Nach jahrelangem Nachdenken und einer gehörigen Portion Textexegese habe ich jetzt endlich eine Definition für “Kunst” gefunden. Sie ist frappierend einfach. Sie lautet: “Kunst ist all das, was in der New York Times unter Arts steht.”

Wenn man als Feuilletonist, Journalist oder sonst wer seine Leser von der Relevanz, ja Kunsthaftigkeit eines Themas überzeugen will, dann schreibe man: “Sogar die New York Times hat über dieses Thema geschrieben, sogar eine ganze Seite unter Arts.” Ich habe kaum eine Besprechung des Computerspiels Grand Theft Auto 4 gelesen, in der nicht eben jener Kunstgriff der Kunstdefinition wegen verwendet wurde.

Amüsant finde ich daran, dass sich augenscheinlich halbwegs intelligente Menschen ziemlich minderwertig fühlen müssen, wenn sie gerne Computerspiele spielen. Einfach spielen geht nicht, wenigstens muss es Kunst sein, womit wir Bildungsbürger uns beschäftigen. Im Normalfall erwartet man von Computerspielen anscheinend gar nichts. Wie sonst könnte man sich beinahe in die Hose machen vor lauter Begeisterung ob des, nun ja, kritischen Potentials oder der “im Mainstream selten gewordenen Subversivität”, die man sich nur erlauben könne bei einer Kundschaft, die daran gewöhnt sei, von eben diesem Mainstream als brutalisierte Idioten angesehen zu werden, wie beispielsweis Kollege Christian auf spon schreibt.

Die viel zitierte Subversivität ist in erster Linie Haudrauf-Parodie: Hey! Endlich zeigt’s einer mal dem American Dream! Und New York heißt Liberty City und die Freiheitsstatue hat ‘nen Kaffeebecher in der Hand! Und es gibt im spielinternen Internet Dating-Seiten, die Dating-Seiten verarschen und die Polizei erst! Die ist auch korrupt! Und es gibt ein Bier das Pisswasser heißt! Und die Dialoge sind auch ganz gut und um einen der Fastfood-Läden wanken nur besonders fette Leute herum. Check’s halt! Voll krasse Kritik, oder? Spricht ja nichts dagegen, finde ich als alter Punkrocker sogar ganz sympathisch, aber eine Neuerfindung des Rades ist das auch nicht.

Wirklich seltsam sind allerdings Aussagen, wie sie etwa Thomas Lindemann, Welt-Kulturredakteur, in einem Interview mit golem.de tätigt: “Die coole Kinoaction hat sich seit jeher am Videospiel inspiriert.” In meinem bescheidenen Weltbild orientieren sich Spiele wie Grand Theft Auto 4 seit jeher an der coolen Kinoaction, vor allem der Siebzigerjahre, an all den Cop- und Gangstermovies mit den wüsten Verfolgungsjagden und den gebrochenen Persönlichkeiten, die – und das nur nebenbei – sehr häufig den American Dream ad absurdum geführt haben. Und an diesem Punkt zeigt sich dann doch das große Defizit eigentlich aller Computerspiele im Gegensatz zum Film: Auch GTA4 schafft es kaum, eine Geschichte zu erzählen, in der die Hauptfigur mich als Spieler mehr interessiert ist als jeder andere x-beliebige Pixelhaufen der Computerspiel-Geschichte. Die eigentliche Story wird dann doch wieder in filmischen Zwischensequenzen erzählt, die ich meist dazu nutze, um mal kurz die Hände auszuschütteln und mir ein Getränk aufzumachen, weil sie mir nach stundenlangem Autofahren, reichlich willkürlich getimed, eine Pause gönnen. Mitgefühl mit Niko Bellic? Der ist mir vollkommen wurscht, auch wenn ich ihm mal einen schicken Anzug kaufe oder ihn mit irgendeiner Frau zum Bowling schicke, weil das Spiel das so will.

Natürlich ist Grand Theft Auto 4 ein Riesending und natürlich hat es großen Einfluss auf die Popkultur. Meine Güte, alles hat Einfluss auf die Popkultur. Es ist ein fantastisches Computerspiel. Es sieht aus wie tausende Filme. Nicht mehr, nicht weniger. Kirche beim Dorf lassen usw. Ob das Kunst ist, ist mir persönlich wirklich egal. Ich spiele es so oder so und habe einen Heidenspaß dabei. Wird schon stimmen, das mit der Kunst. Steht ja in der New York Times.

