Früher ist das Auto partout nicht angesprungen. Heute hat das Telefon keinesfalls Empfang, wenn es der Filmheld mal wirklich braucht. Rich Juzwiak hat diese obligatorische Szene aus 66 verschiedenen Horror- und Suspensefilmen der letzten Jahre zusammen gebaut. Gibt es eigentlich überhaupt einen neueren Horrorfilm, der spannend ist, obwohl das Mobil-Telefon wunderbar funktioniert? Der Drehbuchautor davon wäre auf jeden Fall ein Gott des raffinierten Filmplots.
Äußerst lesenswert ist Hans Schmids dreiteiliger “Bericht über eine Reise nach Absurdistan” auf telepolis. Der Autor versucht darin, quasi als Rahmenhandlung, Mario Bavas Film Ecologia del delitto von 1971 zu erwerben, einen Film, der von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien 1983 indiziert wurde und somit nicht mehr verkauft werden darf. Natürlich geht es um Zensur und Meinungsmache, Inkompetenz und Ignoranz, um den Unterschied zwischen “gutem Töten” und “bösem Töten” und um die absurde Tatsache, dass ein paar Filmsekunden darüber enstcheiden, ob ein Film jugendgefährend ist oder nicht.
Eine – zugegebenermaßen polemische – Stelle mag ich besonders gern. Der Autor schreibt da über Ten Little Indians von George Pollock, eine Agatha Christie-Verfilmung.
Ich verlange nicht, dass Ten Little Indians auf den Index kommt. Es stellt sich aber die Frage, was Bava falsch gemacht hat und Pollock richtig. Zunächst ist da natürlich die Gewalt. Hitchcock war irgendwann angewidert von Filmen, in denen es “Peng” macht und dann fällt die Leiche um. Deshalb zeigte er in Torn Curtain (Der zerrissene Vorhang) und in Frenzy, dass es viel schwieriger ist, einen Menschen umzubringen, als es uns im Kino meistens vorgegaukelt wird. Bava empfand das wohl so ähnlich. Pollock dagegen hielt sich an die Regeln. Bei ihm ist man weit weg, wenn eine Frau in einen Abgrund stürzt und zerschmettert wird, und er schneidet, bevor das Messer in den Körper eindringt. So ist das Töten, weil “nicht brutal”, erlaubt. Das führt zu kuriosen Sätzen wie dem in der Indizierungsentscheidung der BPjM (Blutrausch): “Die dargestellten Tötungs- und Verletzungshandlungen sind grausam und unmenschlich.” Mir gruselt vor Leuten, die solche Sätze schreiben. Ich dachte, wir hätten uns nach 1945 darauf geeinigt, dass das Töten von Menschen (Bava lässt das auch für die Tiere gelten) prinzipiell grausam ist. Deshalb haben wir die Todesstrafe abgeschafft, statt nach der “humansten” Hinrichtungsmethode zu suchen.
Teil 1: Wie ich einmal versuchte, einen indizierten Film zu kaufen
Teil 2: Einmal gefährdungsgeneigt, immer gefährdungsgeneigt
Teil 3: Amokläufer unter sich
Dieses Hollywood hat immer wieder kuriose Ideen. Ein Kinderbuch, das nun wirklich jeder kennt, in fünffacher Ausführung zuhause herumliegen hat, das aus vielleicht zehn Sätzen (naja, so ungefähr) besteht, zu einem Spielfilm aufzublasen … aber immerhin macht das Spike Jonze und der Song von Arcade Fire ist nun wirklich wunderbar.
Ein kurzer Programm-Hinweis, bevor das Schlimmste passiert und noch mehr Filmperlen ungesehen bleiben. The Good, the Bad and the Ugly ist zum Beispiel schon durch, verloren, ach herrjeh, und so müssen wir Verdammten dieser Erde wieder Jahre warten, um dieses Meisterwerk endlich im Kino zu sehen.
