Tom Kummer zum dritten. Nun umsonst bei Arte, falls Ihr den Dokumentarfilm nicht bereits gesehen habt. Als Film ja alles andere als ein Muss, aber wer sich auch nur ansatzweise für das Phänomen Tom Kummer begeistern kann und was über die Welt des Journalismus lernen will: schnell noch anschauen. Unbedingt.

hamburg, metzgerei, fleisch, cronenberg, videodrome
Diese Metzgerei hat Cronenbergs Videodrome offensichtlich bis zum Schluss gesehen.
Long live the new flesh!

Erst vor ein paar Tagen habe ich ja an dieser Stelle über Tom Kummer geschrieben, ihn vielleicht auch verteidigt. Ob das dazu geführt hat, dass ich nun Teil seines Werkes geworden bin? Immerhin scheinen wir uns zu verstehen, oder zumindest er mich…

Im Folgenden zwei Absätze, der eine vor acht Tagen hier erschienen, der andere gestern aus Tom Kummers Mund auf persoenlich.com publiziert.

Ich über Tom Kummer auf zweitens-magazin.de

“Wie berührend aber die Aussschnitte aus Kummers privatem Videoarchiv sind, das er dem Regisseur komplett überlassen hat, lässt sich gar nicht hinschreiben, nur wegen diesen sollte man den Film schon anschauen. Ein nachdenkliches, eitles, zeitgeschichtliches Dokument, das viel mehr Raum verdient hätte, aber dann wäre es ein Film über einen Jungen aus einem Berner Arbeiterquartier geworden, der nichts aus seinem Tennistalent machte, der in den Achtzigern nach Berlin ging und sich wie so viele selbst (er)finden wollte. Eigentlich viel spannender als ein zehn Jahre alter Medienskandal.”


Tom Kummer über Tom Kummer bei persoenlich.com:

“Und irgendwie denke ich manchmal, hätte man nur meine Videobilder benutzt, wäre vielleicht ein spannender Film daraus geworden: So was wie ein nachdenkliches, sicher auch schön eitles, zeitgeschichtliches Dokument, aber dann wäre es eben nicht ein von einem Tamedia Journalisten inszenierter Dok-Film namens “Bad Boy Kummer” geworden, sondern etwas viel Realistischeres, Tieferes: ein Film über einen Jungen aus einem Berner Arbeiterquartier, der nichts aus seinem Tennistalent machte, der in den Achtziger Jahren nach Berlin ging und sich selbst erfinden wollte. Kann gut sein, dass dies spannender gewesen wäre als ein zehn Jahre alter Medienskandal.”



Erstaunliche Lektion der Kummerschen Textmaschine. Wirklich erstaunlich.
Oder dann doch nicht.

Bad Boy Kummer” – irgendwie war dann doch noch ein Platz für mich frei in der gestrigen Vorpremiere des Dokumentarfilms über einen ehemaligen Journalisten.

Nach zehn Jahren, die bei den wenigsten Involvierten zu einer Beruhigung geführt haben, versucht der ebenfalls involvierte Miklos Gimes (damals stellvertretender Chefredaktor beim Tages-Anzeiger Magazin), eine Art Wahrheit herauszufinden über den “Borderline-Journalisten” Tom Kummer.

In mässigen Bildern, schlechtem Schnitt (split screens!) und mit ein paar albern-nervösen Effekten versucht Gimes sich zu zurückhaltend dem Menschen Kummer und darüber dessen Motivation zu nähern. Gelingt gar nicht, denn Kummer ist weiterhin vor allem gläubiger Erzähler seiner selbst und meist auf seiner erprobten Verteidigungslinie, letzteres vielleicht sogar eher aus juristischen als aus persönlichen Gründen.

Aber immer da, wo Gimes ihn machen lässt, wo Kummer einfach drauflosreden darf, wo er eigentlich schon wieder das nächste Interview plant, da wird es ganz gross. Die seiner Interviewkultur schon immer immanente Meta-Wahrheit bekommt da eine dermassene Berechtigung, sogar Notwendigkeit, dass man laut Danke sagen will für dieses Phänomen der Medienkultur. Wie weit er das System weitergedacht hat, leider mit viel zu wenig Folgen – ob das mal jemand wirklich darlegen kann, in zwanzig Jahren vielleicht? In grad mal zwei Dutzend Interviews die Träume und Mechanismen des medienprominenten Komplexes dermasssen befriedigt, ad absurdum getrieben und demaskiert… Diese Einsichten waren und sind nirgends sonst zu kriegen, nur bei Kummer, egal unter welchen Umständen sie entstanden sind

Wie begeistert und beseelt Kummer noch heute, zehn Jahre später, irgendwelche Fachbücher aus seinem Hausbesetzer-Regal kramt, einen Artikel zur visuellen Informationsverarbeitung im Gehirn gleich mit Scorsese diskutieren will (bzw natürlich gleich Scorsese in den Munde legen will, was für ihn irgendwie auf dasselbe herauskommt) – da wird klar, um wieviel mehr es in dieser Geschichte geht als um einen Schreiber, der Star-Interviews gefälscht hat. All die Empörung seiner Weggefährten von einst, die ihren Beruf bedroht sehen durch seine Machenschaften, sie geht am Punkt vorbei: dieser Mann machte keinen Journalismus, auch keinen New Journalism und keinen Borderline-Journalism, er arbeitete im und mit dem Journalismus, um etwas Umfassenderes zu diskutieren, vielleicht ohne es dabei selbst zu durchschauen. Als pures Feuilleton – ohne jede Verantwortung einer realen Rückbindung – hätten seine Texte ganz einfach nicht diese bezwingende Dringlichkeit bekommen, wären ohne Widerhall geblieben… und hätte ihm nicht das Genick gebrochen. Dass er seinen Betrug und sich selber halt immer noch so sehr rechtfertigen muss, mit dem System, dem Mitwissen, der stillen Komplizenschaft, das macht es ein bisschen langweilig. Vielleicht gab es da mal mehr Leute, die tatsächlich auf diese neue journalistische Form setzten, das wird deutlich in den zahlreichen Gesprächen mit irgendwie Beteiligten*.

