Paraguay, Gruppe F

von Ben Strack-Zimmermann

Eingezwängt zwischen den Fußballgiganten Brasilien und Argentinien hatte der immer etwas rückständige Agrarstaat Paraguay eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder unfair spielen oder ein Spiel weitestgehend verhindern. Da die verhassten Uruguayer die Nische der Unfairness nach dem Krieg immer besser bedienten, hat man sich irgendwann in den 50ern für Option B entschieden. Man spielte ehrlichen Fußball der Marke VfL Bochum ohne Sturmambitionen, erfand den dritten Ausputzer sowie die 5-er Reihe im defensiven Mittelfeld und verlegte den Nationalfeiertag auf das jeweils letzte Datum, an dem ein 0:0 gegen Brasilianer oder Argentinier gelungen war. Dann aber, in der Fußballneuzeit, geschah etwas Schreckliches: Man begann unabsichtlich fähige Spielaufbauer, dribbelstarke Stürmer und letztendlich sogar Kandidaten für die lange Zeit in Paraguay verbotene Zone, die Außenbahnen, zu produzieren. Dies hatte zutiefst traumatische Konsequenzen für die Fans aus dem Binnenstaat, der ansonsten so öde ist, dass sich nicht einmal der Weltspiegel dorthin verirrt, um einen nasebohrenden Viehzüchter mit ausladendem Schnurrbart ein Mikrofon unter die Nase zu halten – man muss sich seitdem Gedanken über Taktik machen. Bisher ist das Ergebnis eher enttäuschend. Bei der letzten WM trat man mit einer eigentlich interessanten Mannschaft an, die aber soviel Angst vor den eigenen Fähigkeiten hatte, dass sie letztendlich in einer Art Totenstarre auf dem Rasen agierte. Die Qualifikation war danach zunächst sehr souverän, man marschierte selbstbewusst vorneweg, um dann wiederum zu erschrecken und über die Ziellinie zur Qualifikation eher unbeholfen zu taumeln. Die letzten Auftritte haben eigentlich nur klargemacht, dass man immer noch keinen blassen Schimmer hat, wie man in dieser seltsamen Fußballneuzeit so agieren soll.



Stars
Traditionell hat man immer ein paar der besten Defensivspieler der Welt in den eigenen Reihen – ganz so beeindruckend liest sich das derzeit aber nicht. Erfahren sind sie fast alle. Mit Paulo da Silva aus Sunderland und Dario Veron von den UNAM Pumas aus Mexiko hat man schon zwei richtige Kanten hinten stehen, aber bei schnellen Gegnern bekommt man gerne auch mal Probleme. Der meistens schön wütende Cristian Riveros von Cruz Azul (auch Mexiko, da spielen inzwischen unglaublich viele Stars aus Südamerika) ist da schon ein anderes Kaliber, der kann fast alleine eigentlich schöne Spiele zugrunde richten. Auch noch zu erwähnen ist Edgar Barreto von Atalanta Bergamo, der auf der rechten Seite seinen Dienst ordentlich erfüllt. Die wahren Stärken der Paraguayer liegen aber ärgerlicherweise im Sturm. Roque Santa Cruz dürfte ja bekannt sein. Salvador Cabanas, einer der größten Stars von Cruz Azul in Mexiko kann bei der WM nicht teilnehmen. Schwer verletzt überlebte er einen Kopfschuss. Dann gibt es ja noch Nelson Valdez und den eingebürgerten Argentinier Lucas Barrios von Borussia Dortmund. Oscar Cardozo trifft für Benfica Lissabon immer mehr nach Belieben.



Talente
Hier sieht es zur Zeit nicht so arg vielversprechend aus. Offensivallrounder Rodrigo Rojas von River Plate könnte einer werden, Marcos Melgarejo von Nacional Asuncion weckt im Mittelfeld Hoffnung. Beide Spieler haben es jedoch nicht in den WM-Kader geschafft. Auch nicht dabei ist das Abwehrtalent Gustavo Mencia, der den Traditionalisten in Paraguay die Freudentränen in die Augen treibt, da er jetzt schon ein sensationell harter Spieler ist. 13 gelbe Karten schon mit 19 Jahren in einer Saison. Das Niveau hat er im Jahr darauf gehalten. “Respekt!” will man da rufen, und ahnt Schönes für die Zukunft.

 Tatsächlich im WM-Kader ist Edgar Benitez von Pachuca – ein interessanter Stürmer.

Tipp
Paraguay hat zum Glück eine rechte Pfeifengruppe erwischt, wird es aber wohl dennoch schwer haben. Das entscheidende Duell sollte wohl das mit der Slowakei sein – und da dürfte es eng werden. Obwohl die Mannschaft von Paraguay enorm erfahren ist und theoretisch sehr gut eingespielt sein sollte, wirkte sie zuletzt kaum in der Lage, in irgendeiner Form ein Spiel zu gestalten. Es muss also wieder über den Kampfgeist gehen. Dazu müssen die Stürmer wohl aus wenig Chancen viel machen. Das Achtelfinale ist durchaus im Bereich des Möglichen, für alles weitere fehlt aber die Qualität.

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