Welche sprachlichen Versatzstücke braucht man, um einen EM-Song zu fabrizieren, der so voller Klischees steckt, dass man kaum noch glauben mag, dass das ernst gemeint sein kann?

Ich fange mal an: Europameister, Fußballwunder geht weiter, Trikot an, 12. Mann, wollen euch kämpfen sehen, können alles drehen, gehen in die Geschichte ein, Helden sein, Stadion kocht, Fußballgott, Ziel nicht fern, Wunder von Bern undsoweiterundsofort ….

All das kommt im Song “Helden 2008″ von der Gruppe revolverheld vor. Deren Sänger gibt in jedem Refrain ein AHHH-AAAAHH-AAAAH von sich, das an Zahnschmerzen erinnert oder an einen saftigen Tritt in die Klöten. Bei aller Liebe – aber daran musste ich sofort denken. Später gibt’s dann noch das Sample einer Live-Reportage vom EM-Finale 1996: Bierhoff trifft und so weiter. Aber irgendwie finde ich gleich den ersten Strophensatz besonders bezeichnend: “Es geht wieder los”. Als ob es zwei Jahre lang keinen Fußball gegeben hätte. Also alle wieder los! Public Viewing! Ein bisschen Fahne schwenken, “positiver Patriotismus” und so und alle zusammen: AHHH-AAAAHH-AAAAH auf der “Fan”-Meile. AHHH-AAAAHH-AAAAUUAH!!!! AHHH-AAAAHH-AAAAH! AUAAUAAUA! Wer war denn eigentlich dieser Bierhoff? Gibt’s noch Golden Goal? Das Zielpublikum ist klar, doch selbst diesem hätte man gewünscht, dass es nicht als gar so hohl eingeschätzt würde von den Machern dieses Lieds.

Eigentlich kaum erwähnenswert ist dann die Tatsache, dass der DFB so etwas gleich zu seinem offiziellen EM-Song 2008 kürt. Hier kann man das Lied anhören. Zum besten EM-Song 2008 wurde das Lied auf bild.de gewählt. Na dann, Prost!

Was Frau Stürmer zur EM gesanglich beitragen wird, ist immer noch nicht bekannt. Wir sind weiterhin gespannt, das hat sich nicht geändert seit dem Beitrag EM-Hymnen (Teil 1). Echt jetzt! Bekannt ist mittlerweile, dass Shaggy mit offiziellem UEFA-Siegel den EM-Song “Like A Superstar” verbrechen durfte. Der Song, ja mei, geht schon so einigermaßen. Ein paar Beats, Sprechgesang, nix zum Mitsingen, vielleicht ein wenig Hüftwackeln, als ob durch ein durchschnittliches Lied eines Karibik-Stars so etwas wie jamaikanisches Flair aufkommen könnte auf den nicht gerade für ihre Bombenstimmung bekannten Tribünen der Schweiz und Österreich. Das Video zum Song vernichtet diese kleine Hoffnung jedoch vollständig.

Die beiden EM-Maskottchen Karius und Baktus aka Trix und Flix schießen sich den offiziellen EM-Ball zu auf akurat gekämmten Bergwiesen, machen ein paar Hampelmann-Tricks, die mit Fußball gar nichts zu tun haben, bevor sie, getrieben von den Beats, zum Breakdancen anfangen. Im Hintergrund gibt es schneebedeckte Berggipfel zu bestaunen, alles in einer dermaßen flächigen, klinisch-reinen Computer-Animation präsentiert, die jegliche Hoffnung zunichte macht, dass diese Bergluft tatsächlich Sauerstoff zum Atmen enthalten könnte. Wie zum Beweis dribbeln sich die Maskottchen bald durch ein zwar brav um den zentralen Brunnen gebautes, jedoch völlig entvölkertes Bergdorf, das nur die Vermutung zulässt, man habe extra für die EM sämtliche Spuren menschlichen Lebens mit dem Kärcher entfernt. Was mit den Menschen selbst passiert ist, möchte man sich gar nicht mehr vorstellen. Schließlich finden Trix und Flix doch noch ihren Weg in ein scheinbar vollbesetztes Stadion: Zumindest das Blitzlichtgewitter auf den Rängen während des lächerlichen Maskottchen-Tanzes im Mittelkreis könnte darauf hindeuten, dass dort Menschen sitzen, und doch zeigt es erschreckend deutlich, wie man sich das ideale Fußball-Publikum vorstellt: als gesichtslose Masse von Jubelpersern, die ein wenig Hintergrundstimmung für das Fernsehen produziert, und wer “Arschloch” schreit, fliegt raus!