Zwar ist die BBC-Doku Trigger Happy: The Irresistible Rise of the Videogame schon ein wenig betagt und wird gleich noch älter, wenn man ihr dauerbeschleunigtes Thema Videospiele in Betracht zieht, aber interessant anzusehen ist sie trotzdem immer noch. Durch das Programm führt der Autor, Journalist, Komponist für Filmmusik und was auch immer Steve Poole, dessen Website immer wieder einen Besuch wert ist. Dort darf man auch das erste Buch des Autors mit gleichnamigem Titel Trigger Happy über die Ästhetik von Videospielen herunterladen, das zwar ebenfalls schon etwas älter und in Anbetracht des Themas, usw… trotzdem äußerst lesenswert ist. (Gab es den Hinweis hier schon einmal? Egal. Suche findet nichts.)

Und ich bin prompt wieder angefixt und finde meine Xbox gerade unwiderstehlich. Endlich wieder ganz ohne Ring of Death.

Ein schönes Video-Performance-Projekt hat der Schweizer Künstler Guillaume Reymond am Start (Dank dir für den Hinweis, Hansbap). Es heißt GAME OVER und wurde bzw. wird immer noch in Stop-Motion-Technik realisiert. Bisher gibt es vier kurze Filme, in denen alte Atari-Konsolenspiele in einem Theaterparkett mit einer Vielzahl Menschen nachgespielt werden, die im Abspann unter der schnöden Bezeichnung “Pixels” genannt werden, was ich – nebenbei bemerkt – schon ziemlich future finde von wegen “Menschen nur noch Nummern” oder so.
Der Inhalt der ganzen Sache ist natürlich ziemlich retro. Zurück zu den Anfangstagen unseres geliebten multimedialen Wohnzimmers. Und prompt stellt sich beim Zuschauen jenes wohlige Gefühl ein, dass der Besuch bei den Nachbarsjungen vor Jahren auslöste, die eine solche Atari-Konsole ihr Eigen nennen durften. Ohne zu wissen, ob ich da jetzt einiges verkläre, bin ich mir dennoch sicher, schon als Pimpf gespürt zu haben, dass diese Geräte unser aller Spielen verändern werden. Mit Fang-den-Hut war das zumindest nicht mehr zu vergleichen, sondern erinnerte eher an die Besuche in der Physik-Abteilung des Deutschen Museums, wo beim Drücken der Knöpfe an den Glaskästen auch tatsächlich etwas passierte. So naheliegend der Titel GAME OVER hier auch sein mag, so gelungen finde ich ihn auch, da ich genau daran denken musste, dass Spielen just mit dem Auftauchen der Spielekonsolen eine schwer technologisierte Sache wurde. Nach den ersten paar Nachmittagen meines Lebens vor so einem Gerät dauerte es schon eine geraume Zeit, bis ich herkömmliche Brettspiele am Wohnzimmertisch wieder als gleichwertig in Sachen Spaß empfand. Game over für Fang-den-Hut sozusagen – zumindest eine Zeit lang!
Auf der Website des Grafikbüros NOTsoNOISY von Guillaume Reymond gibt es bisher vier Video-Performances zu vier Spielen. In allen Videos ist der alte Fiep- und Piep-Soundtrack der Spiele mit menschlicher Stimme vertont. Zuletzt wurde TETRIS nachgebaut. Außerdem gibt es noch SPACE INVADERS, bei dem die Menschen in den Theaterreihen so wunderbar wackeln, wie es damals die Pixel-Raumschiffe getan haben, und – natürlich – den Klassiker-Klassiker PONG.

Mein Liebling ist jedoch POLE POSITION. Nach wenigen Sekunden vergisst man, dass da Menschen in den Reihen herumrutschen, dann hinein in die Nachtfahrt und – crash – gegen die Wand! Wunderbar!

Ebenfalls auf der Seite des Künstlers befindet sich dieser TV-Werbespot für Pole Position aus dem Jahr 1982, der wirklich ein Augen- und Ohrenschmaus ist. Starke Mucke, hat man gleich Lust auf das Spiel. Sensationsheischender könnte man auch die Games von heute kaum bewerben. WROOOM! CRASH!

guesthouse.jpgLost in einem Flash-Spiel, im Ernst, ich finde nicht mehr raus! Was nicht weiter schlimm ist, weil das der Sinn des Spiels ist. Schlimmer ist, dass mich dieses Spiel schon geraume Zeit ziemlich fasziniert. Man muss einfach aus einem Raum entkommen, klassisches Point-and-Klick. Aber meine Fresse! Das Spiel packt mich an meiner Denker- und Knobel-Ehre! Es heißt “Guest House” und stammt von japanischen Entwicklern namens Terminal House. Im besten Sinne schlichte Grafik, dazu ewig nörgelnde Musik – ich werde allmählich latent paranoid. “Escape-the-room”-Puzzle-Game nennt sich so etwas und diese Japaner haben noch mehr davon gemacht. Mehr weiß ich nicht, ist alles auf japanisch dort. Und, nein, ich werde nicht im Netz nach Tipps, Walkthroughs oder Sonstigem suchen. Ich muss da selber durch bzw. raus! Momentan habe ich nicht den Hauch einer Idee, was ich mit dieser Cola-Dose machen soll.

