Gestern war ich auf dem besten Konzert seit sehr, sehr langer Zeit. Es war ein Jazz-Gig, wo ich irgendwie gerade öfters bin, als bei Pop oder Rock. Saxophonist Donny McCaslin hat in der Unterfahrt mit seinem Trio zwei Sets abgeliefert, die wirklich ungeheuerlich waren. Gut, ich saß ein Meter von der Bühne weg und dann ist in so einem kleinem Club der Sound halt quasi unverstärkt und einfach nur phänomenal. Und wenn man dann wie ich nur gelegentlich solche intime Jazzclubatmosphäre schnuppert, dann ist das jedes Mal echt erfrischend. McCaslin spielt einen harten Ton und muss in seinem Trio nur mit Bass und Schlagzeug quasi permanent ins Limit gehen. Kein Begleitklavier sorgt da für schöne Harmonien. Nach den Dinosauriern Sonny Rollins, Wayne Shorter und Co. zählt McCaslin mittlerweile zu den besten Saxophonisten, die zu hören sind. Scott Colley am Bass und Antonio Sanchez am Schlagzeug sind in der gleichen Liga. Zusammen hat das dann genau die pulsierende Energie, die wohl nur der Jazz hinbekommt. Eine CD hab’ ich mir natürlich auch gekauft, aber bis jetzt weigere ich mich, die Eindrücke von gestern mit irgendeinem Sound zu vermengen.
Im Video-Netz gibt’s leider nur eine große McCaslin-Gruppe, wo immerhin auch Colleys engagierter Bass-Stil zu bewundern ist. So ab Minute 4:20 geht das los, was McCaslin gestern zweieinhalb Stunden geboten hat. (Im gleichen schicken Hemd, was auf meinem Action-Foto nicht ganz zu erkennen ist) Leider bearbeitet Adam Cruz die Drums längst nicht so überraschend wie Sanchez. An der Trompete ist Dave Douglas, den ich lustigerweise letzten Freitag im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks mit der HR-Bigband gesehen hab’, was auch ein schönes Konzert war. Aber derartig konzentrierte Kraft wie gestern in der Unterfahrt hab’ ich selten erlebt.
Ganz oft wird ja die erste Platte, die man von einem Künstler hört, auch gleich die Lieblingsplatte. Ist dann hinterher nicht mehr zu übertreffen. Bei Bob Dylan war es bei mir „Nashville Skyline“, die wir vor fast zwanzig Jahren bei den Eltern eines Freundes fanden und die uns dann einen Sommer lang begleitet hat und die ich immer noch umwerfend finde. In einer Februarwoche 1969 hat Dylan dieses Country-Album in Nashville eingespielt und Johnny Cash war zwei Tage davon dabei. Jetzt hat das deutsche Label „The Swingin‘ Pig Records“, das als Bootleg-Label bekannt ist, erstmals über ein Dutzend Songs veröffentlicht, die Cash und Dylan damals gemeinsam eingespielt haben. Von denen es jedoch außer „Girl of The North Country“ keiner auf Dylans Platte geschafft hat. Unter dem Titel „Songs from the real America“ gibt es da Songbook-Stücke wie „You Are My Sunshine“ oder „That’s Alright Mama“, genauso wie die Cash-Hits „I Walk The Line“ und „Ring of Fire“. Mit schmissigem Country-Rock lassen die beiden Herren prächtig die Funken fliegen. Ganz stark! Bass-Barde Cash und Country-Revoluzzer Dylan als absolutes Dreamteam. Davon kann man absolut nicht genug bekommen. Wie diese Session überhaupt gerettet wurde, kann man
So ein Schmarrn! Da sitzt man oft wochenlang herum und wartet darauf, endlich mal wieder auf ein Konzert zu kommen und dann so was: morgen spielen fast ein halbes Dutzend interessanter Musiker gleichzeitig. Wer sich so was ausdenkt?!? Okay, die Texaner Explosions In The Sky mit ihren instrumentalen Soundflächen hätte ich mir im Feierwerk vielleicht nicht unbedingt angeschaut, müssen aber live wirklich gut sein. Und Elektrofrickler und Turntable-Rocker Schneider TM treibt in den Kammerspielen erst in der Spätschicht die Beats an. Ist also durchaus mit einem zweiten Konzert zu kombinieren. Dass aber Dinosaur Jr. und Bill Callahan gleichzeitig spielen, da bin ich echt sauer. Die Indierock-Heroen waren letztes Jahr nur als Vorband der Red Hot Chili Peppers im Olympiastadion da, davor vielleicht vor zwanzig Jahren. Morgen also in der Muffathalle. Und Bill Callahan hat auch zuletzt in den 90ern seine meditativen Depri-Epen zelebriert. Damals, meistens im Substanz, machte er alles allein und nannte sich Smog. Jetzt hat er eine Band und nennt sich Bill Callahan. Lustig. Aber da ich letztes Jahr für einen Chili-Pepper-freien Auftritt von Dinosaur Jr. extra nach Berlin gefahren bin – was sich sehr gelohnt hat – wird es morgen der Herr Callahan im Orangehouse werden. Der hat auch noch den schottischen Barden Alasdair Roberts dabei, zu dessen Balladen man sich allein schon prima betrinken könnte. Aber Gitarren-Gott J. Mascis gleichzeitig in der Stadt zu wissen…
Das wusste man ja eigentlich schon vorher, dass Iron & Wine mehr als nur wunderschön verspielte Folkmusik machen. Sam Beams Auftritt passte aber wirklich unglaublich in die St. Jakobs Kirche in Dachau. Noch vor dem ersten Song erklärte der bärtige Barde zu kleinen technischen Problemen, dass wohl da oben jemand was gegen eine Rock-Show in einer Kirche habe. „Aber wir hören sowieso nicht auf Gott“, meinte Beam lachend. Gleich bei der ersten Nummer „Trapeze Swinger“ sang er aber was von “God and Lucifer” von “An angel kissin on a sinner”. Zwar metaphorisch gemeint. Trotzdem wurde man das Gefühl nicht los, dass es Beam und seiner Schwester Sarah schon sehr gut gefiel in diesem barocken Ambiente. Zusammen sangen sie in höchsten Tönen von der Melancholie. Und zwar dermaßen engelsmäßig, dass einem Angst und Bange wurde. Fast schon transzendent. Und der von meiner schlechten Handykamera rechts außen eingefangene Paul Niehaus legte gleich noch seinen sanften Slidegitarren-Segen darüber. So andächtig ging es los das Konzert – und so endete es auch. Dazwischen halfen noch fünf weitere Musikanten, Beams bezaubernd krude Geschichten zu vertonen. Neben Slide-Gigant Niehaus (Calexico) etwa noch Ben Masarella (Califone) an seinen bunt klimpernden Percussions. Tatsächlich eine Offenbarung in einer am Ende ziemlich kalten Kirche. Und voll war das Haus auch. Knapp fünfhundert begeisterte Jünger.