Das Video ist zwar schon geraume Zeit im Netz, für mich aber vollkommen neu. Wer kann schon ahnen, dass es zu Pynchons neuem Roman einen Buch-Trailer gibt? Dass es überhaupt Buch-Trailer gibt? Manchmal lebe ich echt hinterm Mond.
Pynchon spricht übrigens selbst, was man bei Penguin nach anfänglicher Geheimnistuerei dann doch zugegeben hat.
Gerade habe ich „Gegen den Tag“ zu Ende gelesen. Auch ich hab‘ mir bis auf einen Urlaub, in dem ich die ersten dreihundert Seiten gelesen habe, keine Auszeit für das Buch gegönnt. Da muss ich Max Recht geben, die Zeit der aufopferungsvollen Buchverschlingprojekte scheint endgültig vorbei. Also hat’s halt neun Monate gedauert. In kleinen Happen, meist in S- oder U-Bahn, oder Bus. War nicht das einzige Buch in dieser Zeit. Aber da es mein erster Pynchon war, und er ja von Anfang an Spaß macht, wollte ich einfach nicht aufgeben. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es ist zu Beginn ein Abenteuerbuch und bleibt es bis zum Schluss. Und ich kann nicht behaupten, dass ich die Mehrzahl aller technischen, philosophischen oder naturwissenschaftlichen Anspielungen verstanden habe, oder dass ich immer wusste, was für eine Figur da mal wieder etwas erlebte, geschweige denn wo sie war und mit wem sie gerade umherzog. Aber allein der (fantastisch übersetzte) Humor hat mich wirklich immer wieder von einer Seite zu nächsten gebracht. Und wenn fünf Seiten vor Schluss, wo man längst die schweren erzählerischen und inhaltlichen Geschütze erwartet, folgender Song erklingt, dann bin ich nichts anderes als begeistert:
Wir sind Vegetarier …
Kein Wenn, kein Und, kein Aber,
Unschuldige Agrarier,
Echte Naturliebhaber.
Gulasch ist verboten,
Ebenso Hax’ vom Schwein,
Wir essen lieber Schoten
Und lassen Fleisch Fleisch sein.
Hände weg von Châteaubriand,
Auch kein Tatar auf Toast,
Fleischesser sind voll Unverstand,
Vegetarier sind getrost.
Wir sind Vegetarier,
Argentinien kann uns mal,
Keine Larifarier,
Unser Wille ist wie Stahl.
Gauchos schleudern Flüche,
Ihre Kühe woll’n wir nicht,
In uns’rer Gemüseküche
Ist Fleischlosigkeit uns Pflicht.
Dieser Sommer wird ein Pynchon-Sommer auf zweitens-magazin. Soeben ist “Gegen den Tag” auf Deutsch erschienen.
Am Sonntag habe ich angefangen zu lesen. Die Bedingungen waren perfekt, wie ich finde. Ich saß im Biergarten am Chinesischen Turm. Das Wetter war wunderbar, eine Russenmaß stand vor mir, die Blasmusik spielte und die Bayernfans tranken sich warm für das Spitzenspiel gegen den VfB Stuttgart. Weit bin ich noch nicht gekommen, aber nach wenigen Seiten hat mich schon wieder dieses seltsame Pynchon-Reisefieber ergriffen. Wie wird die Welt danach aussehen?
Wir werden in den nächsten Wochen, vielleicht auch Monaten, versuchen, dieses zu Buch lesen und (hoffentlich) regelmäßig hier auf zweitens-magazin über unseren Lesetrip schreiben: Anmerkungen, Gedanken, vielleicht auch nur ein paar Sätze als Zitat, wenn sie uns besonders gut gefallen. Der Spaß daran ist das Wichtigste. Und wenn es nur bei dieser – zugegebenermaßen etwas großspurigen – Absichtserklärung bleiben sollte – auch egal! Nebenbei: Gemeinsam ein Buch lesen – wann hat man das zuletzt getan? Man sollte es zumindest mal wieder versuchen. Vielleicht hat ja auch der eine oder andere Leser dieses Blogs Lust dazu.
“Es wirken mit: Anarchisten, Ballonfahrer, Spieler, Industriekapitäne, Drogenenthusiasten, Unschuldige und Dekadente, Mathematiker, verrückte Wissenschaftler, Schamanen, Psychotiker, Zauberkünstler, Spione, Detektive, Abenteuerinnen und Auftragskiller” – so Pynchon selbst.
Was könnte man noch mehr wollen?
