Ist nicht mein Bier, aber sicher das einiger geneigter Leser:
Heute machte der gepflegte, aber eben lokal verwurzelte Tagsanzeiger auf unserem Frühstückstisch mit einer schönen und langen Zeile auf:
“FCZ-Fans entführten einen Anhänger des Grasshopper-Clubs” (hier der online gestellte, ausführliche Text aus dem Zürcher Lokalteil)
Und daneben ein Kommentar, betitelt “Fussball-Faschismus”.
Auf der Titelseite, wohlgemerkt.
Unschuldige Schweiz… Und irgendwie kommt doch überall die Nervosität auf angesichts der drohenden EM.

EbbsfleetIch habe einen neuen Lieblingsverein in England. Er heißt Ebbsfleet United F.C. (Homepage, im Moment vollkommen überlastet), spielt in der fünften Liga und belegt dort derzeit Platz 10. Vor ein paar Tagen erst habe ich von dem Projekt www.myfootballclub.co.uk (Ebenfalls überlastet. Das Interesse scheint groß) gehört, gestern noch begeistert bei einem Bier davon erzählt und davon gefaselt, dass ich mich auch für 50 Euro daran beteiligen sollte. Und heute wird schon Vollzug gemeldet! (Wieder mal die Frage an mein Ministerium für Information: Warum erfahre ich von so etwas immer erst so spät?) Fußball-Fans haben Ebbsfleet United gekauft. Ich werde da mitmachen! Ich werd’s machen! Ich will auch einen Fußball-Club! Wenn ich die Bilder vom Stadion Stonebridge Road sehe, werde ich ganz kribbelig. Fast so schön wie die Alte Försterei. So ein schönes, kleines Stadion! Und ganz ohne Playmobil-, Allianz-, Daimler-, Leckmich-Zusatz! Blöd nur, dass man da nur so selten hingehen könnte. Dafür wird man wohl die Spiele von Ebbsfleet United im Internet verfolgen können.

PS: Die deutsche Version dieser Aktion klub-der-fans plätschert eher noch so dahin, habe ich das Gefühl. Bisher haben sich etwa 4000 Menschen angemeldet. Aber die Vorstellung, z.B. den maroden TSV 1860 München zu übernehmen und dann wieder ins Grünwalder umzuziehen, hätte durchaus auch etwas. Vielleicht brauche ich irgendwann noch einen zweiten Fußballclub.

PPS: Wo liegt denn jetzt dieses Ebbsfleet? Wohl irgendwo in Kent.

Schuld an der Niederlage von Borussia Dortmund in Hannover ist der Behaviorismus. Das hört sich kompliziert an und das ist es leider auch. Wer den modernen Fußball begreifen will, der darf nicht einfach Tore addieren, der darf nicht einfach Zweikampfstatistiken führen oder Übersteiger zählen, der darf sich heutzutage nicht auf simple Statistiken und Spielanalysen verlassen. Wer den modernen Fußball begreifen will, muss die Psyche berücksichtigen. Und jetzt wird es kompliziert, an dieser Stelle braucht man den Behaviorismus. Auf einen einfachen Nenner gebracht ist der Behaviorismus diese Sache mit dem positiven oder negativen Feedback. Das kann man beispielsweise zu Erziehunsgzwecken einsetzen, nach dem Motto: Wenn du schön brav bist, dann bekommst du ein Schleckerl. Wenn du böse bist, dann gibt’s ein paar aufs Maul. Zwar raten Experten heute dringlichst von diesem Konzept ab – die menschliche Psyche gilt heutzutage als komplexer und Hauen darf man sowieso nicht –, aber ganz aus der Welt ist dieses Konzept dennoch nicht, was sicher mit seiner simplen Wenn-Dann-Logik zu tun hat.

Borussia Dortmunds Abteilung für Volks- und Presseerziehung – moderne Vereine haben heutzutage Abteilungen für alles – hat versucht, dieses etwas angestaubte pädagogische Konzept im Fußball-Zirkus anzuwenden. Ab dem dritten Spieltag wurden die Medien für ihren Ungehorsam mit einem Presseboykott bestraft. Dieser Boykott dauerte bis zum vergangenen Mittwoch nach dem Pokalspiel gegen die Eintracht, dann wollte man wieder mit der Presse reden. Nur: Auf einmal wollte die Presse nicht mehr! Sie war zickig! Sie hat ihrerseits einen Presseboykott über Dortmund bis zum Ende des Spiels gegen Hannover verhängt. Das ist das Kreuz mit dem Behaviorismus. Wenn er nicht funktioniert, dann wird es bitter. Auf einmal fand sich die Borussia in der Position eines Lehrers wieder, der vor seiner Klasse steht und feststellen muss, dass seine pädagogischen Bemühungen nicht nur nichts, sondern vielmehr das Gegenteil bewirkt haben. So etwas führt zu Frust, zu schlaflosen Nächten, zum Burnout, zu schwerwiegenden psychischen Problemen. So kann kein Mensch vernünftig Fußball spielen, dann verliert man eben Spiele. Das dürfte jedem einleuchten.

