Niederlande, Gruppe E

von Ben Strack-Zimmermann

Im Großen und Ganzen kann man seit Anfang der 70er Jahre immer dasselbe über die Holländer schreiben: Riesiges Talent, tolles Zusammenspiel, geiler Angriffsfußball, gewinnen wird wohl ein Anderer. Dieses Mal soll es natürlich wieder anders werden, und die Chancen dafür stehen so schlecht nicht. Die Qualifikation hat man komplett überlegen ohne Punktverlust hinter sich gebracht und dabei gespielt wie aus einem Guss. In den Freundschaftsspielen danach blieb van Marwijks Truppe allerdings blass, spielte größtenteils lustlos und geistesabwesend vor sich hin – ob man tatsächlich mal bei einem Turnier die Topform abrufen will? Gespielt wird natürlich vorschriftsmäßig im holländischen 4-3-3. Wäre das mal anders, sprängen wohl auch die Meisjens gleich scharenweise vor Verzweiflung in die Gracht, und der Cruyff muss im Fernsehen ganz arg weinen. Nein, diese Generation weiß was sich gehört und spielt selbstverständlich fernsehtauglichen “Foetbal Total”, so dass selbst der bitterste Bitterballen süß schmeckt wie der schönste Vanillevla. Genau die Art von Fußball also, bei der jeder uruguayische Großvater vom Schaukelstuhl aus zunehmend wütend um sich tritt, um einen der Schöngeiste auf den Rasen zu schicken. Schönerweise hat man eine spielerisch starke Vorrundengruppe erwischt. Da tut man sich normalerweise leicht und kann sich vielleicht sogar ein wenig für die dann anstehenden größeren Aufgaben einspielen. Man muss die Holländer wohl auf der Rechnung haben. Spielerisch ist das sicher eine der besten Mannschaften des Turniers. Auf der anderen Seite genügt aber bekannterweise oft nur eine Kleinigkeit, um den niederländischen Löwen im Hemd dastehen zu sehen: Eine Spielerfrau ist schlecht frisiert, Johann Cruyff hat Blähungen und gibt deshalb extra-ätzende Interviews, Johnny Heitinga hat neben das Becken gepinkelt und Andre Ooijer sich dann reingesetzt – klar, dass man dann im nächsten Spiel untergehen muss.

Stars
Für Maarten Stekelenburg von Ajax ist es die große Bewährungsprobe zwischen den Pfosten als Nachfolger vom ewigen Edwin van der Sar, wahrscheinlich wird er seine Sache gut machen. Auf holländische Torsteher ist Verlass. Hinten bitten die Veteranen Giovanni van Bronckhorst (Feyenoord) und Andre Ooijer (Eindhoven) zum letzten Tanz, dazu kommt der aus der Bundesliga bekannte Joris Mathijsen (HSV) und John Heitinga von Everton – eine exzellente Abwehrreihe. Im Mittelfeld schwingt Mark van Bommel (Bayern) den Taktstock, neben ihm spielt meistens Nigel de Jong von Manchester City sowie entweder Rafael van der Vaart (Real Madrid) oder Wesley Snijder (Inter). Auch hier kann man schon mal “Oh, la la” ausrufen, das liest sich nicht nur fein. Und ganz vorne spielt Dirk Kuijt (Liverpool) im Zentrum, während auf den Flügeln Arjen Robben (Bayern) und Robin van Persie (Arsenal) wirbeln. Und falls die nicht treffen, hat man ja noch Klaas-Jan Huntelaar (Milan) oder Ryan Babel (Liverpool) in der Hinterhand. Prädikat: Extraklasse.

Talente
Man hat über einen längeren Zeitraum stark auf die Jugend gesetzt, jetzt will man ernten und tritt mit einem erfahrenen Kader an. Ein paar Jungs aus dem Talentschuppen hat man aber natürlich trotzdem schon wieder an die Mannschaft herangeführt. Uns gut bekannt ist Eljero Elia vom Hamburger SV, wieder einmal so ein klassischer holländischer Flügelstürmer. Unbedingt erwähnenswert ist auch der kommende Mann für die rechte Verteidigerseite, Gregory van der Wiel, aus der Ajax-Schule, der sich schon fast in die erste Mannschaft gedrängt hat. Ansonsten interessiert sich van Marwijk aber erst wieder nach der WM für junge Leute.

Tipp
Man ist in der unteren, deutlich härteren Hälfte des WM-Tableaus gelandet. Deshalb ist klar, dass wohl spätestens im Viertelfinale die ganz großen Gegner (Brasilien, Spanien) drohen. Das könnten große Spiele werden, die Holländer haben jedes Recht auch gegen solche Mannschaften sehr selbstbewusst aufzutreten. Mit so einem Team muss man Großes vorhaben, und ich trau ihnen auch immer wieder gerne vieles zu – aber bleiben wir realistisch: Am Ende werden sie halt dann doch wieder die Elfer verhauen oder an ihrer Arroganz scheitern und irgendeinen Gegner nicht ernst nehmen. Deshalb gibt es von mir ein vorsichtiges “Eher nicht”.

Zu diesem Eintrag gibt es 3 Kommentare.

  1. Da Mingi
    10 Mai 10
    21:44

    Und dann hams ja auch noch diese schrulligen Fans :-) Apropos, ist das nicht eigentlich ein Heimturnier für die Holländer?? Also wennst mich fragst: Holland ganz klar ein Favorit…

  2. Schlu
    11 Mai 10
    11:18

    Ich sehe die Oranjen auch janz vorne. Eingespielt, alle im besten Alter, in den Vereinen topp. Auf die freu ick mir.
    Machen derbe Spass Deine Kolumnen, Ben!

  3. Ben
    16 Mai 10
    09:30

    Danke dir. Holland finde ich spielerisch fast so geil wie Spanien, es würde mich wirklich freuen wenn die mal ihr volles Potential ausschöpfen könnten.

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