Kamerun, Gruppe E

von Ben Strack-Zimmermann

Die Sphinx des afrikanischen Fußballs steht nicht, wie man meinen könnte, in Ägypten, sondern in Kamerun. Einst war man der stolze Vorreiter, der bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1990 der Konkurrenz das Fürchten lehrte und die Hoffnungen der Afrikaner auf Erfolg wenigstens in der Welt des Fußballs nährte. Jahrgang um Jahrgang war seitdem mit Talenten besonderer Art gesegnet, die allerdings ein ums andere Mal mehr oder weniger schlimm enttäuschten. 2006 überstand Kamerun nicht einmal mehr die Qualifikation. Den Grund weiß ganz allein der Wind – Kamerun hat eine vor großen Namen nur so strotzende Mannschaft. Im Gegensatz zu anderen afrikanischen Teams ist man auch auf den Problempositionen Afrikas (Torhüter, Mittelstürmer, defensive Mittelfeldspieler) gut bis überragend besetzt. Trotzdem spielt das Team oft öden Durchschnittsfußball, ungefähr jedes vierte, fünfte Spiel vergeigt man sogar völlig. Amateurhaft ist das Umfeld. Die sich ständig einmischende Politik und einer der unfähigsten und korruptesten Verbände weltweit tun immer alles, um es Trainer und Team möglichst schwer zu machen. Doch auch mit dem Teamgeist scheint es nicht allzu weit her zu sein. In kaum einer anderen Mannschaft wird soviel gemotzt, gemobbt und diskutiert. Nichts gebracht hat da auch ein Wechsel der Kapitänsbinde von Song auf Eto’o. Die Probleme scheinen tiefer zu sitzen. Kamerun ist ein Team, das eigentlich alles könnte, aber in den letzten Jahren kaum etwas davon zeigt.



Stars
Tragen wir erstmal einen Lastwagen Eulen nach Athen und ergötzen uns an Namen. Sammy Eto’o von Inter rockt im Sturm, Jean Makoun von Lyon tut das im zentral-defensiven Mittelfeld. Neben ihm glänzt Stephane M’bia von Marseille. Achille Emana von Betis Sevilla flitzt auf dem rechten Flügel herum, Geremi von Ankaragücü sichert ihn hinten ab. Rigobert Song von Trabzonspor ist seit gefühlten 70 Jahren Kopf der Abwehr. Mit Idriss Kameni von Espanyol hat man sogar einen richtig guten Torhüter. Und so könnte man weitermachen: mit Tottenhams Abwehrduo Benoit Assou-Ekotto und Sebastien Bassong oder mit Celtics Superausleihe aus Nancy, dem immens starken Landry N’Guemo. Auch im Sturm hat man tolle Alternativen, da gibt es ja neben Eto’o noch Achille Webo von Mallorca. Theoretisch ein Weltklasse-Team, kann man gar nicht anders sagen.



Talente
Aber ja doch, viele Talente, auch wenn man derzeit schon auf eine Mannschaft in den besten Jahren setzt, was ungewöhnlich für ein afrikanisches Team ist. Herausragend ist sicherlich der defensive Mittelfeldmotor von Arsenal London, Alexandre Song Billong. Eines der größten Abwehrtalente der Welt ist mit Nicholas N’Koulou vom AS Monaco auch mit an Bord. Und dann sind da noch drei in Deutschland aktive Spieler zu nennen: Georges Mandjeck von den Lauterern, Joel Matip von Schalke 04 und der zuletzt stark aufspielende Clubberer Eric Choupo-Moting.



Tipp
Mit so einer Truppe müsste man normalerweise mindestens das Viertelfinale anvisieren. Bei Kamerun ist es jedoch höchst fraglich, ob es überhaupt zum Überstehen der Vorrunde reicht. Kamerun hat mit Japan, Dänemark und Holland eine starke Vorrundengruppe erwischt, alle drei Gegner spielen sehr diszipliniert und treten durchaus als verschworene Einheiten auf (Kleine Abstriche in dem Punkt muss man bei den Niederländern natürlich immer machen). Kamerun muss sich enorm steigern und irgendwie darüber hinwegkommen, dass man derzeit keinen klassischen Spielgestalter hat. Sollte an sich kein Problem sein, spielerische Potenz wäre ja im Übermaß vorhanden. Kamerun macht daraus trotzdem ein Problem. Mal gucken, ob Trainer Paul Le Guen aus den Einzelspielern noch eine funktionierende Mannschaft machen kann. Wenn nicht, ist früh Schluss mit den doch ziemlich zähmbaren Löwen – wie zuletzt immer.

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Zu diesem Eintrag gibt es 2 Kommentare.

  1. Der Hellseher: Weltmeisterschaft 2010 – Gruppe E…

    Die Gruppe E verspricht durchaus spannend zu werden. Auch wenn unsere Freunde aus den Niederlanden sich zuletzt recht souverän zeigten, glaube ich nicht daran, dass die Gruppe E ein Selbstgänger für die Mannschaft des ehemaligen Trainers von Borussia D…

  2. Ben
    09 Jun 10
    16:59

    Wenn man die Vorbereitung als Maßstab nimmt, dann wird Holland in der Gruppe mal wieder locker Vorrundenweltmeister, so grandios hat man in den letzten Wochen aufgespielt – und so desolat agierten alle drei Vorrundengegner. Ich wär überrascht wenn die Oranjes aus der Gruppe nicht mit 9 Punkten und mindestens +6 Toren rausgehen würden.

  • Musste auch gesagt werden

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