Die Berlinale war dieses Jahr für mich geprägt von Extremen. Auf der einen Seite die beeindruckende 70mm-Retrospektive: neben dem DDR-Kostüm-Opus „Goya“ und dem Marlon-Brando-Spaß „Die Meuterei auf der Bounty“ hab‘ ich noch „Lawrence von Arabien“ gesehen. Fast eine Reihe nach hinten gedrückt hat mich im International aber John Fords letzter Western „Cheyenne Autumn“. Es war zwar keine restaurierte Kopie und sie hatte schwedischen Untertiteln, oder waren es norwegische? Aber die Farben und die Schärfe des Monument Valley waren als echte 70mm-Projektion wirklich unglaublich. Und selbstredend ist auch ein mittelmäßiger Western von John Ford besser als fast alle neuen Filme.

Auf der anderen Seite gab es diese vielen ganz kleinen Momente. Natürlich Andre Bujalskis feiner „Beeswax“, wo Bujalski wie schon bei „Mutual Appreciation“ Freunde von ihm beim alltäglichen Konversationswahnsinn auf 16mm filmt. Diesmal als Gerichtsthriller ohne Thrill, wie er beim Q&A danach zugab. Wieder geht es um Beziehungen und Unbeziehungen und all die sprachlichen Vermittlungsversuche, mit viel Witz und Fingerspitzengefühl. Auch die Asiaten haben mich wieder schwer beeindruckt. Etwa das stimmungsvolle koreanischen Road-Movie “My dearest Enemy” von Lee Yoon-Ki, bei dem ein Ex-Pärchen durch Seoul kurvt, damit der Mann Geld für seine Ex-Freundin auftreiben kann. Den stärksten Film fand ich „Claustrophobia“ von Ivy Ho.

claustrophobia

Eine Geschichte von einer Handvoll Menschen, die zusammen in einem engen Büro in Hongkong eingepfercht arbeiten, in einem engen Aufzug und einem engen Auto nach Hause fahren. Es geht um das alltägliche Leben in Hongkong also, erklärte die Regisseurin und nennt es auch ein Road-Movie. Wie beim koreanischen Film am Tag zuvor aber nur in einer Stadt. Der Film beginnt mit einer Autofahrt der Gruppe bei der sich zwei Personen anfangen zu streiten. Dann gibt’s einen plötzlichen Sprung in die Vergangenheit und wenig später weiter in die Vergangenheit… Der Film ist rückwärts erzählt, schafft aber das Außergewöhnliche, dass es einem wie eine normale Filmstruktur vorkommt. Langsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die mit dem Anfang ihren Höhepunkt findet. Sehr stark. Das Drehbuch hat Frau Ho übrigens für Herrn To, genau: Johnny To, geschrieben. Nachdem er ein Jahr nix daraus gemacht hat, hat sie’s zurückgekauft und selbst verfilmt.

Diesmal hab’ ich nicht wie letztes Jahr mit “Tropa De Elite” den Gewinnerfilm (“La Teta Asustada”) gesehen. Obwohl ich es mit dem etwas zu naiven “Mammoth” von Lukas Moodysson und dem gradlinig berührenden “London River” von Rachid Bouchareb durchaus versucht habe. Bei letzterem hat immerhin Sotigui Kouyaté den Preis als bester Schauspieler gewonnen. Aber irgendwie gewinnen bei der Berlinale ja immer fast alle Filme irgendwas.

