Vor einiger Zeit habe ich die Guardian-Homepage als Startseite in meinem Browser eingestellt, die ja als besonders tolles News-Angebot im Internet gilt. Viel gelesen habe ich dort dann trotz allem Tollseins und den freundlichen Farben trotzdem nicht. Faulheit, weil Englisch, befürchte ich fast. Seit Beginn der EM hat sich das geändert. Der Guardian hat eine fantastische Fußball-Berichterstattung, stelle ich fest, und das, obwohl die Engländer gar nicht mitspielen dürfen. Vielleicht macht es mir genau deshalb so viel Spaß, dort zu lesen. Weil es einfach keine Hofberichterstattung von der eigenen Mannschaft geben muss. Und ausgerechnet die Blog-Sektion, die ja bei den meisten Zeitungsseiten im Netz, ein wenig öde daherkommt, ist hier, zumindest im Bereich Fußball, oft besonders unterhaltsam. Heute zum Beispiel gibt es einen Eintrag mit dem schönen Titel His name is Luca, he has a vague idea how to score über das Spiel Frankreich gegen Italien. Der Autor ist davon angetan, dass Luca Toni zwar zig Male vorbeigeschossen hat, es aber immer und immer wieder versuchte. “There was something genuinely heroic in his persistence. Any player can fluff one chance and then go into hiding, as Mario Gómez did on Monday. It takes real guts to go on and on and on.” heißt es da und man kann Harry Pearson, dem Autor, nur zustimmen und sich an dieser Stelle dafür entschuldigen, überhaupt jemals Luca Toni in Frage gestellt zu haben, wie ich das vor der letzten Saison hier in diesem Blog getan habe. (Pizarro wollte ich damals behalten bei Bayern. Statt Luca Toni! Ich Depp! Da verlinke ich nicht einmal mehr darauf.) Ich musste bei diesem Guardian-Eintrag mehrmals schmunzeln, aber einmal wirklich lachen und zwar bei folgendem Halbsatz:

… the Bayern Munich striker Luca Toni, who looks like the sort of big-hearted lunk who would work a double shift digging in a coprolite pit so his best pal could go off and impregnate his girlfriend.

Hihi! Ach, Fußball-Kolumnen! Wirklich die schönste Form des Journalismus! Würde ich eigentlich immer sagen, diesmal mache ich es eben als EM-Betrachtung.

Als große Pathos-Brüder habe ich die Schweizer bisher nicht wahrgenommen, aber jener Fernsehbeitrag, den das Schweizer Staatsfernsehen aus den ersten öffentlichen Äußerungen von Alexander Frei nach seiner Verletzung fabrizierte, belehrt mich dann tatsächlich eines Besseren. Großes Kino der Emotionen, Zeitlupe, Klaviermusik, eine Nation weint. Man kann es auch übertreiben, behaupte ich jetzt mal so distanziert und kühl.

Ein wenig peinlich ist mir, dass mir Freis Verletzung immerhin so nahe ging, dass ich während der Live-Übertragung des Spiels tatsächlich den Raum verlassen habe und dem Schlusen eine SMS schreiben musste. In manchen Momenten wollen Männer eben alleine sein, hüstel, oder unter anderen Männern, ähm. Wahrscheinlich hätte mein Film in diesem Moment, falls ich einen hätte produzieren müssen, ziemlich ähnlich ausgesehen.

Heute Abend gegen die Türken also ohne Frei. Ein Elend!

(via medienlese.com)

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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