Schweiz, Gruppe H

von Ben Strack-Zimmermann

Die Renaissance des Eidgenossenfußballs geht in die nächste Runde. Nachdem man in Sachen Jugendarbeit mittlerweile absolute Weltklasse ist, wird sie wohl noch eine ganze Zeit lang anhalten. Auf dem Spielfeld präsentiert man sich weder als in Zeitlupe jodelnde Gemeinschaft von nasebohrenden Fonduerührern, noch als unterirdisch agierende Bande von Gold hortenden Gnom-Megalomanen, sondern als erfrischend modern aufspielende Multi-Kulti-Einheit. Ach wäre das echte Leben doch etwas mehr als der Fußball, will man da seufzen, solange man nicht zu sehr darüber nachsinniert, wie der Wurstpräse von der Säbener wohl so als deutscher Kanzler wäre. Schieben wir diese Phantasien also beiseite! Bewundern wir stattdessen Ottmar Hitzfeld dafür, das er die Schweizer Nati nach der deprimierenden Heim-EM so schnell wieder aufgerichtet hat! Dabei war der Start in die Qualifikation genauso fürchterlich, wie dann das Ende glorreich und souverän war. Die Schweizer präsentieren sich 2010 als lauffreudige, gut eingespielte Einheit, mit einigen echten Zuckerln im Team. Lediglich im Sturm gibt es gelegentlich Probleme. Vielleicht tritt man insgesamt ein wenig zu bieder auf. Eigentlich sollte man mit dem Spielermaterial noch etwas stärker aufspielen können. Ein echter Spinner könnte dem Team gut tun, aber so etwas wird anscheinend derzeit nicht produziert.

Stars
Alex Frei ist in die heimische Liga zurückgekehrt und darf jetzt beim FC Basel auf Torjagd gehen, was sich durchaus erfolgreich gestaltet. Für den Platz neben ihm zieht Hitzfeld meistens Blaise N’Kufo (Twente Enschede) dem in der Bundesliga für Leverkusen so stark durchstartenden Eren Derdiyok vor. Mal gucken, ob er das auch bei der WM so handhabt. Im Mittelfeld ist mit Tranquillo Barnetta ein weiterer Leverkusener der Chef, rechts unterstützt von Marco Padalino (Sampdoria Genua), den Hitzfeld für die Qualifikation ausgegraben hat. Generell hat man in diesem Mannschaftsteil aber sowieso ein luxuriöses Überangebot, stehen dort doch noch Gökhan Inler (Udinese), Gelson Fernandes (AS Saint-Etienne) oder Reto Ziegler (auch bei Sampdoria) zur Verfügung. Hinten hat man den starken Schlussmann Diego Benaglio von den Wolfsburgern, allerdings auch eine gelegentlich etwas wackelige Abwehr. Derzeit nicht wirklich souverän wirkt Philippe Senderos, der bei Arsenal nicht mehr glücklich war und sich an den FC Everton hat ausleihen lassen – dort aber auch noch nicht so ganz Fuß fassen konnte. Stephane Grichting ist ein absoluter Eckpfeiler der Defensive von Auxerre, Stephan Lichsteiner hingegen spielt bei Lazio eher eine mittelprächtige Saison. Da wäre ein Nachbessern angesagt, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen.

Talente
Die nächste Generation, die U17-Weltmeister aus dem vergangenen Jahr, wird uns erst nach der WM allmählich interessieren. Doch auch vorher gibt es schon einige vielversprechende Spieler zu bestaunen. Derdiyok habe ich ja bereits angesprochen. Aus dem Selbstbedienungstalenteschuppen, der da FC Zürich heißt, stammt Heinz Barmettler – der nächste interessante Schweizer Verteidiger. Pirmin Schwegler hat bei der Eintracht im Mittelfeld voll eingeschlagen und ganz sicher seinen Anteil an der Renaissance der Adler. Der international schon bekannte Innenverteidiger Johan Djourou von Arsenal ist hingegen momentan noch dauerverletzt, kann aber vielleicht noch rechtzeitig genesen.

Tipp
Die Gruppe H wurde von vielen Experten ja als eher schwach ausgemacht. Der Schreiber dieser Zeilen kann da nur die Augen verdrehen und leise Flüche über das Fußballexpertentum ablassen. Die Schweizer werden es nämlich sehr schwer haben. Spanien ist wahrscheinlich übermächtig, Chile kommt mit einer brandgefährlichen Truppe daher, und auch Honduras sollte man bitte nicht auf die leichte Schulter nehmen. Im Moment tendiere ich eher dazu, die Eidgenossen schon nach der Vorrunde ausscheiden zu sehen. Mir fehlt beim Gucken ihrer Spiele oft der letzte Wille, oder die Extraschippe Einsatz. Aber ich lasse mich gerne vom ominösen Hitzfeld-Faktor überraschen.

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