Finde ich sehr mutig und extrem überraschend, dass die Berlinale-Jury „Tropa De Elite“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet hat. Eigentlich waren sich ja die Kritiker der Punkte-vergebenden Berliner Tageszeitungen einig, dass es sich bei dem brasilianischen Polizeifilm von José Padilha um einen lauten aber leeren Kracher handelt, der keine Stellung bezieht. Hab ihn aber auch gesehen und war richtig beeindruckt. Ein wirklich harter Brocken über den Einsatz der Spezialeinheit BOPE, die vor dem Papstbesuch 1997 in Rio noch einmal die Favelas säubert. Vor allem werden die Methoden der kleinen, aber schwerst ausgerüsteten und zu jeder Folter bereiten BOPE-Truppe vorgeführt. Dabei kriegen auch die reichen, weißen Jugendlichen ihr Fett weg, die mit ihrem Hobby Drogen die Kids der Favelas erst zum Dealen zwingen. Deshalb war der Film in Brasilien selbst auch so umstritten. Die Szenen im Ausbildungscamp von BOPE erinnern schwer an „Full Metal Jacket“ oder ähnliches. Und dass der Film aus der Sicht eines BOPE-Offiziers gezeigt ist, der mal ganz sympathisch die Nerven verliert und alles hinschmeißt, dann aber wieder zum mörderischen Schwein mutiert, dass also „Tropa de Elite“ zu keinem Zeitpunkt eine klare Stellung zu einem seiner Hauptfiguren bezieht, finde ich richtig gelungen. Auch der teilweise coole Sound und die bebende Handkamera sind niemals Selbstzweck, wie etwa bei den Kunstfilmen „Amores Perros“ oder „City of God“, sondern vom explosiven Anfang bis zum bitteren und folgerichtigen Ende ungewöhnlich souveräne Stilmittel. Dass es ein dermaßen harter Krieg ist, der in Rio zwischen den Drogenbanden und der Polizei tobt, war mir in diesem Ausmaß wirklich nicht klar. Und auf welcher Seite ich zu stehen habe, weiß ich auch nach dem Film nicht. Aber das ist wohl gut so.

Eine sehr schöne zehn Minuten Preview mit dem Filmbeginn und ein paar bösen Eindrücken aus dem BOPE-Camp gibt es hier. Natürlich findet man den kompletten Film im Original auch schon auf youtube. Wenn auch sehr kleinteilig. Denn obwohl 2,5 Millionen Brasilianer den Film im Kino zu einem riesigen Erfolg gemacht haben, sollen dazu noch sagenhafte 11,5 Millionen Raubkopien im Umlauf sein.

Manches war einem schon vorher klar – sobald man erst einmal davon gehört hat. Man hat vorher halt nie daran gedacht. So ging es mir mit der Tatsache, dass die Amerikaner irgendwo in ihrem großen Land ein Klein-Irak nachgebaut haben, um dort ihre Truppen zu schulen für den Kriegseinsatz. Eigentlich logisch.
Der Dokumentarfilm Full Battle Rattle von Tony Gerber und Jesse Moss, der in der Panorama-Sektion der Berlinale läuft, zeigt Leben und Arbeit in besagtem Pseudo-Irak mitten in der kalifornischen Mojave-Wüste. Hunderte Menschen leben dort in einem bombastischen, nicht endenen Live-Rollenspiel, das selbstverständlich nicht so, sondern Simulation genannt wird. Jede Armee-Einheit, die in den Irak verlegt werden soll, erhält dort erst einmal eine dreiwöchige Schulung. Von außen betrachtet wirkt das Ganze reichlich bizarr: Mit heiligem Ernst wird da zum Beispiel so getan, als ob der Sohn des Bürgermeisters von Terroristen hingerichtet worden wäre und die Amis jetzt helfen müssten. Also hinein ins Dorf, Verhöre, Kontrollen, Gespräche. Reporter laufen herum und produzieren eigene Zeitungen und Fernsehsendungen und kommentieren die Lage und das Vorgehen der Militärs. Für die Soldaten ist diese Simulation und nach wenigen Tagen auch die Identifikation damit total. Vor Gefechtsbeginn (man arbeitet mit Laser-Pointern) herrscht eine triste, angespannte Atmosphäre. Um gefallene Kameraden wird dann auch tatsächlich geweint, wohl mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es das gewesen wäre, hätte der gleiche Vorfall vier Wochen später stattgefunden.
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    • karl: Herrlich. Weiß ich gar nicht, was mich am meisten freut. Die Generäle...
    • Michael Petrikowski: Jung, frech und unkonventionell – Willibald Spatz...
    • karl: Volle Pulle ins Kreuzeck! Sehr witzig!
    • pinkinside: Haha, wollt dir gerade den link schicken und fragen, ob du den...
    • max: Ja, dann muss ich Dir das mal geben. Eine Freude für Münchner und...
    • karl: Wenn das mal nicht die legendäre Schlusseinstellung von John Fords...
    • Max: oh…
    • karl: Und so bebildert man das Thema in der FAZ, hoffentlich ohne zu merken,...