Wie berührend aber die Aussschnitte aus Kummers privatem Videoarchiv sind, das er dem Regisseur komplett überlassen hat, lässt sich gar nicht hinschreiben, nur wegen diesen sollte man den Film schon anschauen. Ein nachdenkliches, eitles, zeitgeschichtliches Dokument, das viel mehr Raum verdient hätte, aber dann wäre es ein Film über einen Jungen aus einem Berner Arbeiterquartier geworden, der nichts aus seinem Tennistalent machte, der in den Achtzigern nach Berlin ging und sich wie so viele selbst (er)finden wollte. Eigentlich viel spannender als ein zehn Jahre alter Medienskandal.

_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
* Das SZ-Magazin brachte ja nur Tage, bevor der ganze Skandal im Mai 2000 schliesslich aufflog, seine Jubiläumsnummer mit den lustvoll gefälschten Bildern der eigenen 10-Jahres-Feier, auf der alle Prominenz dieses Planeten versammelt zu sein schien. Und liess “Gerhard Schröder” darin die versammelte Redaktion feierlich ermahnen, “auch weiterhin die journalistische Sorgfaltspflicht hochzuhalten”. Was haben wir gelacht. Nur drei Tage nach Erscheinen kam der Focus mit seiner Enthüllung, die wohl garnicht so eine Enthüllung war.

Mit Faszination zitiere ich da noch aus Ulf Poschardts Vorwort zur bei dtv erschienen Sammlung mit Kummers Interviews, drei Jahre bevor alles rauskam:
“Tom Kummers Texte haben also am Ende im besten Fall drei Autoren: Kummer, den Star und zum Schluss deren Synthese. Je dramatischer die Gespräche sind, um so verworrener äusssert sich diese Autorenvielfalt, um so mehr verschwimmen die Grenzen zwischen den Personen. Aber das passiert nur, wenn zwischen Kummer und dem Star die Chemie stimmt. Auch dafür sind beide zuständig. Dass sie so oft stimmt, könnte damit zusammenhängen, dass Kummer einen grossen Chemiekasten hat. Dass er viele Substanzen und Essenzen kenn, die anderen Journalisten fremd sind, und dass er eigentlich gar kein Journalist ist, sondern einer, der der vor allem gern denkt und mehr noch als an allem anderen an Menschen interessiert ist.”

Heute wäre Steve McQueen 80 Jahre alt geworden.

Vor ein paar Tagen erst, beim Pressescreening von From Paris with Love mit John Travolta, habe ich mir erst wieder gedacht, wie öde diese hyperventilierenden, hektisch geschnittenen Action-Szenen sind, die man im Kino mittlerweile vorgesetzt bekommt. Keine vernünftigen Stunts mehr, keine Körperlichkeit, nichts passiert mehr wirklich. Bezeichnenderweise hat sich der amerikanische Star-Filmkritiker Roger Ebert bei seiner Besprechung dieses Films genau auf diesen Aspekt konzentriert. Diesmal ist es sogar mir kleinem Licht aufgefallen, aber diese Computerschlampereien nerven mich schon geraume Zeit. Erst einmal ist Film Bewegung, dann kommt der Schnitt. Einer der letzten Action-Filme, dem ich das Gezeigte auch geglaubt habe, war übrigens Tarantinos Death Proof. Es gab echte Car Chases mit echten Stunts, ohne Schnitte im Sekundentakt, die das Gesehene nicht mehr nachvollziehbar machen.

Einer meiner Lieblingsfilme ist Bullitt von Peter Yates mit eben Steve McQueen. Ich bin immer wieder begeistert von der berühmten Verfolgsungsjagd: dieses minutenlange Pirschen der beiden Autos durch San Franzisko, dieses Lauern, diese unterdrückte Kraft des Ford Mustangs. Man wartet auf eine Explosion und dann endlich, endlich heulen die Motoren und es geht los! Das ist so brilliant. Ich kann mir die Szene dutzende Male anschauen. Bullitt hat übrigens einen Oskar bekommen – für den besten Schnitt. Natürlich erwähnt Ebert diesen Film in seiner Kritik, als Beispiel aus besseren Zeiten. McQueen hat seine Stunts selbst gemacht.

Der folgende Ausschnitt ist nicht aus Bullitt, sondern aus einem Dokumentarfilm über die Leidenschaft für das Motorradfahren. Der Film heißt On Any Sunday, ist von 1971 und wurde gedreht von Bruce Brown, der dafür sogar eine Oskar-Nominierung bekam. Auch Steve McQueen kommt darin vor. Der Ausschnitt zeigt die letzten paar Minuten des Films, der wunderbar kitschig endet: Steve McQueen am Strand mit Kumpels bei Sonnenuntergang auf Motorrädern.

YouTube direkt

 1 2 3 4 5 älter
Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.