Also: Das Münchner Filmmuseum zeigt derzeit eine Clint Eastwood-Retrospektive. Die Reihe dauert zwar noch bis zum 24. Juni, doch heute Abend gibt es um 21 Uhr The Beguiled (Betrogen) von Don Siegel und als Vorfilm Eastwoods erste nominelle Regiearbeit The Beguiled: The Storyteller zu sehen, ein 12-minütiges Promo Reel über die Dreharbeiten. Morgen um 21 Uhr wird Play Misty for Me (Sadistico) von 1971 gezeigt, der erste Spielfilm in der Regie von Clint Eastwood.
Das Programm zu Clintessenz – Retrospektive Clint Eastwood gibt es beim Filmmuseum zum Downloaden.
Die Berlinale war dieses Jahr für mich geprägt von Extremen. Auf der einen Seite die beeindruckende 70mm-Retrospektive: neben dem DDR-Kostüm-Opus „Goya“ und dem Marlon-Brando-Spaß „Die Meuterei auf der Bounty“ hab‘ ich noch „Lawrence von Arabien“ gesehen. Fast eine Reihe nach hinten gedrückt hat mich im International aber John Fords letzter Western „Cheyenne Autumn“. Es war zwar keine restaurierte Kopie und sie hatte schwedischen Untertiteln, oder waren es norwegische? Aber die Farben und die Schärfe des Monument Valley waren als echte 70mm-Projektion wirklich unglaublich. Und selbstredend ist auch ein mittelmäßiger Western von John Ford besser als fast alle neuen Filme.
Auf der anderen Seite gab es diese vielen ganz kleinen Momente. Natürlich Andre Bujalskis feiner „Beeswax“, wo Bujalski wie schon bei „Mutual Appreciation“ Freunde von ihm beim alltäglichen Konversationswahnsinn auf 16mm filmt. Diesmal als Gerichtsthriller ohne Thrill, wie er beim Q&A danach zugab. Wieder geht es um Beziehungen und Unbeziehungen und all die sprachlichen Vermittlungsversuche, mit viel Witz und Fingerspitzengefühl. Auch die Asiaten haben mich wieder schwer beeindruckt. Etwa das stimmungsvolle koreanischen Road-Movie “My dearest Enemy” von Lee Yoon-Ki, bei dem ein Ex-Pärchen durch Seoul kurvt, damit der Mann Geld für seine Ex-Freundin auftreiben kann. Den stärksten Film fand ich „Claustrophobia“ von Ivy Ho.

Eine Geschichte von einer Handvoll Menschen, die zusammen in einem engen Büro in Hongkong eingepfercht arbeiten, in einem engen Aufzug und einem engen Auto nach Hause fahren. Es geht um das alltägliche Leben in Hongkong also, erklärte die Regisseurin und nennt es auch ein Road-Movie. Wie beim koreanischen Film am Tag zuvor aber nur in einer Stadt. Der Film beginnt mit einer Autofahrt der Gruppe bei der sich zwei Personen anfangen zu streiten. Dann gibt’s einen plötzlichen Sprung in die Vergangenheit und wenig später weiter in die Vergangenheit… Der Film ist rückwärts erzählt, schafft aber das Außergewöhnliche, dass es einem wie eine normale Filmstruktur vorkommt. Langsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die mit dem Anfang ihren Höhepunkt findet. Sehr stark. Das Drehbuch hat Frau Ho übrigens für Herrn To, genau: Johnny To, geschrieben. Nachdem er ein Jahr nix daraus gemacht hat, hat sie’s zurückgekauft und selbst verfilmt.
Diesmal hab’ ich nicht wie letztes Jahr mit “Tropa De Elite” den Gewinnerfilm (“La Teta Asustada”) gesehen. Obwohl ich es mit dem etwas zu naiven “Mammoth” von Lukas Moodysson und dem gradlinig berührenden “London River” von Rachid Bouchareb durchaus versucht habe. Bei letzterem hat immerhin Sotigui Kouyaté den Preis als bester Schauspieler gewonnen. Aber irgendwie gewinnen bei der Berlinale ja immer fast alle Filme irgendwas.
