Argentinien, Gruppe B

von Ben Strack-Zimmermann

Nachdem man seit 1994 zu Turnieren als Mitfavorit anreist, um dann jedes mal (auf immerhin spielerisch hohem Niveau) zu versagen, ist diesmal alles etwas anders. Nachdem die Qualifikation unter Alfio Basile auf Messers Kippe stand und dieser entnervt zurückgetreten war, hatten die Verbandsoberen die lustige Idee Diego Maradona ans Ruder zu lassen, auf das dieser das argentinische Kreuzfahrtschiff wieder in ruhigere Gewässer manövrieren sollte. Der Auftakt war ganz nett, doch dann gingen Pleiten, Pech und Pannen erst so richtig los. Maradona reaktivierte jeden Spieler für die Nationalmannschaft der noch lauffähig war, schmiss jedes junge Talent ins Feuer, probierte jede Taktik aus, und so hat inzwischen jeder männliche Argentinier zwischen 18 und 39 ein Länderspiel auf seinem Konto, und taktisch ist man nach kompletter Verwirrung zu einem absoluten Bauern-4-4-2 zurückgekehrt. Die Qualifikation schaffte man dennoch nur um Haaresbreite, in der Nachspielzeit in Uruguay, und in der Stunde seines Triumphes zeigte uns Maradona dann noch seine Schokoladenseite, als er die versammelte Journaille dazu aufrief, ihm sein von Kokain verätztes Gemächt zu lutschen. Aber auch danach hielt Maradona sein Heimatland in Atem, probierte obskure Spieler in aussagekräftigen Begegnungen mit Costa Rica und Jamaika aus und reaktivierte die nächste Tranche Altstars beim überraschenden Sieg gegen eine ziemlich desolate deutsche Nationalmannschaft. Und irgendwie scheint man tatsächlich einigermaßen auf Kurs zu sein, mit welcher Mannschaft weiß man zwar nicht wirklich, aber dank freundlicher Auslosung kann man sich vielleicht sogar den Luxus erlauben, sich erst beim Turnier selber einzuspielen. Auf der anderen Seite sollte man aber auch die Möglichkeit eines Scheiterns in epischen Dimensionen nicht ganz außer Acht lassen, Maradonas Truppe ist ganz sicherlich die allergrößte Wundertüte im WM-Gemischtwarenladen.

Stars
Hat man wie immer reihenweise, bloß weiß keiner, ob sie im Endeffekt auch spielen werden. Verlässlichster Aktivposten war und ist dabei Lionel Messi, der kleine Zauberer vom FC Barcelona. Um die weiteren Sturmplätze kämpfen die Weltstars Carlos Tevez (Manchester City), Gonzalo Higuain (Real Madrid), Diego Milito (Inter Mailand), aber auch Veteran Martin Palermo von Boca Juniors, mit dem Maradona selbst noch zusammengespielt hat, könnte in Südafrika auflaufen. Im Mittelfeld hat sich der defensive Taktgeber Javier Mascherano (Liverpool) etabliert, Chef ist allerdings der nach der WM 2006 reaktivierte Juan Veron von Estudiantes La Plata. Für die Außenbahnen hat man Jonas Gutierrez (Newcastle) und Maxi Rodriguez (Liverpool). Hinten gehen lauter harte Kanten zu Werk, die allerdings nicht die allerschnellsten sind. Gabriel Heinze von Olympique Marseille wäre da zu nennen, Martin Demichelis von den Bayern, der gerade erst wieder aktivierte Walter Samuel von Inter Mailand oder Nicolas Burdisso vom AS Rom. Die Torwartposition war hart umkämpft, anscheinend hat sich da mit dem jungen Sergio Romero von AZ Alkmaar aber dann doch der aus meiner Sicht klar stärkste Kandidat durchgesetzt. Klingt alles ganz toll, hat aber in jüngster Zeit nur selten eine homogene Mannschaft ergeben.

Talente
Für den Sturm haben wir Higuain ja schon genannt, aber da gibt es ja auch noch die Atletico-Connection mit Sergio Agüero und dem Außenstürmertalent Eduardo Salvio, der an der WM nicht teilnehmen darf. Hoffnungsträger im Mittelfeld ist der pfeilschnelle Angel di Maria (Benfica). In der Abwehr setzt Maradona schon jetzt auf Nicolas Otamendi, einen robusten jungen Mann der bei Velez Sarsfield unter Vertrag steht. Theoretisch gäbe es für die linke Verteidigerposition dann auch noch den Liverpooler Emiliano Insua, aber bei Argentinien hat es an Talent ja wirklich noch nie gemangelt. Also bleibt Insua daheim.

Tipp
Normalerweise wird eine chaotische Phase vor einer Weltmeisterschaft immer gnadenlos bestraft, aber die Vorrundengruppe von Argentinien ist jetzt wirklich nicht so besonders schwer. Das sollte man alleine schon mit der individuellen Klasse einiger Spieler überstehen. Auch wenn die ganz großen Gegner in der nächsten Runde noch nicht warten und der Weg ins Halbfinale unter normalen Umständen machbar erscheint, bin ich doch sehr skeptisch, was diese Argentinier angeht. Wahrscheinlich läuft es unterm Strich so wie zuletzt meistens, man scheidet unter großem Getöse im Achtel- oder Viertelfinale aus.

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