen werden, heißen Pablo Barrera (UNAM) und vor allem Javier Hernandez (CD Guadalajara).

Tipp
Stark genug für die zweite Runde ist Mexiko allemal. Es wäre nicht übertrieben vermessen, den ersten Platz anzupeilen, um im Achtelfinale auf einen Gegner wie Südkorea oder Nigeria zu treffen, was dann eine lösbare Aufgabe wäre. Es könnte also mal wieder aufs Viertelfinale hinauslaufen. Für das Halbfinale dürfte dann aber wohl doch noch die letzte Schippe fehlen.

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Zu diesem Eintrag gibt es 3 Kommentare.

  1. karl
    25 Mrz 10
    18:03

    Du hältst Mexiko also für stärker als Frankreich und den Gastgeber? Mhm, irgendwie ist Mexiko für mich immer so eine Mannschaft, die zwar auftaucht, aber mehr auch nicht. Seit 94 immer weiter gekommen. Eigentlich weiß ich das, aber bewusst war mir das nie. Eine Mannschaft vollkommen am Rand meines Radars.

  2. Da Mingi
    26 Mrz 10
    11:53

    na gegen Mexiko gab’s in der Vergangenheit immer recht knappe Spiele, aber wenn ich mich Recht erinnere haben wir die am Ende dann doch immer geputzt. Nicht nur deswegen sind die mir sehr symbaddisch! Mechiko, Mechiko rarara!

  3. Ben
    27 Mrz 10
    20:54

    Ich sehe Mexiko mit Frankreich und Uruguay ungefähr gleichauf, und halte von Südafrika garnichts. Mexiko mag ich, die wollen gewinnen, sind technisch fein und haben geile Fans.

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