Und dennoch muss nicht gleich jegliche Pädagogik über Bord geworfen werden. Lehrreich ist die Geschichte nämlich allemal: Zwar fehlten die O-Töne von Dortmunder Spielern, aber Berichte über die Spiele der Borussia gab es natürlich trotzdem. Vielleicht wurde darin mehr Wert auf die Zweikämpfe gelegt oder auf die Spielanalyse. Vielleicht ging es einfach mehr um Fußball als um Befindlichkeiten. Das ist zwar vielleicht nicht so modern, aber dafür könnte man sich diese albernen psychologisierenden Erklärungsversuche einschließlich Behaviorismus dann auch schenken.

… oder hat der Moderator des Länderspiels Deutschland-Tschechien gerade tatsächlich im ZDF gesagt, man könne den Kommentar ausblenden, wenn man sich dadurch gestört fühlt? Das wäre wirklich mal innovativ. Wahrscheinlich habe ich mich nur verhört. Ja, so muss es gewesen sein.

Ein vernünftiger Tag fängt mit einer Tageszeitung an. Immer noch trotz Internet. Dafür stehe ich mindestens eine Stunde vor dem Verlassen des Hauses auf. Natürlich lese ich als erstes den Sportteil, eigentlich alles über Fußball, das meiste auch über die anderen Sportarten, wobei es manchmal durchaus vorkommen kann, dass ich Berichte über diese Schneller-Höher-Weiter-Wettkämpfe nur überfliege. Danach kommen dann Politik oder Feuilleton, je nach Lust und Laune. Den besten Sportteil aller deutschen Zeitungen hat auf jeden Fall und mit Abstand die Süddeutsche Zeitung. Das ist der Grund, warum ich immer (auch) die SZ lese und mich seltsam uninformiert fühle, wenn ich an einem Montag beispielsweise mit der Rundschau vorlieb nehmen muss. Deren Sportteil ist zweite Liga. Maximal.

In letzter Zeit überlege ich mir aber immer häufiger, ob ich nach dem Aufstehen nicht besser sofort meinen Computer anschmeißen und mir diese Einsachtzig schenken sollte. Den wichtigsten Sport-Artikel der morgendlichen Printausgabe kenne ich nämlich meist schon. Er steht neuerdings bereits am Vortag, etwa gegen 17 Uhr, im Netz. Heute gibt es beispielsweise ein schönes Interview mit Joachim Löw, in dem er tatsächlich viel über seine Arbeit erzählt. Nur: Es war nicht mehr neu. Es war von gestern, aus dem Netz. Und, Bonmot, nichts ist so alt wie eine Zeitung von gestern. Genau dieses Gefühl überkommt mich da beim Frühstücken. Von eineinhalb Seiten Fußball kenne ich bereits das Sahnestück, das etwa die Hälfte ausmacht. Gut. Es gibt auch noch Mannschaftsaufstellungen (wie überall im Netz auch), ein paar taktische Einschätzungen für das Spiel gegen Tschechien, aber mal ganz bescheiden: Das traue ich mir bis zu einem gewissen Grad auch selbst zu.

Der Online-Auftritt der SZ bekommt seit einiger Zeit genug Schelte für miese Artikel und lästige Bildergallerien. Schon klar. Also versucht man halt, die ganze Sache auf ein höheres Niveau zu heben, indem man, quasi als Schmankerl, gute Artikel ins Netz stellt. Natürlich ist schon ein wenig gemein, da zu mäkeln. Nur: Die eigentlich Zeitung zu lesen, macht dann halt einfach keinen wirklichen Spaß mehr. Mir ist nicht ganz klar, warum z.B. dieses Interview an Wert verlieren sollte, wenn man es erst heute früh online freischalten würde. Das ist doch keine EILMELDUNG, das bleibt doch sowieso exklusiv, da muss doch kein Mensch schneller sein als Spiegel Online. So ein Interview würde ich gerne zum Frühstück lesen. Es scheint aber bei vielen Tageszeitungen noch nicht angekommen zu sein, dass es Menschen wie mich gibt, die den ganzen Tag im Internet unterwegs sind und trotzdem noch eine Zeitung haben. Ich lese Zeitung, weil es mir manchmal gehörig auf die Nerven geht, dass es sogar bei solchen Geschichten wie einem Exklusiv-Interview darauf anzukommen scheint, was der Zeitstempel im Netz sagt. Ich hätte ohne diese Infos aus dem Gespräch auch ganz gut bis heute früh leben können. Heute hätte ich mich darüber gefreut und es gemütlich gelesen. Gestern habe ich es nur überflogen, wie ich es immer öfter mache mit diesen Schneller-Höher-Weiter-Sachen des Netzes.

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    • slu: Prima Teil, schönen Dank für den Tipp.
    • maxl: danke dir Karl, das muss noch auf Tape für die routes nationales, ab...
    • alpe: “… sueddeutsche.de, Deutschlands beste...
    • 42317: Nach meiner Japanerfahrung stimmt der Kommentar von Herrn Koelling....
    • Ben: Wenn man die Vorbereitung als Maßstab nimmt, dann wird Holland in der...
    • Verstand in Gefahr?!: Die Gruppe E verspricht durchaus spannend zu werden....
    • maxl: wunderschön. und so kurz. danke
    • slu: Ganz ehrlich: eigentlich ein Skandal, dass die Algerier dabei sind und...
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