Es ist immer wieder erschreckend, dass Menschen, die sich doch eigentlich professionell mit der Produktion von Bildern beschäftigen, offensichtlich keine Idee davon haben, was sie da tun. Nicht den Hauch einer Ahnung von der Semiotik der Zeichen, aber Geld dafür bekommen! Und falls diese Menschen doch Bescheid wissen sollten, was ich in meinem unerschütterlichen Glauben an das Gute eigentlich ausschließe, dann ist so ein Video entweder zynisch oder wirklich gewollt bösartig. Das Video kann und sollte man sich hier auf youTube anschauen.

Die Reihe “EM-Hymnen” wird selbstverständlich fortgesetzt. Es gibt auch Gutes, ich bin mir sicher!

Die EM kommt allmählich näher, aber in Sachen EM-Song herrscht totale Konfusion. Eigentlich – so möchte man doch meinen – sollte es ein offizielles Lied für Schweiz und Österreich gemeinsam geben. Aber nichts da!

Klar ist: Österreich wird einen eigenen offiziellen EM-Song bekommen von Christina Stürmer. Irgendwann im März wird dieser Song vorgestellt. Ich kann’s kaum erwarten. Echt nicht.

Auch klar ist: Rainhard Fendrich hat einen inoffiziellen EM-Song aufgenommen – mit den drei Nationalspielern Ivanschitz, Payer und Janko und den Wiener Sängerknaben. Der Song heißt Wir sind Europa und ist – sagen wir es ruhig einmal frei heraus – an Scheußlichkeit kaum zu überbieten. Fendrich habe die Melodie erträumt, kann man hier auf der Seite von Radio Burgenland lesen. Ein YouTube-Video dieses Liedes mit “Top-Ten-Potenzial” (stern.de) kann jeder, der es ertragen kann, hier sehen. “Wir sind Europa, das Herz der Welt, stehen zusammen wie Blumen im Feld.” Und Schwamm drüber! Wahnsinn!

Ein wenig rockiger, aber ebenso inoffiziell, versucht es die Band Freilaut mit einem Song namens – dreimal raten! – Cordoba. “Im Strafraum ein Haken, ein Schuss – wie wir’s machen ist doch klar – so wie in Cordoba”, heißt es da und schon tut’s einem leid, dass dieses Cordoba immer noch der Weisheit letzter Schluss in Sachen Fußballyrik bei unseren Nachbarn zu sein scheint. Armes Österreich. Ist ja erst 30 Jahre her. Ansonsten ist das halt ein stinknormales Stadion-Rocklied, einfallslos, mit viel Schalala zum Mitgrölen. Und jetzt alle … Wahrscheinlich stellt sich Uli Hoeneß so Stimmung vor. Hier kann man es anhören und dann vergessen.

In der Schweiz machte sich DJ BoBo die (überflüssige) Arbeit, eine offizielle EM-Hymne zu schreiben. Seinem eigenen Geschmack traut er dabei anscheinend nur wenig über den Weg. In einer Internetabstimmung wollte er von seinen Fans wissen, ob jetzt Let The Games Begin oder Ole, ole besser sei. Wie man sich in der Schweiz entschieden hat? Keine Ahnung. Egal. Unterirdisch. (Ole, ole hat gewonnen.) Achja, wer unbedingt will: Hörproben gibt es hier auf 20min.ch.

“So gut klingt die EURO 2008 in Bern” heißt es auf der offiziellen Euroseite Berns und – surprise, surprise! – so schlecht klingt die Euro in Bern tatsächlich nicht! Immerhin war man dort so mutig, einen Song der Hip-Hopper Wurzel 5 zur offiziellen Euro-Stadt-Hymne zu erklären. Lueg Zu Dim Bitz versteht zwar kein Mensch, weil es berndeutsch ist, aber dafür hat das Ganze mit diesem anbiedernden, achso völkerverständigendem Geheule eines Fendrich wirklich nichts zu tun. Immerhin etwas!

Wurzel 5: Lueg Zu Dim Bitz


Quelle: Euro08-bern.ch

Soweit erstmal! Bewusst unerwähnt – kleiner Rethorik-Gag – lassen wir die Schweizer booze mit ihrem Song Fahnenmeer und die Österreicher Alone mit ihrem Anti-EM-Song Wir geben uns die Kugel. Alles muss man sich dann auch nicht anhören!

Wir bleiben dran an diesem Thema, sozusagen am Ball.

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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