Brasilien, Gruppe G

von Ben Strack-Zimmermann

Da wären wir nun also beim großen Favoriten gelandet. Es ist der langweiligste Favorit, den der internationale Fußball anzubieten hat: Brasilien. Seitdem Carlos Dunga die nach der letzten Weltmeisterschaft doch arg frustrierten Gelbhemden übernommen hat, läuft es zunehmend wie am Schnürchen. Die Copa America hat man gewonnen, den Confederationscup hat man gewonnen, und dabei hat Dunga die Mannschaft kontinuierlich verbessert. Eigentlich war alles klug, was der als Trainer ja völlig unbeleckte Ex-Stuttgarter so an Entscheidungen fällte. Er probierte deutlich mehr Spieler aus der zweiten und dritten Reihe der europäischen Clubs aus als seine Vorgänger (die das zum Teil sträflich vernachlässigten). Er hatte keine Angst davor, große Namen rauszuschmeißen, wenn sie nicht ordentlich bei der Sache waren oder nicht in Dungas taktischen Konzepten aufgingen. Vor allem aber hat er taktisch viel experimentiert, und so können diese Brasilianer mal mehr als 4-4-2 alter Schule – zur Not kann man das aber auch immer noch sehr gut spielen. War ja auch schon oft genug erfolgreich. Da die letzten Jugendjahrgänge nicht so überragend waren wie in den Jahren zuvor, sehen wir eine ziemlich erfahrene Mannschaft – ein Großteil davon im vielzitierten “besten Fußballalter” zwischen 25 und 29. Auch wichtig: Es scheint derzeit kaum Querelen im brasilianischen Lager zu geben, keine großen Egozentriker und Grüppchenbilder. Die Mannschaft spielt so umsichtig und besonnen wie ihr Trainer zu seinen Glanzzeiten. In so einer Form ist Brasilien erfahrungsgemäß kurz vor unschlagbar, wenn die Weltmeisterschaft nicht in Europa stattfindet. Dies ist ein guter Moment, um mal von Fakten und Bilanzen zu sprechen. Noch nie hat eine europäische Mannschaft außerhalb von Europa einen WM-Titel holen können. Von den vier Weltmeisterschaften auf “neutralem Terrain” (zweimal in Mexiko, einmal in den USA und einmal in Japan/Südkorea) holte Brasilien drei Titel, Argentinien einen. Mit Blick auf diese Fakten gucken wir uns den derzeitigen Kader der Brasilianer an und sagen demütig: “Kommt herunter auf die Erde, ihr Götter in gelb und blau, und gewinnt gegen uns im Fußballspiel! Danke, es war uns eine Ehre!” Und alle blöden Leute ohne Ahnung von Fußball dürfen sich beim solidarischen Sambatanz mit den Horden in Gelb wieder zu den Deppen der Public Viewing-Feierlichkeiten machen, was ja auch irgendwo ein liebgewordenes Bild geworden ist.

Stars
Brasilien wäre nicht Brasilien, wenn nicht mehr oder weniger alle Spieler im Kader Fußballstars der höheren bis höchsten Kategorie wären. Im Sturm hat Dunga die Qual der Wahl zwischen Luis Fabiano (Sevilla CF), dem derzeit in Brasilien bei Santos seine Form suchenden Robinho (ausgeliehen von Manchester City), dem über die Flügel brandgefährlichen Nilmar (Villareal), sowie Adriano, der bei Flamengo seine Form wieder eindrucksvoll gefunden hat. Schmankerlzeit ist im Mittelfeld angesagt: Gilberto Silva (Panathinaikos) und Felipe Melo (Juventus) sichern hier solche Herren wie Kaka (Real Madrid), Elano (Galatasaray), Daniel Alves (Barcelona), Ramires (Benfica) oder Julio Baptista (AS Rom) ab. Da mischt der Trainer je nach Taktik und Gegner gerne lustig durch. Hinten dreht sich alles um Lucio (Inter), der auf rechts meist von seinem Mannschaftskollegen Maicon unterstützt wird. Spielt man mit zwei Innenverteidigern, schlägt die Stunde von Luisao (Benfica) oder Juan (AS Rom). Auf links spielte zuletzt meistens Andre Santos von Fenerbahce. Im Tor hat man mit Julio Cesar von Inter auch eine richtige Hausnummer stehen. Es setzt sich also leider auch die noch junge Tradition von fähigen Torstehern im brasilianischen Kasten fort.

Talente
Marcelo von Real Madrid ist natürlich der kommende Mann für die linke Abwehrseite. Im zentralen Mittelfeld hat sich der junge Liverpooler Lucas aufgedrängt. Auch der Hoffenheimer Carlos Eduardo ist im Blickfeld von Dunga. Daneben gibt es ja noch Sandro, den Durchstarter der brasilianischen Liga, dessen Dienste sich für die kommende Saison gerade die Tottenham Hotspurs gesichert haben, und das derzeit vielleicht größte Juwel: Alexandre Pato, bekannt als Außenstürmer vom AC Mailand.

Tipp
Der Extremdominanz des brasilianischen Fußballs können bei dieser WM normalerweise nur wenige Mannschaften Paroli bieten. Klar, man hat mit der Elfenbeinküste, Portugal und, nunja, Nordkorea eine schwere Vorrundengruppe erwischt, aber so etwas juckte ja schon schwächere brasilianische Teams nicht die Bohne. Wenn die Spanier nicht Fußballgeschichte schreiben, wird dieses Team Weltmeister.

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Zu diesem Eintrag gibt es 2 Kommentare.

  1. Kathi
    01 Jun 10
    20:32

    Hallo Ben, genieße jeden deiner Artikel, so oft ich zum Lesen komm. Schön, dass jemand einem Fußball so sympathisch näher bringen kann. Phipsee und ich haben uns sogar letztens über Spiesysteme unterhalten. Hätte nie gedacht, dass es bei mir soweit kommt. Lieben Gruß, Kathi

  2. Ben
    02 Jun 10
    21:22

    Na das freut mich aber doch sehr. Willkommen im Reich der hängenden Spitzen, schweizer Riegel, 4er Abwehrketten Ajaxscher Prägung und Cattenaccio.

    Liebe Grüße, Ben

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