Einerseits juckt es mich ja doch im Zeigefinger, ich mag Ego-Shooter einfach, ich schlechter Mensch! Andererseits geht mir der Hype um dieses Halo 3 schon wieder so dermaßen auf die Nerven, dass ich gar keine Lust habe, meine über den Sommer eingestaubte Konsole deshalb wieder hervorzukramen. Andererseits regnet es in Strömen und es sieht nicht so aus, also ob sich da so schnell etwas ändern würde. Andererseits müsste ich sowieso etwas arbeiten. Ich suche sogar beim simplen Kauf eines Konsolenspiels tagelang Argumente dafür und dagegen. Der Preis ist da gar nicht so wichtig. Irgendwie mag ich ja Shooter schon deshalb, weil sich die halbe Welt darüber aufregt. So einfach gestrickt bin ich. Besonders schön aufregen kann sich zum Beispiel Lyndon LaRouche, dessen Frau Helga Zepp-LaRouche als Chefin dieser obskuren, bei uns beheimateten Bürgerbewegung Solidarität fungiert, die sich ausdrücklich auf LaRouches Ideen beruft. Diese Ideen versteht, fürchte ich, keiner. Ein wilder Mix aus linken und rechten Ansichten mit einem gehörigen Schuss Verschwörungstheorie, Antiglobalisierung und Apokalypse, ins Totalitäre tendierend. Auf der Website des Lyndon LaRouche Political Action Comittee, auf der unter anderem die Lüge von der globalen Erderwärmung gegeisselt und der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems vorausgesagt werden, habe ich bei meiner Entscheidungsfindung einen Artikel gefunden mit dem interessanten Titel Halo 3: The ‘Third Wave’ of Destroying the U.S.. Jetzt liegt mir definitv nichts daran, die USA zerstört zu sehen, aber lesen muss ich sowas dann doch immer. Letzten Endes wird in diesem Artikel über einen nach Meinung der Autoren ganz perfiden Plan der Computerspielindustrie und Hollywood fabuliert, nämlich das Bild vom Menschen zu entmenschlichen. Um Kriege wie den im Irak zu führen, beispielsweise. Maybe, maybe, sage ich da nur und sehe es einerseits irgendwo schon ein, dass Zwölfjährige auch im virtuellen Raum nicht unbedingt Menschen mit Motorsägen in Stücke schneiden sollten. Andererseits sollten sich Jugendliche definitv nicht LaRouche Youth Movement Counter-Intelligence Team nennen, bei irgendeiner komischen Polit-Sekte mitspazieren und unter diesem blöden Namen hysterische Artikel wie den erwähnten schreiben, in denen dann beispielsweise Bertrand Russell als satanischer und pervertierter Charakter bezeichnet wird. In besagtem Artikel steht weiter:

The vicious attack on the human mind by this cybernetics cult has been one of the key tricks by the oligarchy, that has arrested the development of the youth, today, preventing any consistent intellectual and political motion to change the world.

Hört sich irgendwie nach einer dieser dürftigen Hintergrund-Stories von einem Shooter an. Holy Shit, der Cybernetics Cult ist los und will die Welt versklaven. Auf einmal klingt Youth Movement Counter-Intelligence Team für mich irgendwie nach, nunja, Counterstrike-Clan in der echten Welt. Ist Halo 3 jetzt Pflichtspiel für Counter-Counter-Intelligence, sozusagen to arrest the development of the youth, bevor sie LaRouche Youth Movement Counter Intelligence Teams werden und die Welt mit Dünnsinn changen? So symbolisch gesprochen, mein ich. Master Chief, hilf!

Wie gesagt: Ich suche eigentlich nur Argumente für oder gegen die Anschaffung von Halo 3. Ich glaube, mich interessieren die dagegen gar nicht mehr. Ich sehe eh schon alles durch die Halo 3-Brille, durch meinen Helm, ich Master Chief, ich.

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