Serbien, Gruppe D

von Ben Strack-Zimmermann

Pleiten, Pech und Pannen begleiteten Restjugoslawien im letzten Jahrzehnt. Erst mit dem Zurückschmelzen auf ein Restserbien scheint man mal wieder eine Mannschaft beisammen zu haben, die etwas taugt. So hat man eine beachtlich starke Qualifikation gespielt, aufbauend auf einer sicheren Defensive und angereichert mit den für die Region typischen technischen Fertigkeiten. Der böse Bube Europas, das Land, in dem zwielichtige Staatsmänner auf wunderbare Weise zu bärtigen Heilern mutieren, guckt also mal wieder bei einer Weltmeisterschaft vorbei. Zumindest zu Hause ist man sich sicher, dass man die zweite Runde problemlos erreichen wird. Eine Meinung, mit der sie weltweit durchaus alleine dastehen dürften, aber man will ja nicht so sein: Grenzenlose Selbstüberschätzung kann ja auch für den neutralen Beobachter spannend – oder zumindest komisch sein. Fußballerisch bewegt man sich zwischen den altbekannten Balkanpolen, soll heißen: Technische Brillanz und überragender Spielwitz gehen gerne Hand in Hand mit überhartem Spiel und einem seltsamen Phlegma. Das Geheimrezept für den neuerlichen Aufschwung ist wohl der neue Coach Radomir Antic, womit Serbien hier ganz im Trend liegt, wechseln doch die meistbegehrten Trainer seit ein paar Jahren immer mehr vom Clubfußball zu den Nationalmannschaften. Antic war seit langem der Lieblingskandidat des serbischen Fußballverbands (ein sogar für Fußballverbände äußerst zwielichtiger Haufen). Er hat sofort voll eingeschlagen. Serbien spielt zum ersten Mal seit Jahren disziplinierten Fußball, hat taktisch einen Riesensprung gemacht. Einen ganzen Schwung an neuen Namen wurde nach oben gespült. Bleibt abzuwarten, ob sich das alles auch auszahlt oder ob man bei dieser WM ähnlich konfus auftritt wie vor vier Jahren.

Stars
In der Abwehr hat Antic wirklich die Qual der Wahl, mit Branislav Ivanovic (Chelsea), Nemanja Vidic (Man United), Aleksandar Lukovic (Udinese) oder Veteran Ivica Dragutinovic (Sevilla CF), der nicht im Kader gelandet ist, hat Serbien wirklich große Namen des internationalen Fußballs zur Verfügung, um ein schönes Bollwerk zu bilden. Davor tummeln sich traditionell spielstarke Mittelfeldspieler, wie zum Beispiel Milos Krasic (ZSKA Moskau) und Nenad Milijas (Wolverhampton). Kapitän und seit Jahren Kopf der Mannschaft ist Dejan Stankovic von Inter Mailand, der schon 1998 als Jungspund bei der WM in Frankreich begeistern konnte. Und fürs Tore schießen hat man den in Belgien für Standard Lüttich netzenden Milan Jovanovic, Valencias Sturmbrecher Nikola Zigic (dort aber nur noch von der Bank kommend), sowie zwei in Holland stationierte Spieler, der Eindhovener Danko Lazovic und Bruder Leichtfuß Marko Pantelic von Ajax. Schon feines Material. Im Sturm vielleicht nicht ganz so stark wie in den anderen Mannschaftsteilen. Und man hat halt keinen wirklich guten Torwart, die etatmäßige Nummer 1, Vladimir Stojkovic, versucht es gerade mit einer Ausleihe bei Wigan Athletic. Auch das scheint nicht so wirklich zu klappen.

Talente
Antic hat von Anfang an viele hoffnungsvolle Spieler ins kalte Wasser geworfen. Klar, so was macht man, wenn man am Boden liegt. Das hat sich ausgezahlt, die Mannschaft zeigt sich deutlich verjüngt, und hat einige vielversprechende Namen für die Zukunft in den eigenen Reihen. Neven Subotic von Borussia Dortmund dürfte bekannt sein, für die linke Seite kommt der gerade nach Saragossa gewechselte Ivan Obradovic in Frage. Auch im Mittelfeld hat man in der Bundesliga tätige Talente anzubieten, und zwar Zdravko Kuzmanovic vom VfB Stuttgart und Gojko Kacar von der Berliner Hertha.

Tipp:
Serbien hat zwar durchaus eine starke Mannschaft, aber halt auch eine Gruppe erwischt, die sich gewaschen hat. Man müsste schon extrem konzentriert und diszipliniert aufspielen, um überhaupt eine Chance zu haben. Die fast schon üblichen Disziplinlosigkeiten und Eitelkeiten kann man sich jedenfalls genau gar nicht erlauben. Es wird spannend zu sehen sein, wie die traditionellen europäischen Fußballmächte Deutschland und Serbien mit zwei der größten Aufsteiger der letzten Jahre zu Rande kommen. Unterm Strich vermute ich mal, dass die Serben dabei auf der Strecke bleiben, wenn auch nicht so blamabel wie in Deutschland. Aber das ist ja nun auch kein Kunststück.

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